Die Erzgebirgsbahn stellt die Weichen - nun auch elektronisch!

Bereits am 6. Juni 2005 wurde unter großer Beteiligung von Vertretern der örtlichen Politik, der Firma Siemens der Erzgebirgsbahn und vielen Gästen das Richtfest für das neue Elektronische Stellwerk (ESTW) für die Strecke von Erdmannsdorf Augustusburg nach Annaberg auf dem Bahnhof Annaberg-Buchholz Süd gefeiert. Mittlerweile ist der erste Abschnitt am 5. November 2005 in Betrieb gegangen. Dieses ESTW ist eine Neuheit in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist ein ESTW im Erzgebirge ein Novum an sich - ein Sinnbild einer modernen, effizienten und leistungsstarken Schiene, was gerade auf dieser Strecke noch vor wenigen Jahren nicht denkbar gewesen ist. (Jeder Mensch, der auch nur etwas von der Materie versteht, hätte sich wahrscheinlich vor 15 Jahren totgelacht, wenn dies als mögliche Perspektive auch nur ansatzweise erwähnt worden wäre.) Zum anderen ist diese ESTW-Bauform die neueste, die die Firma Siemens anbietet.

Mit der etappenweisen Inbetriebnahme (der erste Abschnitt zwischen Annaberg-Buchholz Süd und Annaberg-Buchholz unterer Bahnhof wurde am 5. November 2005 zugeschaltet) begann zugleich die Erprobungsphase dieses ESTW-Typs für eine deutschlandweite Zulassung für den Einsatz auf Haupt- und Nebenbahnen. Somit hat dieses Projekt einen Modellcharakter für Deutschland. Damit gelingt der Erzgebirgsbahn erneut ein qualitativer Sprung in Richtung einer modernen und leistungsfähigen Infrastruktur. Die Einrichtung des ESTW stellt quasi den Endpunkt des grundhaften Ausbaus der Strecke Annaberg-Buchholz - Flöha (AF-Linie) dar. Es ist, so die verantwortlichen Vertreter der Erzgebirgsbahn, geplant, Schritt für Schritt, vom Bahnhof Annaberg-Buchholz Süd beginnend, die gesamte Strecke bis zum Bahnhof Erdmannsdorf-Augustusburg an das neue ESTW anzuschließen. Mit dieser umfangreichen Baumaßnahme gehen natürlich auch die notwendigen Rationalisierungsmaßnahmen einher. So werden eine Reihe von Nebenanlagen rückgebaut und einige Bahnhöfe den heutigen Erfordernissen entsprechend angepaßt bzw. in Haltepunkte umgewandelt.

Ein echter Höhepunkt stellt dabei der neue Bahnhof Annaberg-Buchholz Süd als zukünftiger betrieblicher Mittelpunkt dar. In den letzten Jahren bis zur Unkenntlichkeit heruntergekommen, präsentiert er sich heute, trotz immer noch stattfindender Bauarbeiten als vorzeigbarer Bahnhof und zukünftiger Betriebsmittelpunkt - aufgeräumt, mit neuem Bahnsteig, moderner Signaltechnik und erneuerter heller Bahnsteigunterführung. So kann man sich heute durchaus modernen und effizienten ÖPNV im 21. Jahrhundert auch in der Erzgebirgsregion vorstellen. Mit dem Aufstellen der neuen Signaltechnik - und das sollte viele Eisenbahnfans erfreuen - wurde auch die momentan nur für „innerbetriebliche“ Zwecke genutzte Bahnstrecke nach Schwarzenberg an das ESTW angebunden. Dies wird als deutliches Bekenntnis der Erzgebirgsbahn zu dieser Strecke angesehen.

Eine weitere Neuheit am Rande des Ausbaus der Strecke wird auch diejenigen Eisenbahnfreunde freuen, die einem modernen ESTW keine besondere Bedeutung beimessen. Der Bahnhof Cranzahl wird zur Erleichterung des Eisenbahnbetriebs sicherungstechnisch „aufgerüstet“. So bekommt der Bahnhof für die Ausfahrt in Richtung Bärenstein und in Richtung Annaberg jeweils zwei Formsignale und fernbediente Weichen. Somit behält dieser Bahnhof auch zukünftig sein typisches und historisches Flair (zumal die Aufsicht auch weiterhin die Züge abfahren lassen wird) und trägt zusätzlich durch die nunmehr gegebene schnelle Kreuzungsmöglichkeit zur Flexibilität der Gesamtstrecke bei. Natürlich kann auch in verschiedener Hinsicht Kritik an den Umbaumaßnahmen der Strecke und den damit verbundenen Rationalisierungsmaßnahmen geübt werden. Nicht jedem wird das Endprodukt gefallen.
SI

An dieser Stelle seien ein paar wenige persönliche Anmerkungen erlaubt:

Es ist fast unglaublich und unter den permanent schwerer werdenden wirtschaftlichen Bedingungen der letzten Jahre kaum vorstellbar, was die Erzgebirgsbahn geleistet hat. Besonders bemerkenswert auch, weil die Erzgebirgsbahn eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Bahn ist. Unter großem persönlichen Einsatz der Mitarbeiter der Erzgebirgsbahn auf allen Ebenen gelang es - oft im zähen Ringen mit dem Mutterkonzern und der Politik -, ein marodes, heruntergekommenes Eisenbahnnetz nach und nach konsequent zu einem modernen und den heutigen Erfordernissen angepaßten Infrastrukturnetz auszubauen. Dies trifft nicht nur für die hier betrachtete Strecke zu, sondern auch für alle anderen Strecken (etwa nach Aue, Olbernhau oder gar Marienberg), die in den nächsten Ausgaben des PK einer näheren Bestandsaufnahme unterzogen werde sollen. Natürlich sind die damit verbundenen Rückbau- bzw. Rationalisierungsmaßnahmen für jeden Eisenbahnfreund schmerzlich - aber unter den heute obwaltenden Gegebenheiten und Grundsätzen von Wirtschaftlichkeit und Effizienz nicht zu vermeiden.

Wenn es für Gleise über Jahre keinen Nutzen gibt, sind die Bereinigung der Anlagen und die Renaturierung durchaus sinnvoll und aus wirtschaftlicher Sicht nicht vermeidbar. Die Möglichkeiten der heutigen Zeit erlauben es aber durchaus auch, daß Gleise, wo sie gebraucht werden, neu und paßgenau verlegt werden. Die Erzgebirgsbahn ist ein Beispiel dafür, daß mit persönlichem Engagement, genügend Willensstärke und viel Geduld aller Mitarbeiter ein Projekt wie das Erzgebirgsnetz auch innerhalb des Konzerns DB durchaus Aussicht auf Erfolg haben kann - die stetig steigenden Fahrgastzahlen sind das deutlichste Zeichen hierfür.

Durch die Weiterentwicklung ihrer Infrastruktur stellt die Erzgebirgsbahn den Fortbestand ihres Netzes sicher und gewährleistet modernen, schnellen und effizienten SPNV. Dabei gelingt es der Erzgebirgsbahn bemerkenswerter Weise auch zunehmend die Identifikation der Menschen im Erzgebirge mit „ihrer“ Bahn (wieder-)herzustellen. Nicht ganz so einfach ist das mit der Politik. Zwar bekommt die Erzgebirgsbahn ständig Forderungen und Wünsche auf den Tisch, leider fehlt es aber in der konkreten Sache oft an der notwendigen Unterstützung. Oft entsteht der Eindruck, daß Forderungen seitens der Politik schnell aufgemacht werden, wenn aber eine echte Unterstützung von Nöten ist, bleibt von vielen Politikern nicht mehr viel zu sehen. Die Erzgebirgsbahn kann aber nur handeln, besonders bei großen Investitionen, wenn Seitens der Politik klare Vorstellungen und Ziele gegeben, die im Folgenden auch aktiv unterstützt und mitbegleitet werden.

Es bleibt uns, der Erzgebirgsbahn weiterhin viel Erfolg und Kraft zu wünschen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen - damit die Züge auch in Zukunft durchs Erzgebirge rollen können.

Steve Ittershagen


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