Das große Jubiläumsjahr 2006

125 Jahre Schmalspurbahnen in Sachsen

Jedem Anhänger der sächsischen Schmalspurbahnszene ist inzwischen sicherlich hinlänglich bekannt, daß das Jahr 2006 ein ganz besonderes Jahr für die sächsischen Schmalspurstrecken darstellt: Nämlich deren 125. Geburtstag. So lange ist es im Oktober 2006 inzwischen her, daß zwischen dem damaligen Wilkau und der Stadt Kirchberg der erste öffentliche Zug auf 6,7 km Streckenlänge über die 750-mm-Gleise fuhr. Daß das große Jubiläumsjahr 2006 anläßlich „125 Jahre sächsische Schmalspurbahnen“ mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert wird, versteht sich fast von selbst. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die geplanten Feierlichkeiten.

In Anwesenheit des Schirmherrn Prof. Dr. Georg Milbradt, dem Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen, fand am 12. Januar 2006 im Hotel „Bellevue“ in Dresden die Auftaktveranstaltung zum Festjahr „125 Jahre Schmalspurbahnen in Sachsen“ statt. In verschiedenen Ansprachen würdigten mehrere Redner die Verdienste der sächsischen Schmalspurbahnen um die wirtschaftliche Entwicklung des Freistaates. Zu Wort kamen hierbei neben dem Schirmherrn Prof. Dr. Milbradt auch Dr. Andreas Winkler und Bodo Finger, ihres Zeichens die Vorsitzenden des Vereins zur Förderung sächsischer Schmalspurbahnen e. V. (VSSB) sowie Ingo Neidhardt, der dem Organisationsteam zur Koordination der Veranstaltungen des Festjahres angehört. Dr. Andreas Winkler erklärte: „Ich denke, erst in letzter Zeit wird uns so richtig bewußt, welch interessantes Verkehrsmittel wir hier in Sachsen noch haben. Schmalspurbahnen gab es auch anderswo - aber oft ist davon nichts oder kaum noch etwas geblieben. Wir haben einen Freistaat mit einer beeindruckenden Geschichte, die es noch besser zu vermarkten gilt. Dies gilt auch für die Schmalspurbahnen.“

Claus-Köpcke-Preis 2005 vergeben

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung am 12. Januar in Dresden wurde zum dritten Mal der vom VSSB gestiftete Claus-Köpcke-Preis verliehen. Benannt ist der Preis zur Anerkennung von Engagement der Pflege, des Erhalts und der Weiterentwicklung der sächsischen Schmalspurbahnen nach dem Eisenbahnpionier, Ingenieur und Finanzrat des Königlich Sächsischen Finanzministeriums Prof. Claus Köpcke (1831-1911), der sich u. a. maßgeblich für den Bau des sächsischen Schmalspurbahnnetzes einsetzte. Aus mehr als 50 Nominierungen wurde für den 1. Preis ausgewählt die Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn e. V. für das Gesamtwerk Wiederaufbau der Preßnitztalbahn zwischen Jöhstadt und Steinbach. Den 2. Preis erhielt der Förderverein „Wilder Robert“ e. V. gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung Sornzig-Ablaß für den derzeit stattfindenden Wiederaufbau des Streckenabschnitts Nebitzschen - Glossen des ehemaligen Mügelner Schmalspurnetzes. Der 3. Preis ging schließlich an den Traditionsverein Rollbockbahn e. V. aus Reichenbach im Vogtland. Diesem Verein wurde mit dem Claus-Köpcke-Preis 2005 eine Würdigung für das Projekt der Restaurierung des originalen Personenwagens 900-304 der einzigen dampfbetriebenen 1000-mm-Linie Sachsens zuteil.

Erstmals wurde der Claus-Köpcke-Medienpreis vergeben, der an das Team Neidhardt für die Bildbandreihe „Schmalspur-Album Sachsen“ über die Zeit der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen geht. Dr. Andreas Winkler vom VSSB erläutert zur Preisvergabe: „Die hohe Zahl von Nominierungen zeigt die große Vielfalt des Engagements für diese besonderen Bahnen in Sachsen und belegt, wie schwer dem Kuratorium in diesem Jahr die Entscheidung gefallen ist. Letztlich hat die besondere Dimension des Wiederaufbaus der weithin bekannten Preßnitztalbahn zwischen Jöhstadt und Steinbach den Ausschlag gegeben. Seit 1990 sind dort 8 km Strecke vorbildgerecht und als Gesamtensemble wiederentstanden. Tausende Besucher pro Jahr sind in der Zwischenzeit auch zu einem besonderen Wirtschaftsfaktor für den regionalen Tourismus geworden.“ Die Preisträger durften die Auszeichnungen u. a. aus der Hand von Sachsens Ministerpräsidenten Georg Milbradt entgegennehmen.

VSSB initiiert Nachbau einer I K

Als große Überraschung für alle Anwesenden gab der VSSB am 12. Januar in Dresden eine eisenbahntechnische Sensation bekannt: Es soll eine Lokomotive der sächsischen Gattung I K nachgebaut werden! Die Maschinen dieser Gattung waren es, mit denen 1881 der Planbetrieb auf der ersten sächsischen Schmalspurbahn aufgenommen wurde. Bis 1892 wurden insgesamt 44 Loks dieses Typs in Dienst gestellt, hergestellt allesamt von der Sächsischen Maschinenfabrik AG vormals Richard Hartmann Chemnitz. Die letzte I K wurde 1964 in Schmiedeberg zerlegt.

Getragen durch eine Spendenaktion, soll nun eine neue I K entstehen und nach ihrer Fertigstellung auf allen noch bzw. wieder vorhandenen sächsischen Schmalspurstrecken fahren und dadurch mithelfen, die Attraktivität des heutigen sächsischen Schmalspurnetzes weiter zu erhöhen.

VSSB-Vorsitzender Dr. Andreas Winkler: „Unser Ziel ist es, diese legendäre Lokomotive gemeinsam wiederentstehen zu lassen. Wir hoffen dabei auf die Unterstützung aus den Unternehmen der Metallindustrie mit Sachspenden ebenso wie auf eine breite Unterstützung aller Eisenbahnfreunde mit Geldspenden.“ Unternehmen können sich mit der Anfertigung einzelner Bauteile der I K selbst ein kleines Denkmal setzen. Möglich ist die Unterstützung in Form von ingenieurtechnischen Leistungen, aber ebenso in Form der Lieferung oder Bearbeitung fast aller Einzelteile, von z. B. Blech- und Gußteilen. Ziel ist es, eine Summe von 1,5 Millionen Euro zu sammeln, um die Arbeiten und die Montage im DLW finanzieren zu können. Wer den Bau der Lokomotive in besonderer Weise begleiten möchte, kann mit einer Spende „Stifter-Actien“ in verschiedenen Stufen - von Bronze bis Platin - erwerben. Für Spenden wurde ein Sonderkonto bei der Dresdner Bank eingerichtet: Konto-Nr. 4 000 900 20 der Dresdner Bank Dresden (BLZ 850 800 00), Verwendungszweck I K

Alle Spender werden gebeten, ihre vollständige Anschrift mitzuteilen, damit die Spendenquittung zugesandt werden kann. Aktuelle Informationen über das Projekt, in das von Anfang an z. B. auch Sachsens Landesbevollmächtigter für Bahnaufsicht eingeweiht ist (und es gutheißt), gibt es im Netz unter www.ssb-sachsen.de . Über den Projektfortschritt wird auch ein Informationsdienst, der „I K-Report“, berichten, der über das Netz kostenfrei abonniert werden kann.

Sächsische Schmalspurbahnfestivals 2006

Wie eingangs erwähnt, sind für das Jubiläumsjahr 2006 anläßlich „125 Jahre sächsische Schmalspurbahnen“ mehrere große Feierlichkeiten geplant. Insgesamt wird es 2006 mehr als 125 Einzelveranstaltungen bei den sächsischen Schmalspurbahnen und -museen geben. Die Höhepunkte der zahlreichen Ausstellungen, Sonderfahrten etc. werden jedoch die fünf Sächsischen Schmalspurbahnfestivals 2006 bilden, die zwischen April und Oktober entlang aller noch oder wieder betriebenen Schmalspurbahnen stattfinden werden, geordnet nach „sächsischen Schmalspurregionen“. Zu diesen Festivals gibt es auf den betreffenden Strecken jeweils einen Mehrzugbetrieb, es verkehren Sonderzüge mit Gastfahrzeugen und außerdem erwarten weitere Höhepunkte die Besucher, wie etwa Lokparaden (teils nachts), die Nachstellung historischer Verladeszenen im Güterverkehr, die im Regelbetrieb der Bahnen heute nicht mehr erlebt werden können. Ebenso wird bei den fünf sächsischen Schmalspurfestivals 2006 natürlich an ein kulturelles Rahmenprogramm gedacht, wobei sich diese Angebote vor allem an Familien richten, damit nicht nur der schwer eisenbahnbegeisterte Familienvater mit seinem Sohn auf seine Kosten kommt, sondern eben auch die Frau oder die kleine Tochter. Die fünf sächsischen Schmalspurbahnfestivals finden im Einzelnen an den im Folgenden genannten Terminen statt:

I. Sächsisches Schmalspurbahnfestival entlang der Strecke Oschatz - Mügeln - Kemmlitz / - Glossen (29. April bis 1. Mai 2006)

Bereits das erste der fünf Sächsischen Schmalspurbahnfestivals im Frühjahr 2006 soll gleich einen bedeutenden Höhepunkt des Festjahres beinhalten, nämlich die Eröffnung des wiederaufgebauten Streckenteils Nebitzschen - Glossen der ehemaligen Linie Mügeln - Nebitzschen - Wermsdorf - Neichen, die in zwei Teilabschnitten in den Jahren 1967 und 1972 stillgelegt und anschließend abgebaut wurde.

Dieses Ereignis ist hoch zu bewerten. Zum einen erfolgt damit im 125. Jahr nach der Eröffnung des ersten Teilabschnittes einer sächsischen Schmalspurbahn die (Wieder)-Eröffnung eines neuen Streckenabschnittes, was schon einen gewissen Symbolcharakter in sich trägt. Zum anderen wird dadurch aus der Mügelner Schmalspurbahn wieder das Mügelner Schmalspurnetz, denn die Station Nebitzschen wird wieder zum Abzweigbahnhof. Damit erhalten die sächsischen Schmalspurbahnen eine zweite Abzweigstation zurück. Seit 1972 gab es lediglich noch den Bahnhof Bertsdorf, von dem man nach Jonsdorf oder Oybin reisen kann. In ihrer Hochzeit verfügten die sächsischen Schmalspurbahnen jedoch über zehn Abzweigbahnhöfe.

Zusätzlich zur Streckeneröffnung wird das erste Festival weitere Höhepunkte bieten: So werden erstmals seit 1998 wieder drei IV K gleichzeitig in Mügeln unter Dampf zu erleben sein. Neben der Mügelner 99 561 erwartet man hier 99 516 der Museumsbahn Schönheide sowie die „132“ (99 539) aus Radebeul. 99 516 war bekanntlich von 1927 bis 1971 die Oschatzer Stammlok, die hier jahrzehntelang einen umfangreichen Rangierbetrieb erledigte sowie bevorzugt auf der Strecke nach Strehla zum Einsatz kam. Erstmals seit 35 Jahren kommt 99 516 nun wieder in ihre alte Heimat! Die grüne 99 539 wird zusammen mit zwei vierachsigen Reisezugwagen in der Farbgebung der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen aus Radebeul in Mügeln eingesetzt. Außerdem soll Ende April auch der derzeit im Mügelner Lokschuppen in Aufarbeitung befindliche Altbaupackwagen 974-309 erstmals wieder einsatzbereit sein.

Das Festgelände des ersten Sächsischen Schmalspurbahnfestivals befindet sich auf dem Bahnhof Mügeln. In einem Festzelt kann sich der Gast mit Speis' und Trank versorgen, im Güterboden wird man die Wanderfotoausstellung über die sächsischen Schmalspurbahnen der Tourismus- und Marketinggesellschaft (TMGS) bewundern können. Eine weitere Wander-Fotoausstellung zum gleichen Thema zeigt hier auch das Sächsische Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf e.V. (SEM). Ein HOe-Modelleisenbahndiorama nach sächsischen Motiven und eine Filmvorführung sind ebenso angedacht. Auch historische landwirtschaftliche Gerätschaften werden voraussichtlich in Mügeln ausgestellt, verdankte das Mügelner Schmalspurnetz seine Existenz doch einst der fruchtbaren Erde in dieser Region. Ein Kinderprogramm sowie ein Unterhaltungsprogramm für Erwachsene runden das Angebot in Mügeln ab. In Glossen erwartet den Besucher eine Ausstellung zum Thema Feldbahnen, und zwar einerseits echte Feldbahnfahrzeuge auf dem Bahnhofsgelände, andererseits Schautafeln, Fotos und Exponate im Bürgerhaus, der früheren Bahnhofsgaststätte.

Zwischen Oschatz, Mügeln und Glossen werden an den Festtagen neben Personenzügen auch Güterzüge verkehren, die in Glossen stilecht wie in früheren Jahrzehnten beladen werden. Dies dürfte für die zahlreichen erwarteten Eisenbahnfreunde einen besonderen Höhepunkt darstellen. Angedacht ist zu guter Letzt auch die Personenbeförderung auf der Feldbahn Glossen zwischen dem Bahnhof und dem Steinbruch Glossen, jedoch stand dies bei Redaktionsschluß noch nicht definitiv fest. Damit bestünde in Glossen direkter Anschluß von der 750-mm-Bahn zur 600-mm-Feldbahn - wo kann man dies sonst erleben?

II. Sächsisches Schmalspurbahnfestival entlang der Strecke Radebeul Ost - Radeburg (7. bis 9. Juli 2006)

Auch das zweite Sächsische Schmalspurbahn-festival 2006 wird mit zahlreichen Attraktionen und Sondereinsätzen aufwarten. Festgelände wird es auf den Bahnhöfen Radebeul Ost und Moritzburg geben. Im Güterschuppen Radebeul Ost wird eine große Modelleisenbahnausstellung in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Modelleisenbahnvereinigung (SMV) stattfinden, in deren Rahmen zirka 20 Modelleisenbahnanlagen und Dioramen ausschließlich mit Motiven sächsischer Schmalspurbahnen gezeigt werden. Auf dem Bahnhofsgelände befindet sich auch ein Festzelt mit gastronomischer Versorgung. Die meisten der sächsischen Schmalspurbahnvereine werden in Radebeul Ost Präsentationsstände aufgebaut haben. Außerdem wird es Verkaufs- und Ausstellungsstände anderer Hobbythemen sowie des Handwerks geben, etwa von Tischlereien, Modelleisenbahnvitrinenherstellern u. a. Ein Kinderprogramm mit Hüpfburg, Mini-Dampfeisenbahn, Puppentheater u. a. hält die Familie in Radebeul Ost bei Laune.

Auf dem zweiten Festgelände in Moritzburg wird es ebenso ein Festzelt inkl. Gastronomie geben, außerdem wiederum auch ein Familienprogramm, insbesondere für Kinder (Spiele-Park des Verkehrsverbundes Oberelbe [VVO], Ponnyreiten, Bastelgruppen u. a.). Zwischen dem Bahnhof Moritzburg und dem Moritzburger Modelleisenbahngeschäft pendeln historische Busse.

Das zweite Sächsische Schmalspurbahnfestival 2006 wird ganz im Zeichen der Bahnpost stehen. Hauptattraktion in diesem Zusammenhang wird der Gasteinsatz des vierachsigen Bahnpostwagens Nr. 2680 der IG Verkehrsgeschichte Wilsdruff e. V. (Baujahr 1908). Der Wagen wird bei diversen Zugfahrten zum Einsatz kommen, von denen viele epochenreine Züge der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen sein werden - bespannt von IV K Nr. 132 (99 539).

Freuen darf man sich diesbezüglich auch auf den absolut seltenen Streckeneinsatz der sonst in Radebeul Ost nur ausgestellten zweiachsigen Schmalspurwagen! Dieser ist nur mittels einer Sondergenehmigung möglich, wobei in den Zweiachsern keine Personenbeförderung stattfinden darf. Mitreisen kann man dennoch in den meisten dieser Züge, und zwar in den ebenfalls eingestellten vierachsigen Personenwagen. Am Freitag sowie am Sonntag werden Pferdetransporte mit der Schmalspurbahn durchgeführt, sonntags werden außerdem historische Postverladungsszenen nachgestellt. Samstagabend findet vor dem Lokschuppen Radebeul Ost zu nächtlicher Stunde bis 24.00 Uhr die traditionelle Lok-Illumination statt.


Die weiteren drei Sächsischen Schmalspurbahnfestivals 2006 werden in den kommenden Ausgaben des PK vorgestellt. An dieser Stelle genannt seien jedoch schon die Daten sowie die Lokalitäten: drittes Sächsisches Schmalspurbahnfestival 2006 entlang der Zittauer Schmalspurbahn vom 11. bis zum 13. August, viertes Sächsisches Schmalspurbahnfestival 2006 im Mittleren Erzgebirge (Strecken Steinbach - Jöhstadt, Cranzahl - Oberwiesenthal sowie Oberrittersgrün) vom 8. bis zum 10. September sowie das fünfte und letzte Sächsische Schmalspurbahnfestival 2006 entlang der eigentlichen Jubiläumsstrecke Wilkau-Haßlau - Carlsfeld (ehem. Bahnhof Kirchberg, Museumsbahn Schönheide, FHWE in Schönheide Süd und Carlsfeld) vom 20. bis zum 22. Oktober.

HD


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