Feldbahn-Reportage

Erdöl – Fluch und Segen einer Region

Die am südlichen Rand der Lüneburger Heide gelegene Ortschaft Wietze, in früherer Zeit auch „Klein Texas“ genannt, galt über Jahrzehnte hinweg als das Zentrum der deutschen Erdölförderung. Das im Aller-Leine-Tal liegende Wietze befindet sich direkt am gleichnamigen Flüsschen Wietze, das nördlich der Gemeinde in den Fluss Aller mündet.

Bereits um 1652 wurde in dieser Region nachweislich ölhaltiger Sand oberflächig abgebaut sowie eine schwarze klebrige Flüssigkeit (die Bezeichnung Erdöl gab es noch nicht), die sich in kleinen Teichen (Vertiefungen) – sogenannten Teerkuhlen – an der Erdoberfläche ansammelte, abgeschöpft. Schon damals war die heilende Wirkung des später so benannten Erdöls in der Medizin zur Herstellung von Teersalbe zur Wundbehandlung hinreichend bekannt.

Größtes Erdölfeld in Deutschland

Etwa 200 Jahre später, im Jahr 1858, bevollmächtigte die Königlich Hannoversche Regierung den Geologieprofessor Georg Christian Konrad Hunäus, nach neuen Rohstoffen wie Kohle, Erz, Salz und Kalkstein zu suchen. Auf der Suche nach den Bodenschätzen ließ er im damaligen Königreich Hannover 13 Bohrungen ausführen, eine davon im April/Mai 1859 in Wietze. Dabei fand Hunäus in einer Tiefe von 36 m das klebrige schwarze Erdöl. Für das schmierige Zeug interessierte sich damals kaum jemand, denn die Verwendungsmöglichkeiten waren noch recht begrenzt. Dieser zufällige Fund von Erdöl gilt heute als die erste erfolgreiche Erdölbohrung weltweit. In den USA stieß Edwin Drake wenige Monate später, im August 1859, in Titusville im Bundesstaat Pennsylvania auf ein ergiebiges Ölvorkommen.

In der Region um Wietze fanden bis 1904 insgesamt 350 Erdölbohrungen statt. Bereits ein Jahr später kletterte die Fördermenge auf 27 731 t. Zehn Jahre später waren es 100 000 t und der Bedarf des Deutschen Reiches konnte allein aus dem Ölfeld rund um Wietze gedeckt werden. Von Wietze wurde das „schwarze Gold“ per Schiff oder Eisenbahn zu den Raffinerien nach Hamburg und Bremen transportiert. In ausrangierten Heringsfässern (vom Heringsfass mit 158,98 Liter Inhalt stammt die heutige Maßeinheit „Barrel“ für Erdöl), deren Fassböden blau gestrichen wurden (diese Fässer durften nur noch für Erdöl verwendet werden), verstaute man das dickflüssige Erdöl.

Das Erdölfeld um Wietze hatte eine Ost-Westausdehnung von sechs Kilometern, alle 10 bis 20 m befand sich ein Bohrturm zur Ölgewinnung. Zwischen den Fördertürmen verlief eine Förderbahn (Feldbahn) mit 700 mm Spurweite zum Transport der Bohrtechnik sowie weiterer Arbeitsmaterialien. Bis zu 52 Gesellschaften förderten hier gleichzeitig Erdöl, 24 von ihnen schlossen sich später zur Deutschen Tiefbohr AG (später Deutsche Erdöl AG DEA) zusammen. Im bestehenden Erdölfeld teufte man bereits im Jahr 1918 zwei Schächte mit Tiefen von 222 und 325 m ab. Das Stollensystem zur Untertageförderung erstreckte sich auf mehr als 80 km Länge.

Aus diesem Erdölbergwerk wurden bis zur Betriebseinstellung im Jahr 1963 rund eine Million Tonnen Ölsand, aus welchem das begehrte Erdöl herausgewaschen wurde, ans Tageslicht gefördert. Noch heute gibt es im Außengelände des Erdölmuseums Stellen, an denen zwei bis drei Spatenstiche tief Erdöl aus dem sandigen Boden sickert. Kommt dies Erdöl mit Sauerstoff in Verbindung, emulgiert es und verhärtet sich zu Asphalt.

In und um Wietze wurden bis zur Einstellung der Ölförderung 2028 Bohrungen niedergebracht, von denen 1600 Erdöl lieferten. Trotz Einstellung der Erdölförderung im Jahr 1963 blieb das Bohrunternehmen RWE-DEA der Gemeinde treu und betreibt bis heute ein Forschungslabor zur Untersuchung von Bohrkernen in Wietze.

Die Museumspläne

Erste konkrete Pläne für ein hier entstehendes Museum wurden bereits 1961 gefasst. Die Deutsche Erdöl Aktiengesellschaft (DEA, später Deutsche TEXACO AG) eröffnete 1970 das Erdölmuseum Wietze auf einem 1,8 Hektar großen Teilstück eines ehemaligen Ölfeldes. Hierdurch blieben über die Jahre viele originale Artefakte aus der Erdölförderzeit wie zum Beispiel hölzerne Fördertürme erhalten. Seit 2013 firmiert das Museum unter dem Namen „Deutsches Erdöl- und Erdgasmuseum Wietze“. Ein gleichnamiger Förderverein unterstützt das Museum bei der Beschaffung von Sachzeugnissen. Als schon von weitem sichtbares Wahrzeichen des Erdölmuseums Wietze dient heute ein begehbarer 57 m hoher Erdgasförderturm.

Die Museumsfeldbahn

Im Außengelände des Museums wurde ein Feldbahnparcours mit 600 und 900 mm Spurweite (Dreischienengleis) in Form eines Tropfens angelegt. Direkt am Flüsschen Wietze befindet sich vor dem großen Erdgasbohrturm ein kleiner Bahnhof zum Kreuzen der Feldbahnzüge. Die hier eingesetzte Feldbahntechnik stammt gleichfalls von heutigen modernisierten deutschen Erdölfeldern. Die zwei Feldbahnlokomotiven, eine 1940 gebaute Esco-Lok sowie eine 1955 gebaute Schöma-Diesellok, können auf Anfrage mit jeweils zwei zur Personenbeförderung hergerichteten Loren das Museumsgelände durchfahren.

Im Außengelände verteilt, stehen an exponierten Standorten noch weitere Feldbahnfahrzeuge mit unterschiedlicher Spurweite. Diese typischen und wohl nur auf Erdölfeldern eingesetzten Schienenfahrzeuge zeigen verfahrbare Bohrtürme, Seilwinden, Transformatoren sowie weitere Hilfsgeräte, die wohl heute in ihrer Originalität einmalig sind. Ein kleiner, nicht fahrbereiter Deutz-Schienenkuli auf 600 mm Spurweite vervollständigt die Sammlung.

Eine original erhaltene Aufwältigungswinde mit der im Wietzener Erdölfeld gebräuchlichen Spurweite von 700 mm, die auf der Feldbahn für notwendige Wartungsarbeiten an die Erdölfördertürme gefahren wurde, vervollständigt die Sammlung der Schienenfahrzeuge. Weitere Informationen zur deutschen Erdölgeschichte sind unter www.erdoelmuseum.de zu finden.
Jürgen Steimecke


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