Alles hat ein Ende …

Großer Bahnhof am Freitag vor Pfingsten: Zur jährlichen Hauptveranstaltung im DDM in Neuenmarkt-Wirsberg war das Museumsgelände mit einer Vielzahl an Lokomotiven und Wagen unterschiedlichster Bauarten und Spurweiten garniert. Und mittendrin, im besten Wortsinne, großer Bahnhof für Volker Dietel, der an diesem Tag als Museumsleiter verabschiedet wurde. 30 Jahre stand er dem DDM vor, ein Fossil aus der Zeit, als noch galt: ein Leben, ein Beruf.

30 Jahre „Objektleiter“ verweisen aber auch zugleich auf das unaufhörliche Ticken der Lebensuhr. Im September vorigen Jahres seinen 65. Geburtstag zählend, klopfte zum Jahresende der Ruhestand an die Tür. Das erschien völlig undenkbar, absurd. Auch für mich, der ihn nun ein Vierteljahrhundert kennt, meist versteht, Stücke seines Weges mit ging. Unser Schlüsseldatum ist der 8. Dezember 1989, meine erste Reise in die BRD. Claus Burghardt hatte einen Vereinsausflug ins Verkehrsmuseum Nürnberg und zum DDM organisiert. So trafen wir „Radebeuler“ dann abends im Gasthof Friedrich zu Trebgast ein, eingeladen vom Verein der Freunde des DDM. Zufällig kam ich am Ecktisch nahe Volker zu sitzen, und schon rasch entspann sich ein Faden zum „saftra budjet“ – „morgen wird sein“, wie die sowjetische Redewendung die Frage nach Beginn des Kommunismus zu beantworten pflegte.

Die Unklarheit nach dem Morgen drehte sich damals aber in erster Linie um die zukünftige rechtlich-organisatorische Gestaltung der neuen politischen Ordnung und dabei natürlich auch der mitteldeutschen Museumsbahnszene. Irgendwie lag es in der Luft, es würde ein Leben nach dem DMV geben – unabhängig. Eigenbestimmt. Die Neugier, „Wie geht so was?“, erfuhr hier bei vielen Haberstumpfbieren grundlegende Antworten, Impulse. Bis in den frühen Morgen saßen wir als Letzte beider Vereine zusammen. Für das, was drei Monate später als VSE bekannt werden sollte, dafür ist de facto an jenem Abend, in jener Nacht, der Grundstein gelegt worden. Volker beobachtete unser Wachsen weiter. Nach dem Umzug gen Schwarzenberg war sein dringlichster Rat, Eigentum am Lokschuppen und ausreichender Flächen zu schaffen, damit der Aufbau ungestört verlaufen kann.

Auch wenn der Kauf zehn Jahre dauern sollte, niemand vertreibt den Verein aus seinem Domizil, so ist er von keiner politischen Laune abhängig. Vor dem großen Museumsumbau der Jahre 2008 bis 2013 kam die Forderung an das DDM, ein Verzeichnis dessen zu erstellen, was man denn so alles besitze oder sich auf dem Gelände befinden würde. Volker entsann sich sofort meiner. Gemeinsam haben wir dann als Eisenbahnfachleute gefochten und darauf geachtet, damit Name und Anspruch „Deutsches Dampflokomotiv-Museum“ gewahrt bleiben. Nicht jede gestalterische Idee gefiel uns. Das Ergebnis, zu Pfingsten 2013 eingeweiht, darf aber in Summe als sehr gelungen bezeichnet werden. Es ist die Krönung seiner Arbeit, nein, seiner Berufung.

Ich räume ein, ein paar Befürchtungen hegte ich im Vorfeld dieser freitäglichen Feierstunde, denn Worte über sich hört er nicht gern. Würde er überhaupt zu seiner Verabschiedung kommen? In welchem Aufzug? Man konnte sich ihn gar nicht anders vorstellen als im grünen Pullover und, bei entsprechender Wetterlage, gern auch mit passenden Gummistiefeln. Schlipse waren ihm ein absolutes Gräuel. Die Anzahl an Gelegenheiten, ihn mit einem solchen angetroffen zu haben, lässt sich an einer Hand abzählen.

Doch diese Sorge erwies sich schließlich als unbegründet. Die Einladung seiner Frau war eine schöne Geste. In herzlichen Reden würdigten die Honoratioren die Entwicklung des DDM unter seinen Händen, seine Lebensleistung: der Bezirkstagspräsident Günther Denzler bezeichnete ihn als einen großen Gewinn für das Museum. Der Landrat des Kreises Kulmbach, Klaus-Peter Söllner: „ein genialer Museumsmann mit unglaublichen Verdiensten um das DDM“. Neuenmarkts Bürgermeister Decker nannte ihn „eine lebende Legende“. Sein Chef Rüdiger Köhler, der Leiter des Zweckverbandes: „Volker Dietel war der Macher und Gestalter“. Auch manche Dietel-typische Redewendungen wurden dabei in der herzlichen, aufgelockerten und launigen Runde zitiert.

Alles hat ein Ende … Oder vielleicht doch zwei? Volker bleibt uns nämlich noch (tageweise) erhalten. Zum einen als Eisenbahnbetriebsleiter für das DDM. Andererseits als Kenntnisquelle für seine charmante, wissensdurstige Nachfolgerin Sandra Bali. Zum Erfassen des Dietel‘schen Ein- und Durchblicks, seiner Netzwerke, bedarf es nämlich noch vieler Fragestunden. So wird er weiter über das Gelände schlurfen, den Blick in Papierkörbe gerichtet oder ob Handtücher oder Toilettenrollen vorschriftsgemäß an ihrem Platz liegen. Auch wenn es ihn gar nichts mehr angeht, interessiert. Sagt er. Aber wer ihm das glaubt, glaubt auch, Zitronenfalter würden Zitronen falten …

Jede Zeit hat ihre Helden. Volker, ein herzliches Glückauf für die 100!
awp


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