Die drei „Leben“ der Eisenbahnstrecke Waldheim – Kriebethal

Die Geschichte der WK-Linie

Die 130 Kilometer lange Zschopau gehörte zwischen ihrem Quellgebiet am Fichtelberg und der Mündung in die Freiberger Mulde bei Döbeln zu den früh intensiv durch Wasserkraftanlagen genutzten Flüssen in Sachsen. Dabei trieben Handwerks- und Industriebetriebe mit dem Wasser zum Beispiel verschiedene Maschinen oder Mühlen an, aber es gab auch zahlreiche Papier- und Pappfabriken. Doch der Verlauf des Flusses stellte die Ingenieure beim Eisenbahnbau vor große Herausforderungen. Für die Strecke Chemnitz – Döbeln wählten sie daher lieber die oberhalb des Tales liegendem Hochflächen mit aufwändigen Überbrückungen der Seitentäler, so dass für den Transport der Produkte ins und aus dem Zschopautal andere Verbindungen geschaffen werden mussten.

Einer der größten Papierhersteller Deutschlands, die Papierfabrik Kübler & Niethammer, betrieb ab 1856 eine Fabrik in Kriebstein, später noch weitere in Kriebethal und Kriebenau. Im Jahr 1882 umfasste das Güteraufkommen allein dieses Unternehmens im Bahnhof Waldheim etwa 21 000 t; zehn Jahre später war der Bahnhof an seiner Kapazitätsgrenzen angekommen. Daraufhin stimmte die Ständekammer dem Bau einer regelspurigen Zweigbahn vom Bahnhof Waldheim bis zum rund 40 Meter tiefer an der Zschopau gelegenen Dorf Kriebethal durch die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen zu. Die Firma Kübler & Niethammer hatte 43 % der Baukosten zu übernehmen sowie das benötigte Land zur Verfügung zu stellen. Ende 1894 begannen die Vorarbeiten, ab September 1895 fanden die eigentlichen Bauarbeiten für die amtlich als WK-Linie bezeichnete Strecke statt.

Am 15. Dezember 1896 eröffneten die K. Sächs. Sts. E. B. die 3020 m lange Zweigbahn für den Güterverkehr. Dazu verkehrte eine festlich dekorierte Lok mit dem Salonwagen der Generaldirektion. Vom Staatsbahnhof Kriebethal aus errichtete die Firma Kübler & Niethammer ein knapp 750 m langes regelspuriges Anschlussgleis zu den innerbetrieblichen Verladestellen. Im Gelände der Papierfabrik in Kriebethal verkehrte außerdem noch eine elektrisch betriebene 600-mm-Feldbahn. Auf der öffentlichen Strecke fand zwischen 1897 und 1919 während der Sommermonate an Sonn- und Feiertagen auch ein beschränkter Personen- und Gepäckverkehr für Ausflügler ins Zschopautal sowie zur Burg Kriebstein statt.

Verschiedene Erweiterungen der Gleisanlagen insbesondere in den 1920er Jahren dienten der Erhöhung der Kapazität des Güterumschlages und der Holzlagerung an der Ladestelle Rauschenthal, der einzigen Zwischenstation an der WK-Linie. Von 1927 bis 1929 wurde die Strecke auch zum Materialtransport für den Bau der 240 m langen und 28 m hohen Staumauer der Talsperre Kriebstein genutzt. Mit der reparationsbedingten Demontage aller Maschinen der Papierfabrik in Kriebethal 1946 war die Bedienung der WK-Linie mehrere Jahre hinfällig geworden. 1953 wurden die Anlagen dann für den VEB Papierfabrik Kriebstein wiederaufgebaut. Vom Bahnhof Waldheim fanden täglich bis zu vier Fahrten auf der 1973 ab Rauschenthal in die Verantwortung der Papierfabrik übergegangenen Strecke statt. Nachdem die Gleise von Rauschenthal nach Kriebethal bereits 1962 unterbrochen wurden, verschwanden bis 1982 alle früheren Hochbauten der Station Kriebethal. Betriebstechnisch war die Strecke nun nur noch Rangiergleis des Bhf. Waldheim.

Am 2. Juli 1990 übernahmen die Alteigentümer die Papierfabrik, konnten aber trotz Interesse an der weiteren Anschlussbedienung mittels Eisenbahn die schrittweise Verlagerung des Transportes auf die Straße nicht aufhalten. Anfang der 1990er Jahre bediente eine Diesellok der Baureihe 202 in den Wendepausen der Zugpaare Waldheim – Rochlitz die ehemalige WK-Linie. Anlässlich des 100. Jubiläums der Zweigbahn kamen 1996 sogar Dieseltriebwagen nach Kriebethal. Zum 31. Dezember 1998 kündigte die Deutsche Bahn AG dann aber die Anschließervereinbarung und legte die Strecke ab der bisherigen Anschlussstelle Rauschenthal bei km 2,15 still. Nur per Ausnahmegenehmigung gelangte am 5. September 1999 zur 450-Jahr-Feier von Kriebethal noch einmal ein Triebwagen bis ins Zschopautal. Für den Rest der Strecke zwischen dem Bahnhof Waldheim und Rauschenthal leitete die Deutsche Bahn später auch das Stilllegungsverfahren ein.

Eine Dekade als „Kleinbahn“

Ab dem Jahr 2004 kehrte wieder Leben an der WK-Linie ein. Der Verein Feld-, Wald- und Wieseneisenbahn Ottendorf e. V. begann sich hier ein neues Refugium aufzubauen, nachdem die bisherigen Flächen nicht mehr für die Klein- und Feldbahnsammlung genutzt werden konnten. Für rund 9000 Euro erwarb der Verein die Anlagen zwischen dem früheren km 0,5 und der Zschopaubrücke am km 2,7 und vereinbarte mit der DB AG die Nutzung von Bereichen des Bahnhofsgeländes Waldheim.

Nach erfolgtem Rückbau eines Teils der Strecke im Bereich der Papierfabrik maß sie noch rund 2,7 km. Mit Mühe und Fleiß gelang es dem späteren Verein IG Kleinbahn Waldheim-Kriebstein e. V. (als Rechtsnachfolger des Vereins Feld-, Wald- und Wieseneisenbahn Ottendorf e. V.) eine Umspurung der Gleise von 1435 auf 600 mm vorzunehmen und die Strecke als Touristikbahn zu betreiben. Um dieses Vorhaben umzusetzen, bedurfte es großes Engagement der Vereinsmitglieder, um ein Kleinod im Zschopautal bei Waldheim entstehen zu lassen. Unzählige Holzschwellen wurden gewechselt, beim Gleisbau kam eine von zeitweilig bis zu vier vorhandenen V10B zum Einsatz. Innerhalb kürzester Frist waren bis Ende 2005 die wesentlichsten Arbeiten zur Umspurung beendet. Fortan wurde der Feldbahnverkehr unter der Bau- und Betriebsordnung für Pioniereisenbahnen (BOP) geführt und durch den LfB beim Freistaat Sachsen beaufsichtigt. Der Verkehr lief vom Haltepunkt „Schillerhöhe“ in Waldheim bis zum Haltepunkt „Kriebenau“ auf der Zschopaubrücke.

Der mitgebrachte Fuhrpark mit Loks der Typen Ns1b und Ns2f des vorherigen Vereins aus Ottendorf ermöglichte es, beim Fahrbetrieb den einzigen Sitzwagen (Umbau aus 97-14-07) über eine Strecke mit einer Steigung von vier Prozent bis zur Schillerhöhe zu schieben.

Neuerlicher Verfall

Die Vereinsmitglieder hatten eine funktionierende Feldbahn geschaffen, welche allerdings nach einiger Zeit in das Fahrwasser von Unregelmäßigkeiten bei ihrer Finanzierung geriet. Einzelne Mitglieder wurden mit „Mobbing“-ähnlichen Methoden seitens des Vorsitzenden Hans-Rolf Küpper aus dem Verein gedrängt, zahlreiche Mitglieder kündigten auch selbst, so dass der Verein zuletzt nur noch wenige Mitstreiter hatte. Ein Großteil der Vorstandsmitglieder des Vereins trat 2010 zurück. Im Jahre 2010 erfolgte der Entzug der Betriebserlaubnis für Personenverkehr, nachdem viel Ärger mit Hans-Rolf Küpper den Zugverkehr bereits zuvor fast zum Erliegen gebracht hatte. Streitpunkte waren u. a. die Verwendung von Erlösen diverser Nebengeschäfte des Vorsitzenden aus dem Abriss der Gleisanlagen der Strecke Roßwein –Hainichen, die eigentlich dem Verein zu Gute kommen sollten.

Mit den aufkeimenden Streitigkeiten im Verein verlor die Feldbahn nicht nur an aktiven Mitstreitern, sondern auch zunehmend an Akzeptanz bei Einwohnern, den Gemeinden und bei der DB AG. Die Anlagen, die erst wenige Jahre zuvor in mühevoller Arbeit aus einem Dornröschenschlaf geweckt worden waren, verwahrlosten zusehends, da notwendige Unterhaltungsarbeiten unterblieben. An mehreren Stellen blieben Zeugnisse der „Kleinbahnära“ in Form von wilden Müllhalden, Fahrzeugswracks und zugewucherten Anlagen zurück.

Mit der Sperrung der Zschopaubrücke zwischen Rauschenthal und Kriebethal samt ihres Fußweges und dem damit verbundenen Abschneiden des Zschopau-Radwanderweges Anfang 2011 durch Hans-Rolf Küpper wurde das Fass letztlich zum Überlaufen gebracht. Einige ehemalige Vereinsmitglieder, unterstützt durch Kommunalpolitiker und Anwohner, führten einen anfänglich beinahe aussichtslosen Kampf wie gegen Windmühlenflügel.

Mit einer Zähigkeit, die Hans-Rolf Küpper schon früher in anderen Vereinen bewiesen hat, bekämpfte er letztendlich erfolglos in Rundumschlägen an unzähligen Schauplätzen die politische, finanzielle und juristische Aufarbeitung seiner umtriebigen Firmen- und Vereinsverflechtungen. Genau ein Jahrzehnt nach dem Neustart der WK-Linie als IG Kleinbahn Waldheim-Kriebstein e. V. war das Projekt Ende 2013 mit der Einleitung des Insolvenzverfahrens für den Verein an einem Wendepunkt angelangt.

Epoche Drei für die WK-Linie

Aus der Insolvenzmasse des Vereins IG Kleinbahn Waldheim-Kriebstein e. V. erwarben die Stadt Waldheim die Gleisanlagen der Strecke und die Gemeinde Kriebstein die Zschopaubrücke. Damit war der Zugang zum Radwanderweg, auch zur Freude der Anwohner, die diesen kurzen Weg über die Zschopau dringend benötigen, wiederhergestellt. Da es um die Eisenbahn, die sich durch eine herrliche Landschaft schlängelt, schade gewesen wäre, gründete sich am 14. Dezember 2013 ein neuer Verein. Die Mitglieder des Verein Waldheimer Eisenbahnfreunde e. V. haben es sich zur Aufgabe gestellt, die 600-mm-Gleise zu reaktivieren und zu erweitern, um weitere attraktive Punkte zu erreichen. Aus der Insolvenzmasse des früheren Kleinbahnvereins übernahmen die Eisenbahnfreunde dazu bereits diverses Material.

Der mehrjährige Stillstand hat jedenfalls an vielen Stellen viel Unrat und damit auch viel Unmut in der Bevölkerung ansammeln lassen. Der Bahnhof Rauschenthal glich zuletzt eher einem Kriegsschauplatz. Der Bahnhof sowie der Haltepunkt Schillerhöhe als Endpunkte der Strecken sind inzwischen beräumt. Der Bahnhof ist nun auch wieder an das öffentliche Stromnetz angeschlossen. In Planung für 2015 ist das Umsetzen des 1911 gebauten Stationshäuschens von Kleinmockritz (ehemalige 750-mm-Linie Döbeln – Lommatzsch) zum Bahnhof Rauschenthal. Pläne über die Gestaltung des Geländes vom Bahnhof existieren schon längst. Das rollende Material – darunter der zum Sitzwagen umgebaute 97-14-07 (ex Mügeln), der von der MaLoWa erworbene GGw 97-15-08 sowie zahlreiche ausländische Untergestelle und Wagen – befindet sich noch nicht in den Händen der Waldheimer Eisenbahnfreunde, da sich der juristische Streit zwischen Insolvenzverwalter und dem ehemaligen Vorsitzenden noch hinzieht.

Doch für den neuen Verein gibt es kein zurück mehr und das wird von der Region belohnt. Für den Kauf der Loks und Wagen sowie von eisenbahntechnischen Anlagen aus der Insolvenzmasse will die Kübler & Niethammer Papierfabrik Kriebstein AG das erforderliche Geld vorstrecken. Und auch die Stadt Waldheim hat dem neuen Verein das Vertrauen ausgesprochen und die WK-Linie den Eisenbahnfreunden zur Nutzung übergeben. Zuwendungen und Spenden der MITGAS GmbH, der WEPA Hygieneprodukte GmbH Kriebstein und zahlreicher Handwerker und Privatpersonen leisten ihren Beitrag für das Gelingen des Kleinbahnprojektes, das sich nun stolz „Rauschenthalbahn“ nennt.
Andreas Lässig (redaktionell ergänzt)


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