Fototermine quer durch Sachsen – oder einfach auch: dreifach überbucht

Die Mitgliedschaft in der IG Preßnitztalbahn e. V. führte mich Anfang der 1990er Jahre nach Jöhstadt. Als Kind der DDR-Zeit lagen meine Eisenbahnwurzeln jedoch im DMV (Deutscher Modelleisenbahn-Verband) in der Dessauer Arbeitsgemeinschaft 6/37. Zu den Mitgliedern dieser AG zählten auch die Buchautoren Hans Müller und Günter Fiebig. Ein großer Themenkreis waren damals daher auch die Altbau-Elektroloks. Zu meinem großen Bedauern war es mir aber bis vor Kurzem nicht gelungen, die E77 10 tatsächlich vor einem Zug zu fotografieren. Immer gab es andere Fahrzeuge abzulichten, insbesondere erschienen mir Dampfloks wichtiger. Erst als die E77 nach Fristablauf 2011 abgestellt wurde, musste ich feststellen, dass etwas verloren gegangen war und sich dies wohl nicht wiederholen ließe. Ich schwor mir, dass der nächste Einsatz mit neuer Frist mir die Chance bieten sollte, sie im Bild abzulichten, und der 19. September 2015 stand dafür im Raum.

Mit meiner Modellbahn hatte ich mich nicht zuletzt aus Platzgründen auf die Spur H0f eingeschossen. Eher durch Zufall orderte ich sehr kurzfristig die 99 3318, eine ehemalige Heeresfeldbahnlok von der Firma Westmodel, die am 15. September bei mir eintraf. Und wie es der Zufall weiter wollte, weilte das Original bei der Waldeisenbahn Muskau zum Gasteinsatz. Eine Fahrt mit der Lok sollte am 19. September stattfinden.

In den 1980er Jahren war das Reisen mit der Deutschen Reichsbahn ohnehin günstig, insbesondere als Student mit 50 % Ermäßigung, und so ging es damals kreuz und quer nach Sachsen, Thüringen und durch mein Heimatland Sachsen-Anhalt (wenngleich es die Länder damals noch nicht wieder gab). Einige Reisen führten mich auch nach Rochlitz und so kam wiederholt das Fotomotiv „Heizlok 86 1333-3 vollgepackt mit Holzscheiten am Rande“ auf den Film. Dass gerade diese Lok einmal als betriebsfähiger Rückkehrer dieser Baureihe im vereinten Deutschland nach Sachsen zurückfand, sollte es wert sein, dieser Lok meine persönliche Aufwartung zu machen. Die Premierenfahrt in Sachsen fand dazu ebenfalls am 19. September statt …

Die Vernunft sagte mir, dass ich mir eine von diesen drei geschilderten Veranstaltungen aussuchen muss. Aber seien wir einmal ehrlich: Sind wir immer vernünftig? Oder geht mit uns nicht auch manchmal der Gaul durch? Die Distanz zwischen den einzelnen Veranstaltungen sprach eine eigene Sprache – doch mit dem Blick auf die jeweiligen Fahrzeiten war es geschehen. So rückte der besagte Tag heran und direkt nach meiner nächtlichen Tätigkeit als Zeitungszusteller konnte ich gegen vier Uhr südlich von Dessau aufbrechen.

Gegen sieben Uhr in Kurort Rathen im Elbtal angekommen, besichtigte ich zunächst ein paar mögliche Fotostandpunkte. Bis zur Ankunft von „Schwungrad-Elli“ E77 10, die an diesem Tag mit einem Sonderzug von Dresden in Richtung Bad Schandau zuckelte, war ja doch noch etwas Zeit. Bald sammelten sich um mich herum weitere zehn Fotofreunde und Videofilmer – die aber zumeist davon sprachen, diese Fahrten am Tag weiter zu begleiten. Genau 8.10 Uhr erzwang die alte Dame mit einem schrillen Pfiff unsere Aufmerksamkeit. Die Sonne brach sich passend ihren Weg und zufriedene Beobachter des Schauspiels zerstoben anschließend in alle Richtungen. Meine war klar, die folgenden zwei Stunden bestimmte das Navi im Auto meine Handlungen.

Der Zeiger der Uhr rückte auf 10.05 Uhr, als ich den kleinen Lokschuppen in Weißwasser erreichte, wo 99 3317 vor sich hinqualmte und das Lokpersonal mit Wartungsarbeiten beschäftigt war. Ich musste in Erfahrung bringen, wo 99 3318 dem Umlaufplan entsprechend gerade mit dem Fotozug sich befinden sollte. Mein neues Ziel lautete danach Kromlau. Natürlich kannte mein Navi die direkten Waldwege nicht – mit dem Auto ging es nun auf Waldsafari, als ehemaligem passablen Orientierungsläufer verhalf mir mein Orientierungssinn tatsächlich, genau den richtigen Weg zu finden. Jedoch war der Zug im Bahnhof Kromlau schon weg. So ging es also in Richtung Streckengleis weiter. Glücklich im Wald gefunden, parkte ich mein Auto außerhalb der Motivansichten, entrichtete einen finanziellen Obolus an den Veranstalter und ließ mich daraufhin eine gute halbe Stunde von der guten Stimmung der Teilnehmer und der kleinen Lokomotive zum Fotografieren herausfordern.

Aber die Zeit war vorangeschritten und meine Abreise beschlossene Sache. Ohne auf die Harmonie von Seele und Leib gänzlich zu verzichten, brach ich mit kurzem Halt an einer Gulaschkanone nun schleunigst auf. Zehn Minuten nach elf Uhr befand ich mich schon auf der Straße, die am Kraftwerk Boxberg und an den riesigen Tagebauen Bärwalde und Nochten vorbeiführt, wo ich als gelernter Stahlbauschlosser eine Förderbrücke mit aufgebaut hatte. Weiter ging es über Uhyst, Dresden und Chemnitz bis nach Glauchau und 12.55 Uhr erreichte ich das dortige Bw. Neben bekannten Vereinsmitgliedern und Eisenbahnvertrauten wartete dort der letzte Hauptdarsteller des Tages – die betriebsfähige 86 1333-3 im schönsten Sonnenlicht.

Natürlich war hier weit mehr los und zu sehen, als dass man sofort wieder gehen könnte. Die 95 0009-1 und die 99 594 waren weitere dicht umlagerte Fotomotive. Auch ein alter Kfz-Vertreter, ein Primus-Schlepper, schaffte es auf meine Kameraspeicherchips. Es half aber alles Verweilen nichts, mittlerweile wurde es 13.15 Uhr und die bevorstehende Schnupperfahrt mit der 86er auf einer mir bisher unbekannten Eisenbahnstrecke erforderte Einsatz unter dem Motto „Suche und Finde“. Nach verschiedenen Bildmotiven aus dem Internet sagte mir ein Standort bei Hohndorf zu. Nach der erfolgreichen Suche vor Ort stellte ich mein Auto im Ort ab und wanderte auf den gegenüberliegenden Hang. Ein wirklich schönes Motiv ergab sich hier, direkt vor mir stehende Pferde und Kühe mit Ortspanorama sowie einer zunehmenden Fangemeinde mit Stativen und Fotoapparaten. Das Motiv mit den Pferden konnten wir dann wieder streichen, denn etwa zehn Minuten vor Durchfahrt des Zuges nahm der Besitzer seine Pferde mit in den Stall. Ihm war das Risiko zu groß gewesen, sie würden bei Durchfahrt des Dampfzuges durchgehen. Die Vorbeifahrt des Zuges war recht gelungen und im Endpunkt Stollberg grüßten unzählige Menschen aus dem Zug, aus der Bevölkerung und von den fotografierenden Begleitern am Bahnsteig.

Schnell verrinnt die Zeit, gegen 15.52 Uhr ist die Rückfahrt geplant und mir bleiben noch zehn Minuten, das Niederwürschnitzer Viadukt zu finden. Als ich es ungefähr zwei Minuten vor Eintreffen des Zuges doch noch fand, begegneten mir über zwei Dutzend Augenpaare mit sehr bösem Blick – jetzt kommt hier noch einer. Die Wolken bliesen ebenso Trübsal und somit folgte die Durchfahrt ziemlich im Trüben.

Ein Eisenbahnerlebnistag ging nun zu Ende und die Autofahrt in die Heimat nach Gräfenhainichen brachte in Leipzig noch eine weitere Ablenkung: Ein Straßenbahnoldtimer fuhr über die Kreuzung an der „Blechbüchse“ – dem ehemaligen Konsument-Warenhaus am Rande der Innenstadt und ließ sich von mir, in der Ampelwarteschlange stehend, passabel fotografieren.

Fazit:
Dem gewogenen Eisenbahnfan, auch denen die nie genug bekommen können, sei diese Art von Eisenbahntouristik dringendst abgeraten. Man kann sein Glück herausfordern und es kann sogar alles gelingen, was die beschriebene Reise untermauert. Aber jede einzelne Veranstaltung hätte es verdient, dass man seinem Hobby ohne Hatz und Druck in erholsamerer Weise frönt. So aber gab es nur kurze Gespräche, ohne Innehalten und am Ende des Tages eine gefahrene Strecke von 800 Kilometern.
Volker Anton


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