Zum Tod von Günter Meyer

Es ist die Weitergabe der Fackel und nicht das Anbeten der Asche, die uns Eisenbahnforscher stets treibt.“ Diese Abwandlung des bekannten Aphorismus traf auf den am 1. Februar 1927 geborenen Günter Meyer zu, der am 11. November 2015 in Zwickau 88-jährig verstarb. Wie bei kaum einem anderen war das Leben des bescheidenen Eisenbahners und Eisenbahnfreundes aus Aue davon geprägt, praktische Erfahrungen und Eisenbahnwissen nicht für sich privat zu sammeln, sondern es an andere – vor allem Jüngere – weiterzugeben. Und das tat er keinesfalls, um sich privat zu bereichern, sondern „der Sache“ halber. Es war Günter Meyer wichtig, von ihm Erforschtes und Fotografiertes in gute Hände zu geben, die es der Nachwelt erhalten.

Zu den Lesern des Preß‘-Kurier gehören verschiedene Gruppen von Eisenbahnfreunden, die alle auf ihre Weise voller Dankbarkeit auf Günter Meyers Lebenswerk zurückschauen: Da sind die Eisenbahnfotografen, die sich von den großartigen Fotografien des nur körperlich kleinen Mannes haben inspirieren und prägen lassen; da sind die Modelleisenbahner, deren vorbildgetreue Anlagen ohne Günter Meyers Fotos vom Vorbild in dieser Detailtreue oft undenkbar wären; da sind die Eisenbahnhistoriker, denen der große Geist aus Aue wann immer möglich zahllose Fragen beantwortete und neben aussagestarken Fotografien auch Notizen, Abschriften und Handzeichnungen unschätzbaren Wertes hinterlässt – und da sind die in Vereinen am Vorbild aktiven Eisenbahnfreunde. Ganz konkret für uns Mitglieder der IG Preßnitztalbahn e. V. und des Vereins Sächsischer Eisenbahnfreunde e. V. war Günter Meyer stets ein wichtiger Informant zu einstiger Funktion und zum Zustand der von uns erhaltenen bzw. wiederaufgebauten Eisenbahnanlagen und Fahrzeuge.

Es genügte ein Anruf (den der Mann am anderen Ende der Leitung stets mit seiner ruhigen und freundlichen Stimme: „Ja, hier Meyer, Aue“, entgegennahm) oder ein Brief an die Schwarzenberger Straße nach Aue – bereits wenige Tage später lagen uns die gewünschten Fotos von Wagen oder Gebäuden vor. Bis ins neue Jahrtausend – also teils schon als 80-Jähriger – entwickelte Meyer diese Vergrößerungen in seinem dann stets zum Fotolabor umfunktionierten Bad übrigens selbst! Eine Rechnung für diese Aufnahmen erhielten wir in all den Jahren nie – es war dem am 2. Oktober 1990 in den Ruhestand verabschiedeten Günter Meyer ein Bedürfnis, uns Ehrenamtler „wenigstens auf diesem Wege“ uneigennützig zu unterstützen.

PRESS mit 86 1333-3 bei Trauerfeier

Aus Dankbarkeit für seine langjährige Unterstützung und als Zeichen der Anteilnahme schickte die EBB Pressnitztalbahn mbH zur Trauerfeier am 17. November die 86 1333-3 aus Glauchau nach Aue. Vom Anschlussgleis der Nickelhütte verabschiedete sie den großen Sohn der Stadt mit einem minutenlangen Pfiff, der so manchem Teilnehmer der Feier auf dem nahen Nicolaifriedhof die Tränen in die Augen trieb. Zuvor hatte auch der Pfarrer mit beeindruckenden Analogien das Leben von Günter Meyer gewürdigt. Neben ehemaligen Kollegen, Nachbarn und anderen Bürgern aus Aue waren auch Vertreter der deutschen Eisenbahnpresse und vieler Eisenbahnvereine sowie zahlreiche Eisenbahnfreunde nach Aue gekommen. Es war ein würdevoller Abschied von einem Idol, das zu Lebzeiten für sich sowohl diesen Begriff als auch jeglichen Rummel um seine Person gemieden hat.

Der Autor ist heute glücklich, im Jahr 2006 dazu beigetragen zu haben, dass Günter Meyer vom Verein zur Förderung Sächsischer Schmalspurbahnen e. V. (VSSB) in Jöhstadt für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden ist. Der bekannteste Eisenbahnfotograf aus Mitteldeutschland konnte das damals bei vollem Bewusstsein erleben, während ihn sein Gedächtnis – und das ist kein Geheimnis und reduziert die Hochachtung vor Günter Meyer keinen Funken – in seinen letzten Lebensjahren zunehmend im Stich ließ.

Zur Trauerfeier am 17. November würdigten auch Wegbegleiter das Schaffen von Günter Meyer und erinnerten zugleich an die Entwicklung von Aue als Eisenbahnknoten, dessen Niedergang dem Verstorbenen großen Kummer bereitet hatte. So wandte er sich im neuen Jahrtausend von der aktuellen Eisenbahn fast völlig ab, denn das hatte nichts mehr mit „seiner Reichsbahn“ zu tun, bei deren schweren Neubeginn nach 1945 Meyer wortwörtlich mit aller Kraft half. Immerhin begann seine Kariere bei der Eisenbahn 1955 beim Gleisbau, von wo er sich über Dienstjahre als Zugschaffner, Zugführer und Lokheizer mühsam zum Lokführer hinaufarbeitete.

Nach der Tauerfeier fuhr die 86er nach Schwarzenberg, von wo die für das Erzgebirge einst so typische Lokomotive mit einem kurzen Dienstsonderzug über Markersbach und Annaberg zum Wassernehmen nach Cranzahl fuhr. Das waren Strecken, auf denen einst auch Günter Meyer regelmäßig Dienst getan hatte!

Günter Meyer als Forscher

Warum Günter Meyer vom „Eisenbahnbazillus“ befallen war, konnte er sich selbst nicht erklären. Aber schon als Jugendlicher beobachtete er die fauchenden Ungetüme, wo immer es ging – so bestaunte er als Schüler noch den Trajektverkehr der Westpreußischen Kleinbahnen AG, nach seinem Abitur als Flakhelfer bei der Wehrmacht den Eisenbahnverkehr in Weißenfels. Später in britische Gefangenschaft geraten, war Meyer anfangs in Belgien interniert und dann später in Westdeutschland zum Straßenbau gezwungen. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft musste er in seiner Heimat Aue zunächst bei der Wismut arbeiten. Seine ersten Eisenbahnfotos aus dieser Zeit verbrannte er später aus Angst, nach Sibirien verschleppt zu werden.

Darüber berichten die Texte in den brillanten Bildbänden des EK-Verlages mit Aufnahmen von Günter Meyer. Doch der Eisenbahner aus Aue half auch dem Verkehrsmuseum Dresden und Männern wie Fritz Hager. Ohne die Unterstützung Meyers wären zahlreiche Bücher vom Verlag „transpress“ undenkbar gewesen. Dass sich damals gewisse Haus- und Hof-Autoren stets in den Mittelpunkt drängten, grämte den bescheidenen Mann aus Aue recht wenig – es ging ihm „um die Sache“. Entsprechend ärgerten ihn mangelnde Gründlichkeit, bewusste Fehlinformationen und Halbwissen. Über die Buchstaben „BR“ vor einer konkreten Reichsbahnloknummer spottete Meyer gern, wobei er bestrebt war, niemand zu verletzen, sondern nachwachsende Autoren bereitwillig über deren Fehler aufklärte. Auch ich verdanke dem „Meister“ deshalb sehr viel!

Das Aufzählen aller Forschungsgebiete von Günter Meyer würde sehr viel Platz in Anspruch nehmen. Exemplarisch sei sein großes Interesse für die MPSB, für Schmalspurbahnen allgemein (nicht nur in der DDR!), für die ersten Lokomotiven in Sachsen sowie für Wagen aller Spurweiten und Bauarten genannt. Sein fotografisches Auge hielt dabei jedoch nicht nur Fahrzeuge, sondern stets die Eisenbahn als Ganzes im Bild fest. Dass diese Aufnahmen und Filme letztendlich nicht in die Hände eines kommerziellen Verlages gelangt sind, sondern bei der Familie verbleiben, freut mich sehr, sind sie doch dadurch derzeit für jedermann zugänglich, der einen Abzug bzw. Repro benötigt.

Wenn über die Persönlichkeit Günter Meyer geschrieben wird, dann ist mir abschließend noch eines wichtig: Er war kein „Fachidiot“. Denn so beeindruckend sein Eisenbahnwissen war, am Kaffeetisch mit seiner Frau Karin verblüffte er mich am meisten durch seine Kenntnisse über Johann Sebastian Bach, Karl May oder Weltpolitik! Entsprechend ist wirklich ein ganz großer Mensch von uns gegangen!

Unsere Anteilnahme und unser Beileid gelten seiner Frau Karin und seinen Kindern samt Angehörigen!

Im Namen der IG Preßnitztalbahn e. V. und des VSE – André Marks


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