Das große Jubiläumsjahr 2006

1. Festival 2006
Strecke Oschatz – Mügeln – Glossen

Vom 29. April bis zum 1. Mai fand anläßlich des Jubiläums „125 Jahre sächsische Schmalspurbahnen“ das erste Festival statt. Der Förderverein „Wilder Robert“ e.V. und die Döllnitzbahn GmbH hatten dazu nach Mügeln eingeladen. Im Mittelpunkt stand für viele Besucher eine Mitfahrt auf dem eine Woche zuvor eingeweihten Abschnitt von Nebitzschen nach Glossen. Dieses etwa 1,5 km lange Stück war in den Monaten zuvor mit Fördermitteln von einer Gleisbaufirma aus Brandenburg wiederaufgebaut worden.

Mit leuchtenden Augen befuhren viele Eisenbahnfreunde das neue Gleisstück, einst Bestandteil der Schmalspurbahn von Mügeln über Wermsdorf nach Neichen. Diese 1888 eröffnete Linie mit 23,9 km Länge war – bis auf den Abschnitt von Mügeln nach Nebitzschen – zwischen 1967 und 1972 eingestellt worden. Von Nebitzschen aus führte seit 1903 eine Stichbahn nach Kroptewitz. Das unterwegs in Kemmlitz ansässige Kaolinwerk sorgte dafür, daß die Strecke Oschatz – Mügeln – Nebitzschen – Kemmlitz bis zum Ende der DDR erhalten blieb. Der reguläre Reiseverkehr von Nebitzschen nach Kroptewitz war hingegen bereits Ende 1964, der Güterverkehr von Kemmlitz nach Kroptewitz im Oktober 1967 eingestellt worden.

Aufgrund von Unterspülungen hatte der sächsische Landesbevollmächtigte für Bahnaufsicht (LfB) den Abschnitt Nebitzschen – Kemmlitz im Frühjahr 2006 gesperrt. Da jedoch DBG und Förderverein bis zuletzt gehofft hatten, eine Sondergenehmigung zum Befahren der beschädigten Gleise zu erhalten, kam es zu einem großen Fahrplanchaos. Der erste, wenige Tage vor dem Festwochenende veröffentlichte Fahrplan für den „hinteren Abschnitt“ der Schmalspurbahnen enthielt „Dreiecksfahrten“ zwischen Kemmlitz, Nebitzschen und Glossen.

Da die Döllnitzbahn und der Förderverein bis Ende April keine Arbeiten am Abschnitt Nebitzschen – Kemmlitz ausgeführt hatten, sah sich der sächsische LfB allerdings nicht veranlaßt, die Streckensperrung aufzuheben – der erste veröffentlichte Fahrplan mit Zügen nach Kemmlitz war ungültig. Am Samstag, dem 29. April, fanden aus diesem Grund alle Fahrten operativ statt – zumindest lag keinem Schaffner und Besucher ein Fahrplan vor. Das regnerische Wetter sorgte an diesem Tag ebenfalls für etwas Verstimmung. Trotzdem versuchte jeder das Beste aus den Gegebenheiten zu machen. Nach elanvollen Ansprachen auf dem Mügelner Gleisfeld pendelten zahlreiche Züge zwischen Oschatz und Mügeln sowie Mügeln und Glossen. Anschlüsse konnten nicht immer gewährleistet werden. Die Anzahl der mitgeführten Sitzwagen variierte von eins bis vier, wodurch es teilweise zu recht großem Gedränge in einzelnen Zügen kam.

Als Zuglokomotiven standen dabei neben der vom Förderverein „Wilder Robert“ betreuten 99 561 die Gastlokomotiven 99 516 aus Schönheide und IV K 132 (99 539) mit zwei vierachsigen Oberlichtwagen 286K und 243K (970-302 und 970-316) aus Radebeul zur Verfügung. Die Teilnahme und den Transport der Gastfahrzeuge hatte dabei der Verein zur Förderung Sächsischer Schmalspurbahnen (VSSB) vermittelt. Im Stadtgebiet von Oschatz kamen außerdem die Dieselloks Lyd2 sowie Ns4 199 032 zum Einsatz.

Von diesen fünf Lokomotiven wurden häufig wechselnde Wagengarnituren bespannt. Dazu konnten die vorhandenen sechs Mügelner Sitzwagen mit Einsatzfristen, die beiden Radebeuler Oberlichtwagen sowie ein Gepäck- (974-369) zwei Güter- (HHw 97-25-30 + GGw 97-15-02) und zwei Rollwagen (97-01-22 und 97-06-31) genutzt werden. Alle anderen in Mügeln vorhandenen Reise- und Güterzugwagen verfügen über keine Einsatzerlaubnis mehr. Da die vier modernisierten Sitzwagen der DBG mit Druckluftbremsen (970-263, -266, -275, -282) versehen sind, war es für die Dampfzüge erforderlich, jeweils als ersten und letzten Wagen einen saugluftgebremsten Gepäck- oder Güterwagen in die Züge mit den Modernisierungswagen einzureihen (die drei Dampflokomotiven verfügen über Saugluftbremsen). So konnten sehr interessante und abwechslungsreiche Zuggarnituren fotografiert werden. Besonders begehrt waren Aufnahmen mit 99 516, war diese doch von 1927 bis 1971 im Mügelner Netz unterwegs gewesen.

Nachdem es bereits am Samstagabend aufgeklart hatte, zeigte sich das Wetter am Sonntag, dem 30. April, mit dem Festival versöhnlich. Bei herrlichem Sonnenschein pendelten die genannten Fahrzeuge auf der genannten Strecke. Wem es gelungen war, an einen für diesen Tag gültigen Fahrplan zu kommen, hatte an diesem allerdings keine Freude – die Fahrzeiten waren recht schnell Makulatur. Vergessene Weichenschlüssel, Abstimmungsprobleme zwischen dem Personal und andere Schwierigkeiten ließen das Tabellenwerk für den ganzen Tag wertlos werden.

Wem nun im Detail für diese Ärgernisse die Schuld zuzuweisen ist, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden, zu subjektiv sind dabei die Urteile. Der Autor dieses Textes sah es z. B. als positiv an, daß ein Lokführer aus Radebeul mit einem Heizer aus Zittau auf einer mit dem Jöhstädter Tieflader aus Schönheide nach Mügeln gebrachten Lok unterwegs war. Die Veranstaltung trug dazu bei, den Zusammenhalt unter den an Schmalspurbahnen in Sachsen Aktiven zu festigen. Im Bereich des Mügelner Bahnhofes informierten zudem Vertreter der Schmalspurvereine aus Radebeul, Freital, Jöhstadt, Zittau, aber auch aus dem Mansfelder Land, vom Pollo und von der Selketalbahn.

Die Freude beim Anblick eines unterhalb der 600-mm-Verladerampe in Glossen neben dem auf einem Rollfahrzeug präsentierten Regelspurwagens zur Abfahrt bereitstehenden 750-mm-Zuges, die vielen Gespräche mit Gleichgesinnten und – zumindest ab Samstagabend – das gute Fotowetter mit einmaligen Motiven ließ über die organisatorischen Widrigkeiten des Festes erhaben hinwegsehen. Die Besichtigung der Feldbahnschauanlage Glossen war für viele Besucher eine große Überraschung. Bei dieser pendelten exakt nach Fahrplan zwei kleine 600-mm-Züge vom Bahnhof Glossen in die nur knapp einen Kilometer entfernte ehemalige Quarzitgrube. Dabei werden immerhin zwei Brücken, die Kreuzungsstelle am großen Fahrzeugdepot und die beeindruckende Verladebrücke passiert. Im Gelände selbst können ein Eimerkettenbagger, die umfangreichen Gleisanlagen und weitere Fahrzeuge besichtigt werden. Erklärungstafeln und kompetente Vereinsmitglieder bringen den Besuchern das Ausgestellte professionell nahe. Betrieben wird die Feldbahnschauanlage Glossen vom gleichnamigen Verein während der Zeit der sächsischen Landesgartenausstellung an jedem Samstag. Zum Einsatz kommen Dieselloks vom LKM-Typ Ns2, aber auch ältere Fabrikate von Deutz und O&K. Aufgrund der großen Steigung zur Grube stehen in jedem Zug nur wenige Sitzplätze zur Verfügung. Längere Wartezeiten sind deshalb möglich.

Doch auch auf den Mügelner 750-mm-Gleisen gibt es vom 22. April bis zum 8. Oktober 2006 anläßlich der Landesgartenschau in Oschatz viel Verkehr. Zwischen Oschatz Hbf und Oschatz Süd verkehren die Züge täglich zwischen 9.35 und 18.35 Uhr im Stundentakt, mehrere davon von einer Dampflok (99 561 – ab Sommer 99 574!) bespannt. Jedes Wochenende fahren Dampfzüge von Oschatz nach Glossen, wo Anschluß an die Feldbahn besteht. Die Rückkehr des letzten Dampfzuges nach Oschatz ist samstags 19.18 Uhr, nach Mügeln 20.13 Uhr (sonntags jeweils eine Stunde eher).

Wann der in diesem Fahrplan aufgenommene Abschnitt Nebitzschen – Kemmlitz bedient wird, stand zu Redaktionsschluß des PK noch nicht fest. Finden auf diesem Abschnitt die Reparaturarbeiten statt, kann man danach wieder vom Mügelner Schmalspurnetz sprechen. Denn dann besteht in Nebitzschen die Möglichkeit, nicht nur nach „links“ oder „rechts“, sondern in drei Richtungen zu reisen. Da der für die Förderung des Schienenpersonennahverkehrs in Mittelsachsen zuständige Zweckverband angekündigt hat, nach der Landesgartenschau der Döllnitzbahn keine Gelder mehr auszuzahlen, empfiehlt es sich, bis zum 8. Oktober nochmals von Oschatz nach Mügeln zu fahren.

Zu positiven Dingen: Wie z. B. im PK 88, Seite 13, veröffentlicht, findet vom 7. bis zum 9. Juli das zweite Schmalspurfestival entlang der Strecke Radebeul Ost – Radeburg statt. Wie angekündigt, kommt es dabei auch zum Einsatz des vierachsigen Bahnpostwagens 2680 der IG Verkehrsgeschichte Wilsdruff e.V. Ein weiterer fotografischer Höhepunkt dürfte eine Fahrt der zweiachsigen Wagen sein.
AM


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