Fahrzeug-Geschichte

Der Kleinbahnwagen 970-812

Seit Ende 2015 befindet sich im Park der Rügenschen BäderBahn (RüBB) leihweise ein ganz besonderer Sitzwagen. Es handelt sich um einen vor dem Ersten Weltkrieg in Düsseldorf für die Kleinbahn im Kreis Schlawe in Hinterpommern gebauten Vierachser mit Oberlichtdachaufbau und so genannten Weyer-Drehgestellen. Aber wann gelangte der Wagen auf die Insel Rügen und auf welche wechselhafte Einsatzgeschichte blickt er inzwischen zurück?

Die Zeit im alten Ostdeutschland

So wie in Vorpommern auf der Insel Rügen, um Demmin und im Altkreis Greifswald in der Kaiserzeit die Kleinbahnen mit 750 mm Spurweite entstanden, so gab es einst auch in Hinterpommern um Köslin, um Stolp und um Schlawe jeweils Kleinbahnen mit dieser Spurweite. Letztere bezog 1897 sowie zwischen 1900 und 1910 in zwei Baulosen insgesamt neun vierachsige Sitzwagen. Hersteller war die AG Düsseldorfer Eisenbahnbedarf vorm. Carl Weyer & Co. Merkmal der in dieser Zeit von diesem Unternehmen für zahlreiche Auftraggeber produzierten schmalspurigen Drehgestellwagen war die vergleichsweise niedrige Wagenbodenhöhe. Möglich machten das die heute meist Weyer-Drehgestelle genannten Fahrwerke, bei denen die Federpakete nicht wie damals sonst allgemein üblich über den Radsätzen, sondern durch eine einfache Hebelkonstruktion etwa auf Zapfenhöhe aufgehangen waren.

Außerdem sind die typischen schmalspurigen „Weyer-Wagen“ an den sich nach unten verjüngenden Wagenkästen („Fischbauch“), dem Oberlichtdachaufsatz sowie der Fensterteilung zu erkennen. So charakterisieren die Seitenwände größere nicht öffenbare Fenster, welche beidseitig von schmaleren, herablassbaren Fenstern flankiert werden.

Die Betriebsnummern der Weyer-Wagen im Kreis Schlawe sind heute nicht mehr bekannt. Als sich die Betriebsleitung der Kleinbahn Anfang der 1930er Jahre entschloss, die schmalspurigen Strecken auf 1435 mm umzuspuren, schrieb sie die 750-mm-Fahrzeuge mit wenigen Ausnahmen zum Verkauf aus.

Die Weyer-Wagen in Mitteldeutschland

Im Jahr 1935 erwarb die Direktion der Kleinbahnen des Kreises Jerichow I (KJI) für die von Burg (bei Magdeburg) ausgehenden 750-mm-Strecken unter anderem sieben der vierachsigen Kleinbahnwagen aus Schlawe. Im Jahre 1949 übernahm die Deutsche Reichsbahn die Betriebsführung auch dieser Strecken, welche sie fortan intern als „Netz Burg“ bezeichnete. Gleichzeitig erhielten die aus Schlawe stammenden Vierachser neue Betriebsnummern, das heute auf der Insel Rügen befindliche Exemplar die 7.0788p.

Im Jahr 1958 führte die Deutsche Reichsbahn ein neues Nummernsystem für ihre schmalspurigen Reisezugwagen ein. Dem gemäß erhielt der 7.0788p bei seinem nächsten Aufenthalt in der Werkabteilung Perleberg des Raw Wittenberge die Betriebsnummer 970-812. Gemeinsam mit baulich gleichen sowie leicht abweichenden Schwesterfahrzeugen kam er anschließend bis zur Einstellung des Reiseverkehrs am 25. September 1965 weiterhin im Netz Burg zum Einsatz.

Danach setzte die Deutsche Reichsbahn den 970-812 als einzigen aus Schlawe stammenden Sitzwagen auf die Insel Rügen um. Hier kam der markante Vierachser nachweislich auf der Strecke Altefähr – Putbus, vielleicht aber auch auf der Bäderbahn Putbus – Göhren zum Einsatz, auf letzterer dann teils mit den ebenfalls von der KJI stammenden Dampflokomotiven 99 4801 und 99 4802. Nach der Einstellung der Rügenschen Südstrecke wurde der anschließend nach Bergen (Rügen) Ost gebrachte Wagen 970-812 entbehrlich. Die Deutsche Reichsbahn verkaufte daraufhin seinen Kasten im Oktober 1969 an einen privaten Interessenten in Vaschvitz. Hier diente der Aufbau viele Jahre als stationärer Geräteschuppen, die originalen Drehgestelle gab die Reichsbahn hingegen in den Schrott.

Die Rettung des Wagens 970-812

Ab Ende der 1970er Jahre engagierten sich Eisenbahnfreunde aus Saßnitz und Stralsund in zwei Arbeitsgemeinschaften des Deutschen Modelleisenbahn-Verbandes der DDR (DMV) für den Erhalt von Sachzeugen der Rügenschen Kleinbahn. Diese Eisenbahnfreunde wurden in den 1980er Jahren auf den Kasten von 970-812 aufmerksam, dessen Eigentümerin ihn als Geräteschuppen nicht mehr benötigte. Daraufhin übernahm der DMV den Wagenkasten und brachte ihn 1986 nach Putbus, wo er im Bereich der Bahnhofseinfahrt einen Standplatz fand und erste Erhaltungsarbeiten begannen.

Anfang der 1990er Jahre wurde der neu gegründete Förderverein für die Erhaltung der RüKB e. V. Eigentümer des nach seiner Ausmusterung braun lackierten Kastens. Maßgeblich zwei Mitglieder des Fördervereins versetzten den Aufbau um das Jahr 2000 in einen ansehnlichen Zustand mit grüner Außenlackierung. Im Inneren legten sie das Naturholz frei und bauten verschiedene nach 1969 entfernte Accessoires wieder ein. Außerdem fertigten sie im Eigenbau zwei Drehgestelle nach dem Vorbild von im Jagsttal erhaltenen Weyer-Drehgestellen an, für welche sie die Radsätze von einem der beiden ursprünglich von der KJI stammenden Schlackewagen 97-44-21/-24 nutzten.

Der auf diese Weise rollfähig aufgearbeitete 970-812 kam anschließend von Zeit zu Zeit in Putbus auf dem vom Verein genutzten Gelände zur Brücke nach Altefähr hinter der damals im Besitz des Fördervereins befindlichen Diesellok vom Typ HF130C für Schaufahrten zum Einsatz (der Eigentümer der Köf, Jörg Seidel aus Köln, verlieh diese später an den Interessenverband der Zittauer Schmalspurbahnen e. V. nach Bertsdorf). Regulär stand der vierachsige Sitzwagen jedoch hinter der damals nicht betriebsfähigen Schlepptenderdampflok 99 4652 im Putbuser Denkmalszug des Fördervereins.

In der Zeit der engen Zusammenarbeit des Fördervereins mit dem Unternehmer Ludger Guttwein verließ der 970-812 für längere Zeit die Gleise des „Rasenden Rolands“ und wurde sogar in Mecklenburg gemeinsam mit der Dampflok „Helene“ (ex DGEG, ex JLKB) als potenzieller Einsatzkandidat für einen Wiederaufbau der Regelspurstrecke Grevesmühlen – Klütz mit 750 mm Spurweite präsentiert. Da sich Ludger Guttwein später entschied, diese Strecke auf 600 mm umzuspuren, gab er den 970-812 nach Putbus in Vorpommern zurück.

Die betriebsfähige Aufarbeitung

Im Jahr 2014 erarbeiteten der Förderverein und die Eisenbahn-Bau- und Betriebsgesellschaft Pressnitztalbahn mbH (PRESS) ein Konzept zur betriebsfähigen Aufarbeitung des 970-812. Daraufhin ließ der Verein den Vierachser im September 2014 nach Ostsachsen zur Firma BMS in Ostritz bei Zittau bringen. Hier entstanden verschiedene Bereiche der Holzkonstruktion (unter anderem das Dach und die Innenverkleidung) sowie die Außenbeblechung des Wagens neu. Parallel fertigte das Unternehmen für den Wagen zwei komplett neue Drehgestelle an. Das war eine der Bedingungen der Bahnaufsicht, um den Vierachser zuzulassen.

Der auf diese Weise nunmehr professionell in einer Fachwerkstatt aufgearbeitete und lackierte Wagen kehrte im November 2015 auf die Insel Rügen zurück. Hier absolvierte er am 2. Dezember seine Probefahrt ohne Mängel. Jetzt steht nur noch die Beschriftung aus. Ab nächstem Frühjahr soll er dann offiziell genutzt werden. Einsetzen möchten ihn der Förderverein als Eigentümer und die RüBB als Kooperationspartner vor allem für Foto- und Sonderfahrten. Hinter 99 4801 oder 99 4802 erinnert 970-812 an den Einsatz dieser Fahrzeuge bis 1965 im Burger Netz. Bis 1969 zogen den Weyer-Wagen dann neben den schon genannten Loks auch die heute noch bzw. wieder auf Rügen erhaltenen 99 4632 und 99 4633 sowie 99 4652 zwischen Altefähr und Putbus sowie womöglich auch Göhren.
Volker Krehut/André Marks

Nachtrag:
Im Eigentum des Traditionsvereins Kleinbahn des Kreises Jerichow I befindet sich ein Schwesterwagen von 970-812. Dabei handelt es sich um den Kasten von 970-807, den die Deutsche Reichsbahn aber nach Einstellung des Burger Netzes nicht auf die Insel Rügen umsetzte, sondern verkaufte. Auch dieser Vierachser stammt ursprünglich aus Hinterpommern. Bis auf diese beiden Exemplare sind alle anderen vierachsigen Weyer-Wagen der Schlawer Kleinbahn heute nicht mehr existent.
AM


aktueller Preß'-Kurier | Artikel älterer Ausgaben