Ein Eisenbahnwochenende im Westerzgebirge

Oft fragen sich unsere Leser, welche Eisenbahnangebote im Westerzgebirge an einem (langen) Wochenende genutzt werden können. Anders als der Autor der beiden Vorseiten hat der des folgenden Berichtes einen Versuch mit dem Ziel unternommen, möglichst viele attraktive Punkte innerhalb von 48 Stunden anzusteuern. Am Freitagabend erfolgt die Anreise ins Westerzgebirge. Wer aus Richtung Vogtland kommt, sollte unbedingt einen kurzen Halt in Klingenthal einlegen, wo am Bahnhof zwei Fahrzeuge an die Schmalspurbahn Klingenthal – Sachsenberg-Georgenthal erinnern. Bei dieser Bahn handelte es sich um die einzige elektrisch betriebene Schmalspurbahn Sachsens mit öffentlichem Reiseverkehr. Die Spurweite betrug 1000 mm. Wer sich ein wenig Zeit für das Betrachten der Fahrzeuge nimmt, hat vielleicht auch Glück, dass ihn ältere Klingenthaler ansprechen, so wie es dem Autor erging. Bei einem Gespräch wird sofort deutlich, dass die kleine Bahn bei vielen älteren Menschen noch nicht vergessen ist und so erzählen sie bereitwillig von ihren Erlebnissen mit der Schmalspurbahn.

Schönheide – Stadt mit einst fünf Bahnhöfen!

Weiter führt die Fahrt nach Schönheide, wo am Abend das Quartier bezogen wird. Ausschlafen ist am nächsten Morgen jedoch nicht möglich, denn gleich nach dem Frühstück starten wir zur Museumsbahn Schönheide.

Am Bahnhof Schönheide Mitte, wo bereits der 10 Uhr abfahrende Personenzug am Bahnsteig steht und auf Fahrgäste wartet, schauen wir uns zunächst um. Einige Wagen befinden sich auf dem Ausziehgleis Richtung Stützengrün. Auch den offen stehenden Lokschuppen mit den beiden IV K-Maschinen 99 582 und 99 585 unterziehen wir einer genaueren Betrachtung, bevor die Abfahrtszeit heranrückt und wir den von 99 516 bespannten Zug besteigen.

Gemächlich rollen wir vorbei an Bäumen und grünen Wiesen nach Stützengrün. Hier muss unsere Zuglok umsetzen, denn das letzte Streckenstück nach StützengrünNeulehn wird der Zug geschoben. Am Endpunkt der Museumsbahn besteht nur eine Minute Aufenthalt, also heißt es nach der Ankunft schnell sein, um ein Erinnerungsfoto schießen zu können. Nach dem Einsteigen der Fahrgäste erfolgt dann auch schon der Abfahrtpfiff und der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Nur 50 Minuten nach der Abfahrt sind wir bereits wieder am Ausgangspunkt unserer Zugfahrt angelangt. Das Wassernehmen der Lokomotive wird noch beobachtet, bevor unsere Reise weitergeht.

Von Schönheide Mitte fahren wir einige Kilometer talwärts zum Bahnhof Schönheide Ost. Hier können zwei kürzlich vom FHWE aufgestellte Regelspurwagen besichtigt werden. Allerdings bleibt nicht viel Zeit für einen Aufenthalt, schließlich wollen wir weiter zum Spurwechselbahnhof Schönheide Süd. Wie es der Begriff „Spurwechselbahnhof“ schon verrät, traf hier früher die schmalspurige Strecke von Wilkau-Haßlau nach Carlsfeld auf die normalspurige Strecke der CA-Linie von Chemnitz über Aue nach Adorf. Auf einem Teilstück der letztgenannten Strecke fährt heute der Wernesgrüner Schienenexpress (WEX), ein aus einem Skl und zwei Beiwagen gebildeter Zug. Um 12 Uhr setzt sich dieser in Richtung Hammerbrücke in Bewegung, es heißt also gleich nach der Ankunft einsteigen. Der Bahnhof selbst kann erst am frühen Nachmittag nach der Rückkehr des WEX genauer besichtigt werden.

Die Fahrt führt durch Fichtenwälder und vorbei am Raumfahrtmuseum in Morgenröthe-Rautenkranz. Nach ca. 90 Minuten Fahrzeit kommen wir wieder in Schönheide Süd an. Bei herrlichem Sonnenschein macht eine Erkundung des Bahnhofes viel Freude. Im Normalspurteil stehen mehrere Kleindieselloks und Wagen, die später für den Wilzschhaus-Nostalgie-Express genutzt werden sollen, doch noch läuft die Aufarbeitung der Fahrzeuge. Besonders interessant für uns ist die Besichtigung der Rollwagengrube sowie des Schmalspurteils des Bahnhofes. Neben zwei Reisezug- und mehreren mit regelspurigen Güterwagen beladenen Rollfahrzeugen finden wir hier auch eine kleine Diesellok vom Typ V10C sowie einen Wasserkran. Die Gleise lassen uns träumen, dass gleich ein Zug in Richtung Carlsfeld fahren könnte, doch kurz nach dem Bahnhof endet das Gleis und wir müssen der Realität ins Auge sehen: Von Schönheide Süd nach Carlsfeld wird wohl nie wieder ein Zug fahren.

Um dennoch nach Carlsfeld zu gelangen, müssen wir also ins Auto steigen. Nach nur gut fünf Minuten haben wir den Endbahnhof der früheren WCd-Linie erreicht. Außer zwei Güterwagenkästen können wir hier nur die teilweise wiederaufgebaute Gleisanlage und das historische Bahnhofsgebäude sowie das einständige Heizhaus fotografieren.

Zwischenstopp in Rittersgrün?

Am späten Nachmittag setzen wir unsere Reise zum nächsten Übernachtungsort – nach Oberwiesenthal – fort. Wer noch Lust auf Neues hat, dem sei ein Besuch im Sächsischen Schmalspurbahn-Museum in Rittersgrün empfohlen. Hier warten zum Beispiel die Lokomotiven 99 579 und 99 759 sowie verschiedene zwei- und vierachsige Wagen darauf, besichtigt zu werden.

Übernachtung in Oberwiesenthal

Wenn am frühen Abend Oberwiesenthal erreicht wird, steht zunächst ein Abstecher zum Bahnhof auf dem Programm. Der nur wenige Meter entfernte Hüttenbachtalviadukt bildet das Motiv für den letzten Zug des Tages. Nach dem Abendessen wird das Quartier bezogen, auch hier heißt es früh schlafen gehen, um am nächsten Morgen zeitig aufstehen zu können, denn gegen 8.30 Uhr wollen wir in Richtung Preßnitztal starten.

Museumsbahn pur bei Preßnitztalbahn

In Jöhstadt angekommen, werden zunächst die neuen Gleise am Bahnhof sowie die abgestellten Fahrzeuge in Augenschein genommen. Danach wandern wir weiter in Richtung Lokschuppen, wo bereits die heute im Einsatz stehende IV K 99 1542-2 vor sich hin qualmt. Auch der Souvenirstand hat bereits geöffnet, angeboten werden neben Ansichtskarten auch Kalender sowie Schwibbögen mit Preßnitztalbahn-Motiven. Aufgrund des Regenwetters und der für einen Sommertag sehr geringen Temperaturen kommt beim Anblick von Schwibbögen schon fast Weihnachtsstimmung auf. Doch bevor wir an den Winter denken, schauen wir den Rangierbewegungen unserer Zuglok zu. Ganz gemächlich setzt sie sich vor die am Bahnsteig stehenden Wagen. Immer mehr Fahrgäste gesellen sich zu uns, trotz des eher verregneten Tages.

Dann beginnt die Fahrt. Nach rund 45 Minuten Fahrzeit erreichen wir Steinbach, den heutigen Endpunkt der Preßnitztalbahn. Hier setzt die IV K um und nimmt Wasser. Am Wasserhäuschen versammeln sich alle Fotografen, um die 99 1542-2 abzulichten. Ein Motiv, was wohl jedem Leser bekannt ist. Es bleiben einige Minuten Zeit, um sich die Güterwagen auf dem Nachbargleis anzusehen. An mehreren Tagen im Jahr kommen sie bei speziellen Fotofahrten zum Einsatz. Während wir die Wagen inspizieren, hat unsere Lok ihren Wasservorrat ergänzt und setzt sich an unseren Zug. Dann geht es zurück in Richtung Jöhstadt. In Schmalzgrube steht bei der Bergfahrt ein längerer Halt auf dem Programm, der zu weiteren Fotos genutzt werden sollte, denn das hiesige Empfangsgebäude und die Blumen im Bahnhofsbereich sind bestens geeignet, um den Zug stimmungsvoll in Szene zu setzen. In Jöhstadt angekommen, schauen wir uns noch das Umsetzen der Lokomotive an, schließlich ist diese Szenerie erst seit ungefähr einem Jahr so zu erleben. Früher war eine zweite Lok notwendig, um die Wagengarnitur wegzuziehen. Auf den inzwischen verlängerten Gleisanlagen ist nun ein unproblematisches Umsetzen der Zuglok möglich.

Erlebnis Fichtelbergbahn

Von Jöhstadt fahren wir zurück nach Oberwiesenthal, wo auf dem Bahnhof schon der Zug nach Cranzahl auf uns wartet. Doch so weit wollen wir gar nicht mitfahren. Zeit hätten wir, doch am späteren Nachmittag haben wir noch eine andere Fahrt vor uns. Also steigen wir bereits in Hammerunterwiesenthal wieder aus und schauen uns den Bahnhof genauer an. Wir finden abgestellte Personen- und Güterwagen sowie die Überladerampe, von der aus die Fahrzeuge der Fichtelbergbahn auf einen Straßentieflader verladen werden können. Viel Zeit bleibt uns aber nicht, schon macht sich der Gegenzug lautstark mit einem Pfiff bemerkbar.

Die von 99 1793-1 geführte Garnitur lichten wir gemeinsam mit der Dorfkirche ab und suchen uns dann schnell ein gemütliches Plätzchen auf einer Plattform. Den Fahrtwind lassen wir uns um die Nase wehen und genießen dabei den Ausblick auf die vor uns liegenden Berge. Sowohl der Fichtel- als auch der Keilberg sind jetzt fast die gesamte Fahrt über bis Oberwiesenthal zu sehen. Besondere Freude bereiten uns die Überfahrt des Hüttenbachtalviaduktes sowie der Blick zum rechts der Bahn gelegenen Heizhaus in Oberwiesenthal. Vom Bahnhof Oberwiesenthal führt unser Weg durch den kleinen Kurort zur Fichtelberg-Schwebebahn, der ältesten Seilschwebebahn Deutschlands. Mit dieser roten Kabinenbahn fahren wir hinauf auf den höchsten Berg Ostdeutschlands, den 1214,6 m hohen Fichtelberg. Von hier lässt sich bei schönem Wetter das gesamte Erzgebirge überblicken.

Geheimtipp Wolkenstein

Nach der Rückfahrt steigen wir in unser Auto und treten die Heimreise an, zumindest das erste Stück, denn wir haben Glück. Erst am Montagmorgen verlassen wir das Erzgebirge, so dass noch ein letztes Highlight auf unserem Programm steht: eine Übernachtung im Zughotel Wolkenstein. Direkt am Bahnhof der Erzgebirgsstadt gelegen, befindet sich eine Übernachtungsmöglichkeit, die kein Eisenbahnfreund verpassen sollte. Vier Ferienzüge bilden das einzigartige Zughotel – ein perfekter Abschluss unserer kleinen Erzgebirgs-Erlebnisreise! Sehr geehrte Leser, steigen Sie ein und kommen Sie zu den Eisenbahnen im Westerzgebirge, die Reise lohnt sich!
Stefan Müller


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