Erinnerungen an die Nebenbahn Pirna – Berggießhübel – Bad Gottleuba

An die am 19. Juli 1880 von Pirna nach Berggießhübel eröffnete und am 1. Juli 1905 bis Bad Gottleuba verlängerte normalspurige Sekundärbahn erinnerte viele Jahre lang fast nichts mehr. Heute stellt sich die Situation anders dar, doch zunächst ein Blick in die Geschichte: Der Betrieb auf der Gottleubatalbahn (sächsisches Linienkürzel: PGl) wurde schrittweise eingestellt. Mehrere Entgleisungen führten dazu, dass am 24. August 1970 der Personenverkehr im Gottleubatal endete. Den Güterverkehr führte die Deutsche Reichsbahn vor allem für Materialtransporte zum Bau der Talsperre Gottleuba bis zum 1. April 1976 weiter.

Anschließend belieferte sie oberhalb von Pirna bis 1977 noch das Hartpappenwerk in Langenhennersdorf, danach wurde die Strecke zwischen PirnaNeundorf und Bad Gottleuba abgebaut. Auf dem unteren Streckenabschnitt zwischen Pirna und Pirna-Neundorf blieb die Strecke zunächst erhalten, was vor allem am Wismut-Verkehr lag. Denn von 1967 bis 1983 verkehrten zwischen Pirna und Pirna-Rottwerndorf täglich mehrere Erz- und Materialgüterzüge. In Pirna-Neundorf bediente die Reichsbahn den Anschluss des VEB AGROTEX. Mitte der 1990er Jahre lief der Verkehr zu dieser chemischen Fabrik aus. Daraufhin stellte die DB AG den Güterverkehr im Gottleubatal zum 1. Januar 1997 ein und verfügte die Stilllegung des noch vorhandenen Reststückes der Gottleubatalbahn zum 24. Februar 1999.

Letzte Sonderfahrten 1993

Am Pfingstwochenende 1993 hatte die „IG Eisenbahnfreunde Sächsische Schweiz“ zwischen Pirna und PirnaRottwerndorf mehrere Sonderfahrten mit dem Triebwagen 772 135-0 sowie dem Steuerwagen 972 767-8 angeboten. Die Pläne der IG, die noch vorhandenen Eisenbahntrassen rund um Pirna für einen modernen Nahverkehr zu nutzen und sogar die Strecke bis Bad Gottleuba wieder aufzubauen, zerschlugen sich kurze Zeit darauf. Zwischen 1999 und 2002 wurden die Gleise zwischen dem Pirnaer Kohlehandel und Pirna-Neundorf abgebaut. Danach war von der einst 17,6 km langen Bahnlinie nicht mehr viel zu finden, nur der Bahndamm war hier und da noch zu erkennen und das ein oder andere frühere Bahngebäude sowie einige Brücken standen noch.

Ein Café im alten Bahnhof

Inzwischen hat sich die Situation geändert, denn am einstigen Bahnhof Bad Gottleuba hält die Eisenbahn wieder Einzug. Familie Helm richtete das ehemalige Empfangsgebäude liebevoll vor, erweiterte es um einen Anbau mit Terrasse und etablierte in dem Gebäudeensemble ein Café und Restaurant. Auch eine Ferienwohnung befindet sich in dem Bahngebäude. Seit 2014 hat in dem historischen Gebäude nun das „Parkcafé Alter Bahnhof Gottleuba“ geöffnet. Wenn der Besucher auf die Terrasse tritt, kann er mit etwas Glück einen Dampfzug sehen. Das ist an Mittwoch- und Sonntagnachmittagen der Fall, denn dann dreht eine Gartenbahn ihre Runden.

Ein 1:1-Exponat und seine Geschichte

Für alle Gäste, die sich eher der großen Eisenbahn zuwenden, gibt es aber auch etwas zu entdecken: eine „Donner büchse“ neben dem Bahnhofsgebäude. Dabei handelt es sich um einen ehemaligen 4.-Klasse-Wagen aus dem Jahr 1928 mit offenen Perrons. Die Deutsche ReichsbahnGesellschaft (DRG) stellte den von der Waggonfabrik Uerdingen gebauten Zweiachser mit der Betriebsnummer „52696 Stuttgart“ als Wagen der Gattung Di-27 in Dienst. Durch die Abschaffung der 4. Klasse änderte sich die Gattungsbezeichnung im gleichen Jahr noch in Cid-27 – seine hölzernen Sitzbänke behielt der Wagen allerdings. Ob und wann das 1956 der 2. Klasse zugewiesene Fahrzeug mit Kunstleder überzogene Hartpolstersitze bekam, ist nicht überliefert. Nachgewiesen ist hingegen, dass der nach Kriegsende in der Sowjetischen Besatzungszone vorgefundene Plattformwagen zwischen 1958 und 1968 die Reichsbahnnummer 341-811 und danach die EDV-Nummer 50 50 24-26 282-4 getragen hat.

In den 1970er Jahren stellte die Reichsbahn so viele neu gebaute Reisezugwagen in Dienst, dass die letzten Sitzwagen mit offenen Plattformen aus dem Reiseverkehr ausscheiden konnten. Viele von ihnen fanden danach eine weitere Verwendung als Bahndienstwagen, so auch das heute in Bad Gottleuba stehende Exemplar. Er erhielt dazu die Betriebsnummer 60 50 99-19 210-2 angeschrieben und wurde vom Oberbauwerk in „W.-Pieck-Stadt Guben“ – so verraten es die noch entzifferbaren Anschriften – als Wohnwagen genutzt. Im Februar 2002 übernahmen die Ostsächsischen Eisenbahnfreunde e. V. den Zweiachser aus Wetro bei Bautzen und brachten ihn nach Löbau. Doch er passte nicht ins Konzept des Vereins, so dass dieser ihn zum Kauf ausschrieb. Um diesen 13,92 m langen Wagen stilecht zu präsentieren, ließ Familie Helm im Jahr 2014 auf dem Bahnhofsgelände an der originalen Bahnsteigkante ein Gleisjoch aufbauen. Am 25. Juni 2015 traf der Wagen aus Löbau in Bad Gottleuba ein. Die Kran- und Überführungskosten in Höhe von 3000 Euro waren dafür übrigens höher gewesen als der an die Ostsächsischen Eisenbahnfreunde e. V. gezahlte Schrottwert – 2500 Euro.

Übernachten im stationären Eisenbahnwagen

Im Vorfeld des Jubiläums „111 Jahre Bahnhof Bad Gottleuba“ frischten Mitglieder der Familie Helm den Wagen in Eigenleistung bis zum 2. Juli 2016 optisch auf. Dabei entrosteten sie zunächst das Dach und versahen es mit Rostschutz. Anschließend wuschen sie die Seitenwände ab und überzogen diese mit einem Schutzlack. Außerdem glasten sie die Fenster neu ein. Seit diesem Juli können in der ersten dafür umgebauten Wagenhälfte nun Eisenbahnfreunde und Radtouristen übernachten. Den Südteil des Bahnhofgeländes ließ die Stadtverwaltung nach der Betriebseinstellung begrünen und gliederte ihn anschließend dem Goethepark an, Eisenbahnfreunde finden auch heute noch zwei Prellböcke.

Wer sich für die Bahnanlagen von Bad Gottleuba interessiert, sollte die Informationstafeln neben der Kuchentheke ausgiebig studieren. Außerdem gibt es eine Ansichtskarte, auf der das heutige Café mit dem Eröffnungszug von 1905 abgebildet ist. Das Café hat täglich ab 8 Uhr geöffnet, ab 11 Uhr gibt es warme Speisen. Geschlossen wird Montag bis Donnerstag um 20 Uhr, Freitag bis Sonntag 22 Uhr. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Betreibers unter www.parkcafe-gottleuba.de. Restauriert zeigen sich übrigens auch die ehemaligen Empfangsgebäude in Langenhennersdorf und Berggießhübel. Zwischen Zwiesel und Berggießhübel ließ die Stadtverwaltung im Rahmen einer ABM in den 1990er Jahren einen Teil der historischen Beschilderung sowie ein Signal wieder aufstellen.
Stefan Müller


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