Zum 200. Geburtstag eines bedeutenden Sachsen

Am 19. März 1808 wurde Johann Andreas Schubert im vogtländischen Wernesgrün geboren. Anlaß, das Wirken des Ingenieurs in und für Sachsen einmal im PK hervorzuheben.

Das 19. Jahrhundert war für die „industrielle Revolution“ in Sachsen von besonderer Bedeutung, gelang es dem Land doch in diesem Zeitraum, in vielen Bereichen der wirtschaftlichen Infrastruktur und der technischen Entwicklung, vor allem gegenüber England aufzuschließen, und an die Weltspitze vorzurücken. Das Wirken von J. A. Schubert kann in diesem Kontext nicht hoch genug gewürdigt werden, als „Universal-Ingenieur“ setzte er Maßstäbe sowohl im Bauingenieurwesen als auch bei den Maschinentechnikern – eine Kombination, die nach heutigen Ausbildungsplänen kaum noch möglich erscheint, ist die Spezialisierung der Fachrichtungen doch inzwischen zu weit auseinander gegangen.

Nach dem Studium des Bauwesens an der Akademie der bildenden Künste in Dresden erhielt er 1828 mit nur 20 Lebensjahren eine Lehranstellung an der in diesem Jahr gegründeten Königlich-Technischen Bildungsanstalt Dresden, dem Vorläufer der heutigen Technischen Universität. Da er aus keinem vermögenden Elternhaus stammte und über keine Beziehungen verfügte, ist diese Anstellung bereits deutliches Anzeichen für einen umfassenden wissenschaftlichen Sachverstand.

Mit 28 Jahren wurde Schubert Mitbegründer und technischer Direktor der Maschinenbau-Anstalt in Dresden-Übigau. Im Juli 1836 wurde er auch Mitbegründer der „Elbdampfschiffahrts-Gesellschaft“, wobei die wirtschaftlichen Interessen des Dresdner Maschinenbauunternehmens den Anstoß gaben – schließlich wurden hier in den folgenden Jahren unter seiner technischen und konstruktiven Verantwortung die ersten Dampfschiffe für die Schiffahrt auf der Oberelbe gefertigt. Als Schubert 1838 wieder seine Anstellung als Hochschullehrer aufnahm, brach er keinesfalls die Kontakte zu dem expandierenden Maschinenbauunternehmen im Dresdner Westen ab – vielmehr nahm er weiterhin aktiv Einfluß auf technische Entwicklungen. Im Jahr 1836 begann der Bau der Leipzig-Dresdner Eisenbahn – ein Technikgebiet, dem Schubert sicherlich schon frühzeitig eine entsprechende Aufmerksamkeit widmete, jedoch wiederum nicht in seiner ursprünglichen Profession, dem Bauwesen, lag.

Als Maschinenbauingenieur muß es für Schubert ein besonderer Ansporn gewesen sein, das Importprodukt „Lokomotive“ aus England genauer unter die Lupe zu nehmen. Warum sollte es nicht in Sachsen gelingen, Lokomotiven zu bauen und sich damit wirtschaftlich von England unabhängig zu machen? Wenn die Pläne für das Eisenbahnnetz in Deutschland Wirklichkeit werden sollten, würden jede Menge Lokomotiven benötigt werden.

Zu dieser Zeit hatte England jedoch bereits 20 Jahre Dampflokomotivbauerfahrung gesammelt, auch in Deutschland hatte es bereits verschiedene Versuche gegeben, sich an Eigenentwicklungen von Loks zu wagen. Politische Vorbehalte, schlechte finanzielle Bedingungen und fehlende Fertigungsvoraussetzungen ließen diese Versuche weitestgehend scheitern.

Schubert nutzte die Erkenntnisse einer intensiven England-Reise und die neun 1837/38 im Deutschen Bund befindlichen englischen Lokomotiven für ein umfassendes Studium der technischen Lösungen und eine Stärken- und Schwächen-Analyse, eine Vorgehensweise, die man bei manchen heutigen technischen Entwicklungen mehr als schmerzlich vermißt. Mit Hilfe der heute als „Reverse Engineering“ bezeichneten Methode wurde im Frühjahr 1838 die Lokomotive COMET der LDE in ihre Einzelteile zerlegt, vermessen und danach wieder zusammengebaut. Auf eigene Rechnung und Risiko des Übigauer Unternehmens erfolgte im Sommer und Herbst 1838 der Bau der SAXONIA – umfangreiche Erfahrungen aus den gesammelten Daten der englischen Loks boten eine Grundlage für zahlreiche Verbesserungen an der Technik gegenüber den Vorbildern. Am 8. Dezember 1838 fand die Probefahrt der Lok statt und am 7. April 1839 nahm die Lok mit Schubert an der Eröffnung der Gesamtstrecke zwischen Dresden und Leipzig teil.

Das Risiko des Wettbewerbs mit den Engländern hatte sich für Schubert noch nicht in barer Münze ausgezahlt – wenige Jahre später sollte aber in Chemnitz der Aufstieg eines anderen Maschinenbauunternehmens mit Lokomotiven beginnen. Der Nachbau der SAXONIA aus dem Jahre 1988/89 erinnert noch heute an diese Leistung – im Juli diesen Jahres soll die Lok nach einer notwendigen Kesseluntersuchung im Dampflokwerk Meiningen wieder betriebsfähig zu erleben sein.

Sich einmal dem Eisenbahnwesen verschrieben, war es nun für Professor Schubert an der Zeit, sich dem Bauwesen zu widmen – mit dem Brückenentwurf und der erstmals im Brückenbau angewandten Methode der theoretischen Berechnung der Statik mit Lastannahmen setzte er sich ein bleibendes Denkmal. Als größte Ziegelsteinbrücke der Erde ist die Göltzschtalbrücke auf der damaligen Sächsisch-Bayerischen Eisenbahn noch heute in Nutzung.

Mit seinem Wirken, bis 1868 im Hochschuldienst, hat Johann Andreas Schubert der aufstrebenden Wirtschaftskraft Sachsens bedeutende Impulse gegeben. Sowohl der Maschinenbau als auch das Bauingenieurwesen können mit ihm auf einen bedeutenden Initiator, Ideengeber und Praktiker verweisen. Die Erinnerung an Schubert wird in Sachsen in vielfältiger Form wach gehalten. Die TU Dresden, die ein Gebäude nach ihm benannt hat, veranstaltet zu Ehren Schuberts am 11./12. Juli diesen Jahres eine Festveranstaltung; mit verschiedenen Partnern sind weitere Veranstaltungen in Vorbereitung – dazu zählt auf jeden Fall auch die Wiederinbetriebnahme des SAXONIA-Nachbaus.

Der Unternehmensverband der Metall- und Elektroindustrie Sachsen e. V. SACHSENMETALL vergibt jährlich den Johann-Andreas-Schubert-Preis für besondere Leistungen an drei Technischen Hochschulen in Sachsen.

Jörg Müller


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