Vor 20 Jahren: Hubschraubereinsätze zur
Demontage der Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt

Das Jahr 1988 ist das Gründungsjahr der IG Preßnitztalbahn, gleichzeitig lief der Abriß der Gleisanlagen zwischen Niederschmiedeberg und Wolkenstein auf Hochtouren. Nachdem bereits im November 1987 zwischen Niederschmiedeberg und Steinbach Teile der Brücken mit Hubschraubereinsätzen demontiert wurden, sollte im Herbst 1988 eine weit umfangreichere Aktion mit Hubschraubern zwischen der Zschopaubrücke am Kilometer 2,01 und oberhalb des Bahnhofs Niederschmiedeberg bei Kilometer 10,4 realisiert werden.

Das für den Abbau der Brücken zuständige Instandhaltungswerk Brücken und Kunstbauten Flöha (IwBK) der DR beauftragte im Mai 1988 das Ingenieur-, Tief- und Verkehrsbaukombinat Karl-Marx-Stadt, Betrieb VEB Tief-, Straßen- und Stahlbau Freiberg (VEB TSS), mit der Demontage von insgesamt 26 Brückenüberbauten der ehemaligen Schmalspurbahn zur Schrottgewinnung. Dazu wurden auch Einsätze von Hubschraubern für das Ausfliegen der Brückenteile vereinbart. Dagegen meldete aber die Bahnmeisterei (Bm) Annaberg, die für den Gleisrückbau zuständig war, Einwände an. Da der Bus für den Transport der Gleisbauer nach Planung der Rbd Dresden erst im Herbst wieder verfügbar sein sollte, könnten bis dahin keine weiteren Gleisrückbauarbeiten und danach jedenfalls keine Fahrten des Rückbauzuges von Großrückerswalde aus erfolgen.

Anfang Juni wurde der Demontagetermin 26. bis 30. September 1988 festgelegt, im August erfolgten die technologischen Vorbereitungen für den Hubschraubereinsatz zur Demontage von rund 250 Tonnen Stahlschrott der Brücken. Gleichzeitig wurden die Gemeinden sowie die Betriebe entlang der Strecke vom IwBK angeschrieben, Vorbereitungen und Sicherungsmaßnahmen vor den Auswirkungen der Hubschrauberaktivitäten zu treffen. Den Gemeinderäten wurde die Aufgabe übertragen, durch öffentliche Bekanntmachungen die Bevölkerung zu informieren. Der Hubschrauber, eine MI-10k der Aeroflot, die diese Aufgabe im Unterauftrag der Interflug zu realisieren hatte, wurde auf dem Flugplatz in Großrückerswalde stationiert. Als Ablagerplätze für Brückenteile wurden die Bahnhöfe in Oberschmiedeberg und Großrückerswalde bestimmt, auf dem ehemaligen Haltepunkt in Streckewalde sollten auch Gleisjoche abgelagert werden.

Nach DR-internen Diskussionen zur weiteren Demontage der Gleise nach Rückbau der Brücken verständigte man sich darauf, daß das Gleis in etwa 15 Meter lange Abschnitte getrennt werden soll, um es dann ebenfalls mit dem Hubschrauber abtransportieren zu können. Dazu erhielt der VEB TSS am 21.7.1988 eine zusätzliche Beauftragung zum Transport von 117 „Stahlteilen“ zu je 5 t von der Bm Annaberg.

Am 20. September wurde durch den VEB TSS die Leistungsausführung für den 28.9. bis 1.10. angekündigt, für die Sicherung des sowjetischen Tankwagens in Großrückerswalde sowie die Unterbringung von 17 Mann Personal der Aeroflot hatte die DR zu sorgen. Über den Ablauf der Demontage sprechen die Akten eine interessante Sprache:

… Absender …

An
SED, Haus des Zentralkomitees
Abt. Verkehrswesen
z.Hdn. Gen. Siegfrid Dölling
Berlin

Streckewalde, 5.10.1988

E i n g a b e

Werter Genosse Dölling!
Am 29.09.88 begann die Demontage der Kleinbahnstrecke Wolkenstein – Jöhstadt im Streckenabschnitt Streckewalde per Hubschrauber. Wir Einwohner wurden durch Aushang verständigt, daß wir die Fenster zu schließen haben, keine Wäsche im Freien trocknen können sowie Haustiere nicht hinauszulassen sind.
Was auf die Anwohner zukam, hat wohl keiner geahnt. Gewächshäuser und Schuppen wurden abgedeckt, das Winterobst von den Bäumen gerissen, Obstbäume in den Gärten ausgewurzelt. Ein Bild der Verwüstung, wo der Hubschrauber gearbeitet hat. Ich muß Ihnen dazu mitteilen, daß wir uns hier im schmalen Preßnitztal befinden, welches von Bergen eingegrenzt ist, so daß der starke Luftdruck des Hubschraubers verstärkt wirken kann. Es wurden ca. 15 m lange Gleisjoche Richtung ehemaliger Bahnhof Streckewalde abtransportiert. Dabei ging es über Wohnhäuser weg, in denen sich Bürger voller Angst aufhielten. Denn man stelle sich vor, wenn sich eine Betonschwelle löst, was passieren kann.

Wir sind der Meinung, daß für die Demontage der Kleinbahn im Wohngebiet eine andere Lösung gefunden werden muß. ...
Normalerweise hätte der Abbau der Kleinbahn, Stück für Stück, mit der Eisenbahn selbst erfolgen können. Das wäre volkswirtschaftlich auch vertretbarer gewesen und hätte nicht derartige Summen verschlungen, die der Hubschraubereinsatz kostet. Da jedoch bereits seitens der Deutschen Reichsbahn die Gleise zerschnitten wurden, müßte trotzdem der Abbau in Wohngebieten ohne weiteres mit Kran bzw. an unzugänglichen Stellen manuell möglich sein.

Ich habe dem Koll. Angermann vom Brückenbau – DR, Flöha sowie einem Koll. der Interflug gesagt, daß ich mit dem Hubschraubereinsatz in Nähe unseres Hauses und Grundstück nicht einverstanden bin, da sich in unserem Grundstück große alte Bäume befinden, Garagen, Holzschuppen und Kleintierställe, abgesehen von Gartenanlagen. Daraufhin wurde erst einmal unterbrochen, jedoch mit der Maßgabe, daß wir uns in der Zwischenzeit darauf einzustellen haben und die nötigen Vorkehrungen treffen sollen bis zum nächsten Einsatz.

Wir können weder an den Bäumen, die zugleich Hochwasserschutz für das Grundstück sind, noch an den Ställen, Schuppen und Garagen etwas ändern. Ich bin vielmehr der Meinung, nachdem die Schäden der beiden ersten Tage festgestellt wurden, müßte die Deutsche Reichsbahn den Hubschraubereinsatz in Wohngebieten einstellen. ...

Mindestens sieben Eingaben und Beschwerden sowie drei Schadensmeldungen gingen in den folgenden Tagen von den Anwohnern bei der SED-Bezirks- und -Kreisleitung, dem Rat des Kreises, der Deutschen Reichsbahn und den Gemeindeverwaltungen ein. Am 25. Oktober wurde deshalb von der Rbd Dresden und dem IwBK, dem Bürgermeister und dem Ortsparteisekretär von Streckewalde sowie den Beschwerdeführern eine „Aussprache“ durchgeführt. Aus dem Protokoll der Aussprache:

„Die Aussprache hatte das Ziel, die in den Eingaben der o.g. Bürger dargelegten Probleme zu klären. Von den Bürgern wurden folgende Probleme angesprochen:

  • 1. Sicherheit gegen das Herabfallen einzelner Teile beim Ausfliegen der Gleisjoche
  • 2. Fragen zur Effektivität des Hubschraubereinsatzes
  • 3. Die Informierung der Bürger in Streckewalde erfolgte ungenügend
  • 4. Unterstützung der Bürger, die durch den Hubschraubereinsatz materiell geschädigt wurden.
  • ...“

Der nächste Hubschraubereinsatz wurde dann für den 21. bis 25. November mit einer MI-8 der Interflug bekanntgegeben. Als Maßnahmen wurden vereinbart, daß neue Ablagerplätze für die zu demontierenden Materialien gesucht werden, mit dem VEB TSS sowie der Interflug das Problem „Flugdisziplin des Piloten“ geklärt wird und sämtliche Gleisjoche vor dem Abfliegen von Erdklumpen und losen Teilen zu befreien sind. Durch den Abtransport der Brücken war an einen weiteren Einsatz des Abbauzuges nicht zu denken. An mehreren Stellen, die für den Hubschrauber nicht erreichbar waren, blieben die Schienen und Schwellen deshalb einfach liegen.

Bereits drei Jahre später sollte ein Teil der Gleisjoche aus Streckewalde und der Schienenreste entlang der Strecke eine neue Verwendung finden - für den Wiederaufbau der Preßnitztalbahn.

Jörg Müller


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