Offizielle staatliche Argumentation zur Streckenstillegung der Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt

Die Stillegung der Schmalspurbahn Wolkenstein-Jöhstadt zwischen 1984 und 1986 brach nicht völlig überraschend auf die Eisenbahn hernieder, die sozialistische Planwirtschaft hatte durch den gezielten Einsatz des „Mangels“ als Kapazitätssteuerungsmittel bereits seit den 1960er Jahren dafür gesorgt, daß die Technik und Infrastruktur nur noch auf Verschleiß beansprucht wurde. Spätestens Anfang der 1980er Jahre stand fest, daß die Schmalspurbahn zwischen Wolkenstein und Jöhstadt nur durch größere Investitionen zu retten wäre. Bereits zu diesem Zeitpunkt interessierten sich Eisenbahnfreunde für die Zukunft der Strecke, schickten Anfragen und Eingaben an die verschiedensten staatlichen Stellen, um wenigstens so das offizielle Schweigen in den Medien der DDR zu umgehen. Antworten auf Anfragen, deren Inhalt sich aus den nachfolgend wiedergegebenen Schriftstücken ergibt, bieten uns heute interessante Einblicke in die offizielle Argumentation der staatlichen Stellen zur Stillegung der Strecke.

Rat des Kreises Marienberg
(Bezirk Karl-Marx-Stadt)
Abt. Energie, Verkehrs- und Nachrichtenwesen

An
Herrn Klaus Otto
Marienberg
5. Mai 1982

Sehr geehrter Herr Otto!
Wir haben Ihr Schreiben vom 22.4.1982 vorliegen und teilen Ihnen dazu mit, daß bereits seit 1965 aus Anweisung vom Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, in Verwirklichung eines Beschlusses des Präsidiums des Ministerrates vom 1.10.1964 und einer Weisung des Ministers für Verkehrswesen vom 11.1.1965 Untersuchungen geführt wurden betreffs Arbeitsteilung zwischen Eisenbahn und Kraftverkehr im Einzugsgebiet der Schmalspurbahn Wolkenstein - Jöhstadt. Diese Untersuchungen im Einzugsgebiet der Schmalspurbahn dienten generell der Aufstellung eines Stillegungsprogrammes für mehrere Schmalspurbahnen im Bezirk K.-M.-Stadt aus Rentabilitätsgründen.

In den folgenden Jahren bis 1980 wurde in gewissen Zeitabständen unter Führung der Arbeitsgruppe Schiene/Straße beim Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt die Schließung der Schmalspurbahn mehrfach in Erwägung gezogen, aber nicht realisiert. Aufgrund der Wichtigkeit des VEB DKK Niederschmiedeberg und weiterer an der Schmalspurstrecke Wolkenstein - Jöhstadt liegender Betriebe für unsere Volkswirtschaft, besonders für den Gütertransport, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt und auch für die kommenden Jahre eine Schließung der genannten Schmalspurbahn nicht vorgesehen.

Dies wird noch dadurch untermauert, daß die ständige Treibstoffeinsparung transportseitig neue Maßstäbe setzt, wodurch die Deutsche Reichsbahn besonders in den letzten Monaten umfangreiche Verlagerungstransporte von der Straße auf die Schiene übernehmen mußte. Auch ist die Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt für viele Bürger unserer Republik eine gewisse Touristenattraktion geworden. Obwohl die Transportkapazität der Schmalspurbahn sehr begrenzt ist und kaum Steigerungsraten zuläßt, wird auch weiterhin ein großer Teil der Kühlschränke auf Rollwagenbetrieb bis Wolkenstein gefahren, und nur wenige Waggons werden direkt auf dem Bahnhof Wolkenstein (besonders am Wochenende) mit Kühlschränken beladen.

Der jetzige schlechte Zustand der Straßentrasse von Wolkenstein – Jöhstadt (umfangreiche Erneuerungsarbeiten der Straßenoberfläche, an Stützmauern usw. notwendig) läßt auch keinen ausschließlichen Direkttransport der Kühlschränke von Niederschmiedeberg–Wolkenstein auf der Straße zur Breitspurverladung zu. Außerdem steht dafür im Zuge der Treibstoffeinsparung der erforderliche Dieselkraftstoff nicht zur Verfügung. Auf Grund dieser Tatsache wird auch weiterhin die Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt ihren Platz im Transportgeschehen einnehmen.

Schönherr
Kreistransportbeauftragter

Wenige Monate später, Ende November 1982, wurde der Güterverkehr zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt eingestellt. Anlaß dazu bot ein Unfall im Bahnhof Steinbach, der auf den schlechten Oberbauzustand zurückzuführen war. Bereits ein Jahr später waren die Stillegungspläne weiter vorangeschritten, wie aus einem entsprechenden Schreiben hervorgeht:

Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt
- Transportbüro -

11. 10 1983

Sehr geehrter Herr Otto!
Wir bestätigen Ihnen den Eingang Ihres Schreibens vom 10.9.1983 zur Perspektive der Schmalspurbahn Wolkenstein –Jöhstadt. Dazu teilen wir Ihnen folgendes mit: Die Schmalspurbahn Wolkenstein - Jöhstadt ist bereits seit 1970 zur Stillegung vorgesehen. Die Realisierung wird in zwei Etappen erfolgen und zwar zunächst als Stillegung zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt und danach als Stillegung von Wolkenstein bis Niederschmiedeberg.

Voraussetzung dazu ist in jedem Fall die Durchführung von Bauarbeiten am Straßennetz des Einzugsbereiches der Schmalspurbahn. Terminlich ist derzeitig der Abschnitt Niederschmiedeberg – Jöhstadt für das Jahr 1984 zur Stillegung vorgesehen. Weitere, im volkswirtschaftlichen Erfordernis notwendigen Verlagerungen zum Verkehrsträger Eisenbahn scheitern im Einzugsbereich der Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt an der technisch-technologisch bedingten begrenzten Leistungsfähigkeit der Schmalspur Eisenbahn. Zur Lösung dieses Widerspruchs wurde am 6.10.1983 in Annaberg ein Großcontainerumschlagplatz in Betrieb genommen, der vorrangig die Güter des VEB dkk Niederschmiedeberg übernehmen wird und weitere Möglichkeiten zur Verlagerung Straße/Schiene eröffnet. Diese Maßnahme dient der Durchsetzung der einheitlichen Verkehrspolitik in der DDR in Abstimmung zwischen den örtlichen Staatsorganen und den Verkehrsträgern Kraftverkehr und Eisenbahn.

Mit sozialistischem Gruß
gez. Großer
Leiter des Büros

Besonderes Augenmerk in dieser Argumentation ist vor allem dem Fakt zu widmen, daß notwendige Investitionen in den Straßenausbau zwar erkannt wurden – überflüssig darauf hinzuweisen, daß sich am schlechten Straßenzustand aber noch keine positive Veränderungen ergeben hatten. Auch das im Folgenden wiedergegebene Schreiben bietet neue interessante Argumente zur vorgesehenen Stillegung der Schmalspurbahn:

Ministerrat der DDR
Ministerium für Verkehrswesen
Hauptverwaltung des Betriebs- und Ver- kehrsdienstes der Deutschen Reichsbahn


Berlin, 16.11.1983

Werter Herr Otto!
Ihre Anfrage an das Fernsehen der DDR, Redaktion ´Prisma´ bezüglich der Schmalspurbahnen in unserer Republik wurde dem Ministerium für Verkehrswesen zur Beantwortung übergeben. Gestatten Sie uns, hierzu einige Ausführungen zu machen. Anfang der 70er Jahre erfolgte durch eine Arbeitsgruppe des MfV eine Überprüfung der vorhandenen Schmalspurbahnen, und es wurde eine Auswahl der im Netz der DR verbleibenden Schmalspurbahnen getroffen. Auch die Räte der Bezirke gaben ihre Zustimmung zu dieser Auswahl. Bereits zu diesem Zeitpunkt war u.a. die Schmalspurbahn Wolkenstein-Jöhstadt zur Stillegung vorgesehen. Neue Untersuchungen zur volkswirtschaftlichen Effektivität der Schmalspurbahnen wurden im Zusammenhang mit einem rationelleren Energieeinsatz im Verkehrswesen durchgeführt, so auch für die Schmalspurbahn Wolkenstein - Jöhstadt. Dabei wurde die Möglichkeit erkannt, durch eine komplex-territoriale Rationalisierung, wie z.B. die Errichtung des Großcontainerumschlagplatzes Annaberg-Buchholz Süd, auch das Gutaufkommen der Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt einzubeziehen. Für die Volkswirtschaft ergeben sich dadurch Einsparungen an Dieselkraftstoff.

Die Aufrechterhaltung des Güterverkehrs auf den Schmalspurbahnen erfordert hohe volkswirtschaftliche Aufwendungen, wie z.B. die Neubeschaffung von Rollwagen, ohne daß ein energetischer Effekt wirksam wird. Auch die Unterhaltung der Gleisanlagen erfordert einen hohen manuellen Einsatz an Arbeitskräften und Material. Diese Kapazitäten der Gleisunterhaltung werden dringend in unserem Normalspurnetz benötigt. Auch die Neubeschaffung von Rollwagen erfordert hohe materielle und finanzielle Mittel, die nicht zur Verfügung stehen.

In diesem Zusammenhang gestatten Sie uns, noch ein paar Bemerkungen zum Energiebedarf auf den Schmalspurbahnen zu machen. Der spezifische Energiebedarf auf den Schmalspurbahnen ist erheblich höher als auf der Normalspurbahn. Hierfür gibt es verschiedene Ursachen, so z.B. sind zusätzlich die Rollwagen mit ihrer Masse zu bewegen. Dies sind Fahrzeuge der Schmalspurbahn, auf denen Normalspur-Güterwagen verladen und dann auf der Schmalspurbahn befördert werden. Auch die Ausbleibezeiten der Güterwagen im Schmalspurnetz sind erheblich, so daß zusätzlich wertvoller Transportraum der Volkswirtschaft verloren geht. Auf Grund der Beschaffenheit des Güterwagenparkes können nicht alle Normalspur-Güterwagen auf den Schmalspurbahnen befördert werden. Das bedarf zusätzlichen Dispositionsaufwand bei der Auswahl der in eine Schmalspurbahn übergehenden Normalspur-Güterwagen. Hinzu kommt die körperlich schwere Arbeit beim Verladen der Normalspur-Güterwagen auf die Rollwagen auf den Spurwechselbahnhöfen. Mit einzubeziehen in die Betrachtungen ist die Tatsache, dass nur kleine Zugeinheiten auf den Schmalspurbahnen verkehren können, 100 – 250 t Anhängelast. In Vorbereitung des Verkehrsträgerwechsels auf der Schmalspurbahn erfolgten die notwendigen Abstimmungen zwischen der Reichsbahndirektion Dresden und den Territorialorganen (Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, Räte der Kreise Marienberg, Zschopau und Annaberg-Buchholz) sowie mit der Bezirksleitung der SED Karl-Marx-Stadt. Ohne Zustimmung der örtlichen Staatsorgane ist eine derartige Maßnahme nicht möglich.

Derzeit ist der Güterverkehrsträgerwechsel für 1984 und der Reiseverkehrsträgerwechsel 1985 vorgesehen. Wir hoffen, Ihnen mit unseren Ausführungen einen kleinen Einblick in die Problematik der Schmalspurbahnen gegeben zu haben.

Mit sozialistischem Gruß

gez. Kienast
Leiter der Hauptverwaltung

Die Ausführlichkeit der Begründung für die vorgesehene Streckenstillegung ist schon beinahe erstaunlich. Fast genau zwei Monate nach diesem Schreiben sollte, für viele Eisenbahnfreunde und auch die im operativen Dienst tätigen Eisenbahner tatsächlich völlig überraschend, die Einstellung des Betriebes auf der Schmalspurbahn zwischen Niederschmiedeberg und Jöhstadt erfolgen. Trotz ausreichender „Gründe“ waren sich die zuständigen Stellen offensichtlich doch nicht so sicher, daß ihre Argumentation auf öffentliche Zustimmung stoßen würde. Nur so ist der jahreszeitlich ungünstige und organisatorisch völlig unvorbereitete Stillegungstermin zu verstehen.
Auch zu diesem Ereignis gibt es noch ein aussagekräftiges Dokument zur „stichhaltigen“ Argumentation gegenüber dem interessierten Bürger.

Deutsche Reichsbahn
Reichsbahndirektion Dresden
Stab für die operative Betriebsleitung
Fachabteilung Transportvorbereitung


20.02.1984

Strecke Wolkenstein-Jöhstadt

Werter Herr Otto!
Die Einführung des Schienenersatzverkehrs auf dem Streckenabschnitt Niederschmiedeberg – Jöhstadt war notwendig, da der bauliche Zustand der Gleisanlagen nicht mehr den Sicherheitsbestimmungen entsprach. Untersuchungen über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Strecke ergaben, daß auf diesem Abschnitt nur noch ein geringer Reiseverkehr abgewickelt wird. Ausgehend davon wurde entschieden, zunächst Schienenersatzverkehr einzurichten und zu einem späteren Zeitpunkt auf der gesamten Strecke von Wolkenstein bis Jöhstadt den Reiseverkehr dem VEB Kraftverkehr zu übergeben. Eine Wiederaufnahme des Zugbetriebes ist nicht vorgesehen, da die entstehenden Baukosten in keinem Verhältnis zum volkswirtschaftlichen Nutzen stehen.

Wir bitten Sie dafür um Verständnis und hoffen, dass Ihr Kollektiv ein anderes Reiseziel findet. Wir empfehlen, wenn eine Fahrt mit einem Reisezug auf einer Schmalspurstrecke gewünscht wird, die Strecke Cranzahl – Oberwiesenthal zu nutzen. Es ist vorgesehen, ab Mai 1984 dort einen Salonwagen (Tradition) einzusetzen, der sich für Brigadefahrten anbietet. Die Bestellungen hierzu können Sie beim VEB Reisebüro der DDR, Zweigstelle Annaberg-Buchholz, abgeben.

Hochachtungsvoll
gez. Nickol
Fachabteilungsleiter

Der (ausgewählte) Schriftverkehr bietet einen interessanten Einblick in die Argumentation zur Stillegung der Strecke, auf die wir Dank des damaligen Engagements von Klaus Otto aus Marienberg, seit vielen Jahren aktives Mitglied der IGP e.V., Zugriff haben.

Jörg Müller


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