Auf den Aufruf an die Leser des „Preß´-Kurier“ in der Ausgabe 100, ihre Erlebnisse mit und auf der Preßnitztalbahn zu schildern, erhielt die Redaktion mehrere Einsendungen. Nach und nach wollen wir diese Erlebnisse hier veröffentlichen. Thomas Fritzsche aus Chemnitz schildert sein erstes Erlebnis auf der Preßnitztalbahn:

Ganztagesfahrt von Karl-Marx-Stadt nach Jöhstadt im Dezember 1969

Als ein durch Heirat nach Karl-Marx-Stadt „verschlagener“ Leipziger wollte ich Ende 1969 zur Einstimmung auf Weihnachten das mir bisher nur aus Rundfunk oder von Schallplatten her bekannte „Weihnachtsland Erzgebirge“ besuchen. Zusammen mit meiner Frau brach ich an einem Adventssonntag zu einer „Bimmelbahnfahrt“ nach Jöhstadt auf.

Doch die Reise war gar nicht so einfach, denn schon in Karl-Marx-Stadt lag Schnee. Letztendlich waren wir 15 Stunden unterwegs! Wir mußten ganz zeitig aufbrechen und in Flöha umsteigen. Seit der Elektrifizierung der Strecke von Dresden nach Karl-Marx-Stadt im Jahre 1966 starteten die dampflokbespannten Züge ins Erzgebirge über Wolkenstein nach Bärenstein sowie über Marienberg nach Reitzenhain auf diesem Bahnhof. In der 10. Stunde trafen wir im tief verschneiten Wolkenstein ein. Trotz eisiger Kälte blieb mir bis zur Abfahrt des Zügleins genügend Zeit für ein paar Erinnerungsfotos. Wir zwei waren die einzigen Fahrgäste in diesem Wagen, und ich hatte alle Hände voll zu tun, um aus dem vor dem Kanonenofen in einem Korb bereitgestellten Heizmaterial eine akzeptable Raumtemperatur herzustellen. Eine durchgängige Zugheizung gab es nicht.

Beim Ausstieg aus dem Zug in Jöhstadt verschlug es uns fast den Atem: Hier war es ja noch bärig-kälter als in Wolkenstein. Bis zur Rückfahrt hatten wir rund fünf Stunden Zeit. Deshalb begannen wir schnell unsere Entdeckungstour Richtung Stadtmitte. Vom Bahnhof steil bergan laufend kamen wir nicht weit. Gleich die erste am Wege liegende Gaststätte mußte zur Aufwärmung mit Glühwein herhalten. Innerlich gewärmt setzten wir unseren Spaziergang fort. Am Marktplatz angekommen trauten wir unseren Augen nicht. Ein dort befindliches Außenthermometer zeigte eine Temperatur von minus 23 °C an! Darum ging es sofort in die nächste Gaststätte zur Aufwärmung. Aber wir waren nicht nach Jöhstadt gefahren, um die Zeit in Gaststätten zu verbringen. Da nach dem Mittagessen noch viel Zeit bis zur Rückfahrt des Zuges verblieb, beschlossen wir die Fortsetzung unseres Spazierganges zur Jugendherberge – in der Hoffnung auf eine neuerliche Aufwärmung.

Auf der Höhe angekommen, pfiff ein so eisiger Wind, daß wir unser Vorhaben abbrachen. Zum besseren Verständnis muß ich hier eine Erläuterung einfügen. Damals, Ende der sechziger Jahre, war es nicht wie heutzutage üblich, daß Frauen sommers wie winters Hosen tragen. Stattdessen hatte meine Frau ein Winterwollkostüm an, welches den Körper warm halten sollte. Doch die Beine, nur mit Strümpfen bekleidet, waren schutzlos der eisigen Kälte ausgeliefert. Die sichtbaren Kälterötungen zwangen uns zur sofortigen Umkehr. Deshalb ging es gleich wieder in die Gaststätte am Markt zur Aufwärmung. Auch beim „Abstieg“ zum Bahnhof mußten wir kurzzeitig bei einem Glühwein innehalten.

Am Bahnhof angekommen heizte ich den Kanonenofen unseres Wagens, mit dem wir die Rückfahrt antreten wollten, ordentlich ein. Er hatte ja während des langen Stillstandes in Jöhstadt kaum „Nahrung“ erhalten. Das Feuer war jedoch noch nicht restlos erloschen. Innerhalb kurzer Zeit gelang es mir als Lokheizer, mit dem in einem Korb vor dem Ofen abgestellten Heizmaterial ein ordentliches Feuer zu entfachen. Es reichte aber nicht aus, um den Wagen auf eine angenehme Raumtemperatur zu bringen. Aber in der Nähe des Ofens sitzend, gelangten wir gewärmt in Wolkenstein an.

Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, waren wir zwei Karl-Marx-Städter die einzigen Fahrgäste im Zug. Wer fährt denn schon an einem Adventssonntag mit dem letzten Zug von Jöhstadt nach Wolkenstein? Das Umsteigen in Wolkenstein und Flöha klappte perfekt und so trafen wir nach 20 Uhr wieder in Karl-Marx-Stadt ein. Dieser Tag war trotz seiner Widerwärtigkeiten ein absolut herrliches Erlebnis. Aus den Zugfenstern blickend sahen wir auf der Heimfahrt im Dunkeln den Lichterglanz des weihnachtlichen Erzgebirges und stimmten uns so auf das bevorstehende Fest ein.

T. Fritzsche


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