Sechs Tage Plandampf in Ostsachsen

Mit dem Schnellzug aus der Residenzstadt ins Dreiländereck“, so lautete das Motto der Veranstaltung, die die Eisenbahn-Bau- und Betriebsgesellschaft Pressnitztalbahn mbH gemeinsam mit den Ostsächsischen Eisenbahnfreunden, der Sächsisch-Oberlausitzer Eisenbahngesellschaft und der Österreichischen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (ÖGEG) vom 16. bis 21. Februar zwischen Löbau, Dresden und Zittau durchführte. Dieses Motto beschreibt jedoch nur teilweise das besondere Erlebnis, welches Eisenbahnfreunde und „normales“ Publikum in dieser Winterferienwoche in Ostsachsen geboten bekommen sollten. Auch wenn Sachsen beim Thema historische Eisenbahn ohnehin eine herausragende Stellung einnimmt, mit vier täglich verkehrenden dampfbetriebenen Schmalspurbahnen, etwa 10 betriebsfähigen regelspurigen Dampflokomotiven, einer ganzen Reihe von Museumsbahnen, Eisenbahnmuseen und sonstigen Aktivitäten von Adorf bis Zittau, von Leipzig bis Oberwiesenthal und für jeden Geschmack etwas zu bieten hat, so stellte doch der tägliche Einsatz eines dampfbespannten Schnellzuges über eine ganze Woche hinweg einen außergewöhnlichen Höhepunkt dar. Die letzten ähnlich gearteten Einsätze hochkarätiger Schnellzuglokomotiven bei diversen Plandampfveranstaltungen in den neuen Bundesländern liegen mittlerweile auch schon wieder etwa 15 Jahre zurück. Die derzeit noch einsatzfähigen Schnellzug-Dampfloks in Deutschland kann man mittlerweile fast an einer Hand abzählen. Dies sind genügend Gründe, daß nicht nur die bereits am 14. Februar beim Winterdampf im Thüringer Wald versammelte Schar der Eisenbahnfans nur noch eine Marschrichtung kannte: Ostsachsen.

Ursprüngliche Idee: Personalschulung

Dabei war der Ausgangspunkt für das Zustandekommen dieser Fahrten von sehr pragmatischen Überlegungen geprägt. Voraussichtlich im Herbst des Jahres 2009 soll in Meiningen die betriebsfähige Aufarbeitung der 01 0509-8 für die EBB Pressnitztalbahn mbH abgeschlossen werden. Spätestens dann braucht man auch verfügbares Personal, das diese doch etwas anspruchsvollere Technik der „hohen Achse“ auch bedienen kann. Zur Durchführung der geplanten Personalschulungsfahrten war es daher naheliegend, die Schwesterlok der 01 0509-8, die 01 1533-7 der Österreichischen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte anzumieten, da sie derzeit die einzige betriebsfähige der fünf noch erhaltenen Lokomotiven der Baureihe 01.5 darstellt. Im Gegensatz zur ölgefeuerten 01 0509-8 ist 01 533 – für die Sonderfahrten als 01 1533-7 im Einsatz - jedoch eine rostgefeuerte 01.5.

Als Einsatzstrecke mußte eine Relation gefunden werden, die nicht nur das abschnittsweise Fahren mit 120 km/h ermöglichte, sondern auch an ihren Endpunkten die Infrastruktur zum Drehen und Behandeln einer Dampflokomotive bieten kann. In Ostsachsen liegen diese Bedingungen in beinahe idealer Konstellation vor: Hier gibt es mit der Zittauer Schmalspurbahn ein eisenbahntechnisch attraktives Reiseziel, mit der Landeshauptstadt Dresden ein beträchtliches Fahrgastpotential und mit den Ostsächsischen Eisenbahnfreunden in Löbau einen für regelspurige Dampfsonderfahrten bekannten verläßlichen und bewährtem Partner, der auch die Bereitstellung des Wagenzuges übernehmen konnte. Daher war der Schritt, die eigentlich nur als Schulungsfahrten gedachten Lokeinsätze auch noch kommerziell zu nutzen, nur konsequent.

Anreise aus Österreich

Nachdem nach endgültiger Abstimmung des Fahrplanes mit der DB Netz AG alle Beteiligten im Vorfeld die Werbetrommel kräftig gerührt hatten, kam 01 1533-7 bereits am 30. Januar über Passau und Hof, zunächst weitgehend unbeachtet, wieder einmal nach Sachsen, wo sie zuletzt 1992 kurz nach ihrer Wiederauferstehung von ihrem Heizlokschicksal vor Sonderzügen zu erleben war. Die Überführung erfolgte unter Dampf und aus eigener Kraft unter den Händen des ÖGEG- Lokpersonals, ab Passau zusätzlich mit Personal (in Diensten als streckenkundige Mitarbeiter) der EBB Pressnitztalbahn mbH.

Zunächst hatte die Lok Espenhain zum Ziel, wo in der dortigen Werkstatt noch der Anbau zusätzlicher Funktechnik für den Einsatz auf dem deutschen Streckennetz durchzuführen war. Außerdem erfolgte hier noch einmal ein gründlicher Check der Maschine, um die Einsatzfähigkeit für die längste und härteste Einsatzperiode im echten Schnellzugbetrieb seit ihrer Wiederinbetriebnahme sicherzustellen.

01 1533-7 im Schnellzugeinsatz

Am Sonntag, dem 15. Februar, fanden die Vorbereitungsarbeiten schließlich ihren Abschluß. Beschriftet mit ihrer DR -EDV-Nummer 01 1533-7 rollte die Lok am frühen Morgen zunächst von Espenhain nach Chemnitz. Ab hier wurde die Überführungsfahrt zur Bespannung eines nichtöffentlichen Sonderzuges nach Zittau genutzt, wofür 112 565-7 bereits den Wagenpark aus Löbau nach Chemnitz gebracht hatte. Zahlreiche Mitstreiter von PRESS und IG Preßnitztalbahn und weitere Gäste nahmen an dieser Fahrt teil, die nicht nur eine Generalprobe für die kommenden Tage werden sollte, sondern auch dem aktiven Vereinsmitglied und PRESS-Mitarbeiter Torsten Hahn gewidmet war, der an diesem Tag seinen 30. Geburtstag feiern konnte. Für diese Fahrt zierte ein besonderes „Graffiti“ den Tender der Lok.

Am nächsten Morgen war es schließlich soweit, pünktlich um 7.55 Uhr verließ der Zug zum ersten Mal den Bahnhof Löbau, wo er trotz der frühen Stunde bereits auf reges Interesse gestoßen war. Diese Anteilnahme besonders der Eisenbahnfreunde nahm während des Tages an den Stationen der Fahrt ständig zu und steigerte sich im Laufe der Woche auch noch weiter, nicht zuletzt, weil durch verschiedene Berichte in der regionalen Presse und im Internet zusätzlich auf die Fahrten aufmerksam gemacht wurde.

Auch der Winter war pünktlich zur Stelle und begleitete den Zug die ganze Woche hinweg mit ständigen Schneefällen, wodurch zwar eine wunderschöne Winterlandschaft entstehen konnte, die Zahl der Fotos, welche die Fotografen bei Sonnenschein anfertigen konnten, sich jedoch in engen Grenzen hielt. Dies konnte den Ansturm der Eisenbahnfreunde an der Strecke jedoch kaum bremsen. Mehrere Bildberichte täglich in den bekannten Internetforen bekräftigten den hohen Stellenwert, den die Veranstaltung einnahm. Aber auch die bereits am Montag mit etwa 60 % gut ausgelasteten Sitzplätze im Zug füllten sich von Tag zu Tag stärker, so daß am Freitag und Sonnabend die Kapazität durch einen zusätzlichen Wagen noch gesteigert werden mußte. Dabei war ein ausgewogenes Verhältnis zwischen teilweise weitgereisten Eisenbahnfreunden und örtlicher Bevölkerung festzustellen. Hier machten sich auch deutlich die Vorzüge einer solchen mehrtägigen Veranstaltung bemerkbar. Jeder hatte die Möglichkeit, ausreichend Fotos zu machen und dennoch an mindestens einem Tag auch im Zug mitzufahren und mit dem Kauf einer Fahrkarte auch seinen finanziellen Beitrag zum Gelingen der Fahrten zu leisten.

In den gut geheizten Wagen der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde war das teilweise nicht so angenehme Wetter dann auch meist schnell vergessen und die hervorragende gastronomische Versorgung im Zug durch den Löbauer Verein tat ihr Übriges. Viele Fahrgäste nutzten zudem die Möglichkeit, die im Preis der Tageskarte enthaltene Fahrt nach Oybin wahrzunehmen, und so wurde auch ein weiteres Ziel, die Auslastung der Zittauer Schmalspurbahn durch den „Dampfschnellzug“ zu steigern, erreicht.

Dampflokbetrieb unter harten Winterbedingungen

Auch bei den eingesetzten und zu schulenden Lokpersonalen kamen die sechs Tage „Plandampf“ gut an. Obwohl fast alle von ihnen bisher sowohl mit verschiedenen Dampflokbaureihen als auch mit schnellfahrenden Lokomotiven der anderen Traktionsarten vertraut waren, stellte die Kombination aus beidem doch eine neue Herausforderung und harte Arbeit dar. Die anfänglich vereinzelt zu hörende Skepsis konnte nach relativ kurzer Zeit abgelegt werden und man freut sich darauf, ab Herbst dann mit der eigenen Schnellzuglok unterwegs zu sein ...

Die Gewährleistung der täglichen Betriebsbereitschaft stellte nicht nur an den „Wendepunkten“ Dresden, Zittau und Görlitz, teilweise mit Betriebsstoffversorgung, das Personal vor hohe körperliche Anforderungen. Auch die nächtliche Unterhaltung in Löbau bei Außentemperaturen um minus 10° C brachte manche der bisherigen Verfahrensweisen ins Wanken und neue Erfahrungen. Auch für den Wagenzug kamen in diesem anspruchsvollen Dienst manche Erkenntnisse über die Wintertauglichkeit der Ausrüstungen und Installationen. Dank der unermüdlichen Arbeit aller Beteiligten von ÖGEG, PRESS, OSEF und SOEG konnten jedoch alle Leistungen wie vorgesehen zuverlässig gefahren werden. Manche Improvisation war dabei natürlich unumgänglich.

Ziel erreicht

Insgesamt hat sich wieder einmal gezeigt, welche Faszination von der Dampflokomotive im Allgemeinen und von den schnellen „Hochrädrigen“ im Besonderen ausgeht. Dies betrifft langjährige Eisenbahnfans und normale Zaungäste gleichermaßen. Die Entscheidung der PRESS, mit der 01 0509-8 künftig eine solche Lok zu betreiben, stellt damit nicht eine neuerliche Spielerei der „Verrückten von Jöhstadt“ dar, sondern ist ein handfester Imagefaktor für das Unternehmen. Daß damit gleichzeitig noch die Zusammenarbeit der auf dem historischen Eisenbahnsektor tätigen Firmen und Vereine gestärkt wird, ist ein positiver Nebeneffekt.

Während man ein Eisenbahnmuseum mit gelegentlichen Fahrten „um den Kirchturm“ oder eine kurze Museumsbahn heute in der Regel als Verein noch allein betreiben kann, ist für größere Veranstaltungen auf der Regelspur, wie diesem Schnellzugdampf in der Oberlausitz, meist die Zusammenarbeit vieler erforderlich. Daß dies in diesem Falle so gut funktioniert hat, macht Hoffnung, daß wir ähnliche Veranstaltungen in Zukunft häufiger erleben können. Und vielleicht heißt es ja schon im nächsten Jahr wieder: „Mit dem Schnellzug aus der Residenzstadt ins Dreiländereck“.

N. Rudolph


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