Das Ferienlager Putbus des RbA Bautzen

Teil 1 | Teil 2

Vorbemerkung

Mit Bergung der letzten Wagenkästen im Spätherbst 2008 verschwanden die letzten Spuren eines interessanten Stücks (D)DR-Feriengeschichte. In unmittelbarer Nachbarschaft des Putbuser Kleinbahnhofes gab es über Jahrzehnte eine bahntypisch geprägte Anlage in Sachen „Betriebsferienwesen“. Insgesamt acht schmalspurige Wagenkästen bildeten über mehrere Jahrzehnte eine Ferienlageranlage, die wegen ihrer Bestandteile heute nur Erstaunen hervorrufen kann. Zwar wurde die Anlage erst seit 2001 schrittweise demontiert, doch kurioserweise gibt es bisher kaum zusammengefaßte Erkenntnisse. Diese „Wissenslücke“ sollte in den letzten Monaten von verschiedenen Stellen aus angegangen werden.

Spurensuche und erste Rechercheergebnisse

Erste Forschungsbemühungen auf der Insel Rügen liefen weitgehend ins Leere, denn weder Eisenbahnfreunde vor Ort noch Kundige der Regionalgeschichte interessierten sich in früheren Zeiten offenbar vordringlich für das ehemalige Ferienlager in Putbus, lediglich die Wagenkästen als solche standen in den letzten Jahren immer mal wieder im Blickpunkt der einschlägigen Publikationen. Über Hintergründe zur Entstehung der „Wagenburg“, den Betriebsalltag in der Ferienzeit oder auch Hinweise zur Nutzung der einzelnen Bereiche der Anlage waren keine Informationen zu erhalten. Auch ältere Personale des „Rasenden Rolands“ interessierten sich damals offensichtlich nicht dafür, was während des Sommers hinter der Grenze des Bahnhofsareals passierte.

Erst Mitte der 1990er Jahre nahm der Förderverein zur Erhaltung der Rügenschen Kleinbahnen e.V. die Anlage quasi in Besitz und interessierte sich zeitweilig auch für die Rudimente der ehemaligen Schmalspurwagen. Ein anderer Ansatz zur Informationsgewinnung führte nach Ostsachsen, war die Betriebsberufsschule (BBS) Schirgiswalde des Reichsbahnamtes (Rba) Bautzen doch als Nutzer der Anlage bekannt. Irgendwer mußte doch mit dem Ferienlager in Putbus zu tun gehabt haben.

Über den Kontakt zum Verein „Ostsächsische Eisenbahnfreunde e.V.“ (OSEF) aus Löbau konnte dann schließlich aber doch erstes Licht ins Dunkel gebracht werden und Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern der Berufsschule aufgenommen werden. Hans von Polenz recherchierte die historischen Informationen, indem er verschiedene Zeitzeugen ermittelte und befragte sowie leihweise auch privates Fotomaterial für diese Veröffentlichung beschaffen konnte. Ihm gilt an dieser Stelle daher ganz besonderer Dank!

Entstehung des Ferienlagers

Das Ferienlager entstand wahrscheinlich im Zeitraum 1969/1970 und wurde anfangs noch als Zeltlager betrieben. Die ursprüngliche Obstwiese wurde vom damaligen Vorsteher der Lokeinsatzstelle Putbus zur Verfügung gestellt. Auf dieser Wiese entstand dann später das Ferienlager aus ausgemusterten Schmalspurwagen. Verwendung fanden dabei ausrangierte Wagenkästen. Da nach der Einstellung der Strecke Altefähr – Garz – Putbus zahlreiche Wagen überzählig waren, liegt es nahe, daß Entscheidungsträgern der Deutschen Reichsbahn die anderweitige Nutzung der Wagenkästen in den Sinn kam. Die Wagen wurden entsprechend umbaut und waren dadurch teilweise erst bei genauem Hinsehen als solche erkennbar. Ob es sich um Reichsbahn-Gartenland handelte oder das Gelände tatsächlich erworben werden mußte, ist bislang nicht geklärt. Rechtsträger dürfte die Abteilung Recht der Reichsbahndirektion (Rbd) Cottbus gewesen sein, die BBS des Rba Bautzen war nur der Nutzer und für die Erhaltung der geschaffenen Einrichtungen zuständig. Hierfür wurden Finanzmittel aus dem sogenannten „Sozial- und Kulturfonds der DR“ zur Verfügung gestellt.

Zum Aufbau des Ferienlagers wurde ein Baugleis auf die Wiese gelegt, über das die zunächst fünf Wagen des Hauptkomplexes mit Winden bis an die vorgesehene Stelle gezogen und auf Betonschwellen gestellt wurden. In den Folgejahren erfolgten dann noch einige Erweiterungen des Ferienlagers. Die Arbeiten zur Aufstellung der Wagenkästen wurden überwiegend von den zur BBS gehörenden Lehrmeistern des Reichsbahnausbesserungswerkes (Görlitz-) Schlauroth und ihren Lehrlingen geleistet. Erkenntnisse über die Einbeziehung der örtlichen DR-Dienststellen auf der Insel Rügen für diese Arbeiten gibt es bisher nicht.

Das Lagergelände

Das Ferienlager bestand zuletzt aus acht Wagenkästen, wobei davon auszugehen ist, daß der Aufbau der „Wagenburg“ bereits Mitte der 1970er Jahre weitestgehend abgeschlossen war. Dazu gab es zwei weitere Schuppen. Das gesamte Areal war ähnlich einer mittelalterlichen „Wagenburg“ gestaltet, im Inneren des Karrees gab es einen größeren freien Platz, der sich über die Jahre jedoch mit mehreren Nadelbäumen füllte. Die befestigten Flächen im Gelände wurden für Freizeitaktivitäten genutzt.

Das Hauptgebäude des Lagers bestand aus fünf Wagenkästen, die mit einem großen Wellblech-Spitzdach überdacht waren. In der Mitte des sich dadurch ergebenden Gebäudes von rund 40 x 8 Metern wurde ein Vorraum gebildet, an den beiden Stirnseiten gab es jeweils eine verglaste Veranda, die als Gemeinschafts- und Speiseraum genutzt wurden. Von allen fünf ehemaligen Personenwagen waren die Bühnen entfernt worden. Die drei äußeren Kästen, die ehemaligen Personenwagen 970-764, 970-755 und 970-214, standen mit der Fensterfront nach außen. Sie wurden als Schlafräume mit längsseits angeordneten Doppelstockbetten genutzt. Es ist davon auszugehen, daß darin maximal acht bis zehn Betten pro Wagenkasten Platz fanden (da ja auch noch Spinde und Stühle zur üblichen Mindestausstattung einer Ferienunterkunft gehörten). Der Wagenkasten des ehemaligen Sitzwagens 970-751 beherbergte die Küche, während der andere innere Wagen, der ehemalige 970-775, als Küchenlager genutzt wurde.

Das zweite „Gebäude“, zwischen dem großen Hauptgebäude und den Bahnhofsgleisanlagen gelegen, wurde aus den Wagenkästen des ehemaligen Güterwagens Gw 97-42-58 und des kombinierten Gepäck- und Sitzwagens 974-451 gebildet. In letzterem diente das frühere Gepäckabteil als Lagerraum, während das vormalige Reisendenabteil in zwei Toilettenbereiche umgewidmet wurde. Über die Ausstattung der Lagertoiletten ist bisher nichts bekannt. Der ehemalige Güterwagen war als Waschraum ausgerüstet worden, auch hier wurde an der vorherigen Laderaumöffnung zwischen „Männlein“ und „Weiblein“ unterschieden. Beide Kästen waren fast vollständig mit Wellblech verkleidet. Im Zwischenraum zwischen den beiden Wagen dürften sich die Wasser- und Abwasserinstallationen, ggf. auch Warmwasserboiler, befunden haben.

Ein achter Wagenkasten, der ehemalige sächsische Gepäckwagen 974-501' , befand sich direkt rechts neben dem Zugang zum Lager von der verlängerten Ladestraße des Schmalspurbahnhofes von Putbus aus. Dieser Wagen war Kultur- und Fernsehraum für das Lager und soll auch eine Kegelbahn beherbergt haben, wobei sich aus der Länge des Wagenkastens ergibt, daß diese Nutzungen wohl nicht zeitgleich möglich gewesen sind. Dieser Wagen war ebenfalls mit einem Wellblechspitzdach versehen, auch die Stirnseiten waren mit Wellblech verkleidet. Das Lagergelände wurde durch zwei weitere Wellblechschuppen ergänzt, wobei nur für einen die Nutzung als Küche und Lager bekannt ist. Inwieweit der zwischen „Sanitärtrakt“ und Bahnhofsgleisanlagen noch befindliche Wellblechschuppen jemals für das Ferienlagergelände von Bedeutung war, ist bisher nicht bekannt.

Das Lagergelände hatte ungefähre Abmessungen von 60 Metern in der Breite und 35 Metern in der Tiefe. Ein Zugang bestand nur von der Ladestraße des Schmalspurbahnhofes. An der Rückseite des Geländes grenzte eine Kleingartenanlage an, die beiden seitlichen Nachbarflächen waren verwilderte und sumpfige Bereiche.

Quellen und Informationen

Der Beitrag stellt den aktuellen Stand der verfügbaren Informationen dar und ist Resultat intensiver Recherchen. Berücksichtigung fanden im Beitrag auch Informationen und Hinweise aus Eintragungen bei www.schmalspurbahn- forum.de, speziell die Beiträge vom 19.7., 14.9., 2.10. und 26.11.2008, an denen verschiedene Autoren mitwirkten. Ein besonderer Dank für Recherchen und Informationen geht an: Alfred Simm, Hans von Polenz, Helmut Hirche, Wolfgang Prucha, André Marks, Sven Hoyer und Volker Krehut. Zur Bergung, Aufarbeitung und zum Betriebseinsatz der Fahrzeuge 970-751 und 970-214 gibt es Berichterstattungen in zahlreichen Ausgaben des „Preß´-Kurier“. Literaturhinweis für weiterführende Informationen zu den Fahrzeugen: Rainer Fischer, Sven Hoyer, Joachim Schulz: Die Wagen der sächsischen Sekundärbahnen, EK-Verlag, Freiburg i. Br. 1998.

Für alle, die sich die genaue Lage des ehemaligen Ferienlagers bei GoogleEarth anschauen wollen, hier die Geokoordinaten: 54°21’28.65’’ Nord, 13°28’55.80’’ Ost
Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieser Seite hat Google einen Kartenstand von 2001 abgebildet. Im Dach des „Hauptgebäudes“ ist das Loch nach der Entnahme des Kastens von 970-751 gut auszumachen.
Weiterführende Informationen von Lesern sind natürlich gern willkommen. Wer hat eigene Erinnerungen an das Ferienlager, kann Erlebnisse oder Fotos dazu beisteuern, die letzten noch ungeklärten „Geheimnisse“ zu lüften? Die Autoren bitten um eine Information an: redaktion@presskurier.de

Im 2. Teil des Berichts im PK 108 (3/2009) lesen Sie:
Nutzung des Ferienlagers
Das Lagergelände in den 1990er Jahren
Die Rückkehr der Wagen

Matthias Kley/Jörg Müller


Das Ferienlager Putbus des RbA Bautzen

Teil 2

Vorbemerkung

Im PK 107 (2/2009) wurde Teil 1 des Beitrages zum Ferienlager Putbus veröffentlicht, welches aus schmalspurigen Wagenkästen bestand. Nach der Veröffentlichung im April 2009 erreichten die Redaktion weitere interessante Fakten, die in diesem Teil eingearbeitet wurden. Dank der Informationen von Eberhard Klose, dem langjährigen Direktor der Berufsschule, konnten zahlreiche Wissenslücken gefüllt werden.

Ergänzung zur Entstehungsgeschichte

Der Aufbau des Ferienlagers begann im April 1968. Die Arbeiten wurden durch Pädagogen und Lehrlinge der Berufsschule Schirgiswalde in freiwilligen Einsätzen übernommen. Das Grundstück hatte eine Fläche von 2500 m² und wurde kostenfrei übergeben. Es handelte sich vorher um Gärten der Vorsteher von Bahnhof und Bahnbetriebswerk. Die Baugenehmigung wurde durch den Rat der Stadt Putbus erteilt, nachdem die Lehrwerkstatt des Raw Görlitz 50 Papierkörbe angefertigt und der Stadt übergeben hatte. Auf Grundlage der erteilten Genehmigung wurden die acht Wagenkästen von Lehrmeistern und Lehrlingen so hergerichtet, daß sie auf Betonschwellen aufgestellt werden konnten. Die Wagenkästen hatte die Verwaltung Wagenwirtschaft der Rbd Schwerin kostenfrei für den Aufbau des Lagers überlassen.

Nutzung des Ferienlagers

Die Berufsschule in Schirgiswalde zeichnete verantwortlich für die Facharbeiterausbildung im Bereich Betriebs- und Verkehrsdienst (BuV) innerhalb des Rba-Bezirks Bautzen sowie einiger Ausbildungsbereiche technischer Dienststellen, hier u. a. des Raw Schlauroth und der Bahnmeisterei Bautzen.

Das Ferienlager unterstand der Berufsschule des Rba Bautzen als Rechtsträger, vertreten durch ihren Direktor. Es wurde zum Jugendobjekt der FDJ-Grundorganisation „Wilhelm Pieck“ auserkoren. Sämtliche Arbeiten erfolgten in Eigenregie, die Materialbeschaffung lief über die ortsansässige BHG und vor allem die guten Beziehungen zu den Eisenbahnern des Bahnhofs Putbus. Namentlich hervorgehoben wurde Herr Oleschewsky, der sich als invalider Eisenbahner maßgeblich um die Belange des Ferienlagers gekümmert hat. Die Finanzierung erfolgte anteilig aus Mitteln des Kultur- und Sozialfonds sowie durch die FDJ-Grundorganisation selbst. Die Lehrlinge haben dabei freiwillig im Rahmen der FDJ-Initiative Lehrproduktionsschichten geleistet und das Geld dann für ihr Jugendobjekt gespendet.

Der jährliche Aufwand für Erhaltung und Erweiterung der Anlage belief sich auf rund 15000 Mark der DDR, über den Gesamtzeitraum des Bestehens wurden fortlaufend also immerhin rund 300000 DDR-Mark für diese Form des Betriebsferienwesens ausgegeben. Die gesonderten Vorbereitungs- und Abschlußarbeiten erfolgten in zwei bis drei Einsätzen mit jeweils etwa 5 Pädagogen und 10-15 Lehrlingen, um die Inbetriebnahme, notwendigen Instandsetzungs- und Vorbereitungsarbeiten durchzuführen sowie erforderlichenfalls Erweiterungen vorzunehmen. Die personelle Absicherung der eigentlichen Sommer-Urlaubssaison von Juni bis September erfolgte durch interessierte Eisenbahner, die als Lagerleiter, Wirtschaftsleiter, Küchenpersonal oder Aufsichtskräfte für die Lehrlinge eingesetzt wurden.

Es gab in den Sommermonaten jeweils zweiwöchige Feriendurchgänge mit Belegung zweimal durch Lehrlinge der BBS mit je ca. 30 Teilnehmern, zweimal durch Familien der Lehrer, Ausbilder, des Rba und von Bahnhöfen mit je 12 Familien und einen Durchgang für ausgelernte Lehrlinge mit ca. 20-25 Teilnehmern. Die Lehrlinge zahlten eine Teilnahmegebühr von 15 Mark pro Person und wurden dafür kostenlos verpflegt und betreut. Ausgelernte Lehrlinge hatten 30 Mark zu zahlen und mußten auf eigene Kosten an-/abreisen und sich verpflegen. Die Kosten von 180 Mark plus DR-Freifahrtschein je Lehrling und Durchgang hat die Berufsschule getragen. Für die kollektive Urlaubsgestaltung der Lehrlinge wurden aus dem Kultur- und Sozialfonds der BBS jährlich bis zu 10000 Mark bereitgestellt. Bei den Familiendurchgängen waren die 15 Mark pro Person und Tag und zusätzlich die Kurtaxe zu bezahlen. Für die Nutzung der zwölf in Binz aufgestellten Strandkörbe waren 10 Mark je Durchgang zu berappen.

Im gesamten Ferienlager waren zwölf Zimmer mit einer Gesamtkapazität von etwa 40 Betten eingerichtet. Das Lager verfügte darüber hinaus über eine Küche, einen Speiseraum, einen Aufenthaltsraum, einen Fernsehraum, zwei Waschräume mit fließend Warm- und Kaltwasser und zwei Toiletten mit Wasserspülung sowie einen Gerätewagen. Ferner gab es einen Sportplatz, eine Kegelbahn und einen Bereich für Tischtennis. Im Herbst wurde das Ferienlager dann winterfest gemacht. Während der Nichtbelegung erfolgte die Betreuung und Sicherung durch einen Eisenbahner vor Ort, empfindliches sowie diebstahlgefährdetes Material wurde im Güterboden des Putbuser Bahnhofs eingelagert.

Dieses Nutzungskonzept der Anlage über zwei Jahrzehnte belegt, daß in der DDR die Urlaubsplätze an der Ostsee sehr gefragt waren und auch Provisorien wie die beschriebene „Wagenburg“ über den normalen Zweck als Ferienlager von Schülern und Lehrlingen hinaus Verwendung als Urlaubsdomizil fanden. Die wenigen Plätze in den FDGB-Ferieneinrichtungen waren schnell vergeben, auch Betriebsferienheime oder die typischen Bungalow-Dörfer befriedigten die Nachfrage bei weitem nicht. Das Ferienlager in Putbus reiht sich damit beispielhaft in die Bemühungen der Rbd Cottbus um die Schaffung von Ferienplätzen an der Ostsee ein. Gleichzeitig zeigt die (Not-)Lösung des Rba Bautzen, daß auch durch Improvisation, Eigenleistungen engagierter Eisenbahner/-innen und bei geringen Komfortansprüchen Urlaubsmöglichkeiten an der Ostsee geschaffen wurden.

Die An- und Abreise der Lagernutzer erfolgte vielfach per Bahn auf Freifahrtschein, zum Baden fuhr man mit dem Zug nach Lauterbach oder aber mit dem „Rasenden Roland“ nach Binz Ost, wo es am Strand sogar eigens angemietete Strandkörbe gab. Ein Teil der Ladestraße des Kleinbahnbahnhofes diente aber auch als Parkplatz für die privaten PKW der Gäste. Mit dem Ende der DDR sank auch der Stern der Ferienlager in Putbus sehr schnell. Letztmalig erfolgte im Sommer 1990 eine Nutzung durch Ausbildungspersonal, Lehrlinge kamen in diesem Jahr schon nicht mehr. Mit der Auflösung der Reichsbahndirektion Cottbus 1991 ging dem Unternehmen sicherlich auch das Wissen um diesen „Außenposten“ in Putbus verloren.

Die 1990er Jahre

Während sich die früheren Nutzer und Verwalter selbst auflösten oder in eng aufeinanderfolgenden Strukturreformen im „Unternehmen Zukunft“ zerlegt wurden, geriet das Rügen-Anwesen der Deutschen Reichsbahn schnell in Vergessenheit. Erst der Förderverein begann Mitte der 1990er Jahre, die Bereiche des ehemaligen Unterkunftshauses zu nutzen. Im Jahr 1995 erwarb der Verein das Gelände, im Juli zog sogar noch einmal Leben in die „Buden“, als die Wagenburg als Übernachtungs- und Ausstellungsfläche für eine Modellbahnanlage der „Interessengemeinschaft Mecklenburgische Eisenbahnen“ aus Bad Doberan diente, die hier während der Feierlichkeiten zum Jubiläum „100 Jahre Putbus - Binz“ präsentiert wurde. Im Mittelbereich des ehemaligen Hauptgebäudes erfolgte durch den Förderverein in der folgenden Zeit die Aufarbeitung von Fahrzeugteilen, andere Bereiche wurden zeitweilig auch zur Lagerung von Material und Ersatzteilen genutzt.

Ebenfalls Mitte der 1990er Jahre wurden auch Mitglieder sächsischer Eisenbahnvereine auf den Fundus von Wagenkästen aufmerksam. Durch das schützende Dach und die aufgebockte Lagerung der Fahrzeugrahmen waren die Kästen in einem weitgehend guten Erhaltungszustand. Doch das Interesse des Rügener Vereins, die Wagenkästen eventuell für den Aufbau einer eigenen Fahrzeugsammlung nutzen zu können, vereitelte das frühzeitige Abwandern einzelner Wagen zu den Projekten im Erzgebirge. Lediglich einzelne, typisch sächsische Einzelteile der Wagen (zum Beispiel Lüftungsaufsätze) fanden bereits Mitte der 1990er den Weg nach Sachsen. Inzwischen verwahrloste das Gelände des ehemaligen Ferienlagers zunehmend, Vandalismus führte zu einer zunehmenden Zerstörung von Gebäudeteilen, wo es das Wetter noch nicht geschafft hatte.

Die Rückkehr der Wagenkästen

Nach langwierigen Verhandlungen gelang es dem Vorstand der IG Preßnitztalbahn e.V. Anfang 2001, vom Förderverein den Wagenkasten des ehemaligen Oberlichtwagens 970-751 (Chemnitz 1899, bis 1954 Hetzdorf) zu erwerben. Im Tausch gegen den Wagenkasten des GGw 97-13-11 und Zahlung eines „Ausgleichsbetrages“ wurde der erste Wagenkasten am 23. April 2001 aus der „Wagenburg“ geborgen. Rund zwei Jahre später fuhr der neu aufgebaute Wagen schon wieder auf schmalspurigen Gleisen.

Da der seit 2004 von einem neuen Vorstand geführte Förderverein die verbliebenen vier ursprünglich sächsischen Reisezugwagen nicht mehr selbst nutzen wollte, vermittelten die Eisenbahnfreunde die Abgabe dieser Kästen an andere Vereine. So übernahm der Pollo-Verein den Kasten des sächsischen Oberlichtwagens 970-775 (Chemnitz 1899, Holzbeplankung, bis 1950 Mügeln), die Traditionsbahn Radebeul hingegen den des holzbeplankten Wagens 970-755 (Bautzen 1907, sächsische Gattung 711, bis 1954 Grünstädtel). Die IG Preßnitztalbahn e.V. erwarb die beiden Wagenkästen 970-214 (Bautzen 1913) und 970-764 (Chemnitz 1899, bis 1954 Hetzdorf). Im Februar 2006 erfolgte durch Mitglieder der IG Preßnitztalbahn e.V. und unter logistischer Unterstützung der Press GmbH die Bergung und der Abtransport dieser vier Wagenkästen. Seit dem 2. Oktober 2008 ist mit 970-214 bereits der zweite Wagenkasten wieder reaktiviert. 970-775 befindet sich zur Aufarbeitung für den Pollo momentan beim Brücke e.V. in Blankenburg (Harz).

Am 20. November 2008 erfolgte dann die restliche Beräumung des Geländes. Während das Gerippe des ehemaligen RüKB-Güterwagens 97-42-58 und der Kasten des ehemals kombinierten Sitz- und Gepäckwagens 974-451 (dieser KD4 entstand 1954 aus dem sächsischen KBtr 7.1201, Werdau 1913) in den Ausstellungsbereich des Fördervereins durch die RüBB umgesetzt wurden, erfolgte der Transport des vormals vierachsigen Gepäckwagens 974-501 (Werdau 1926) von Putbus nach Magdeburgerforth zum Traditionsverein Kleinbahn des Kreises Jerichow I (KJI). Damit endete die beinahe 40jährige Geschichte eines ganz besonderen „Schmalspurbahnstandortes“. Für alle acht einst im Gelände eingebauten Wagenkästen gibt es die Hoffnung auf „ein neues Leben“ - zwei davon haben diesen Status bereits schon wieder erreicht.

Quellen und Informationen

Der Beitrag stellt den aktuellen Stand der verfügbaren Informationen dar und ist Resultat intensiver Recherchen. Berücksichtigung fanden im Beitrag auch Informationen und Hinweise aus Eintragungen im „Bimmelbahn-Forum“ (http://forum.mysnip.de/list.php?13156), speziell die Beiträge vom 19.7., 14.9., 2.10. und 26.11.2008 sowie 16.5.2009, an denen verschiedene Autoren mitwirkten. Besonderer Dank für Recherchen und Informationen geht an: Alfred Simm, Hans von Polenz, Helmut Hirche, Wolfgang Prucha, Eberhard Klose, André Marks, Sven Hoyer, Volker Krehut und Robert Dröse.

Für alle, die sich die genaue Lage des ehemaligen Ferienlagers bei GoogleEarth anschauen wollen, hier die Geokoordinaten: 54°21'28.65'' Nord, 13°28'55.80'' Ost Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses dieser Seite hat Google einen Kartenstand von 2001 abgebildet. Im Dach des „Hauptgebäudes“ ist das Loch nach der Entnahme des Kastens von 970-751 gut auszumachen.
Matthias Kley/Jörg Müller


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