Vorbemerkuncs der Redaktion: Am 22. Februar 2003 kann in der Schweiz eine der letzten betriebsfähigen Dampfschneeschleudern der Welt im Einsatz erlebt werden. Jens Drescher stellt aus diesem Grund das Unikat einmal näher vor:

Dampfschneeschleuder Xrot d 9213

Bei der zur Rhätischen Bahn gehörenden Berninabahn St. Moritz - Tirano wird die letzte Dampfschneeschleuder Europas einsatzbereit vorgehalten. Die 1908/09 eröffnete Bernina-Bahn ist seit 1943 Teil des Netzes der Rhätischen Bahn. Der "Bernina-Express" hat diese sowohl landschaftlich reizvolle wie auch ingenieurtechnisch einmalige Strecke weltberühmt gemacht.

Von St. Moritz (1778 m) im Engadin führt die Berninastrecke über den 2256 m hochgelegenen Berninapaß in das im italienischen Veitin gelegene Tirano (429 m). Sie ist damit die höchstgelegene Alpenüberquerung auf der Schiene, wobei der Paß in freier Linienführung ohne Scheiteltunnel überquert wird. Eigentlich wurde nach ersten Planungen die Bahn als reine Sommerbahn konzipiert, aber bereits wenige Jahre später entschied sich die Bahngesellschaft für einen Ganzjahresbetrieb.

Dies stellte wahrlich ein abenteuerliches Unterfangen dar, denn Schneehöhen von mehreren Metern und Temperaturen von bis zu -30 sind im acht Monate lang dauernden Winter auf dem Berninapaß keine Seltenheit. Obwohl die Bernina-Bahn von Anfang an elektrisch betrieben wurde, wurden von der Bahngesellschaft 1910 und 1912 bei der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur (SLM) zwei baugleiche Dampfschneeschleudern für einen fahrdrahtunabhängigen Betrieb bestellt.

Dies waren die beiden Dampfschneeschleudern Xrot d 9213 und 9214, die technisch gesehen absolute Raritäten darstellen. Denn sie sind weltweit die einzigen Dampfschneeschleudern, die selbstfahrend sind, müssen enge Kurvenradien von 45 m durchfahren und Steigungen bis zu 70 Promille bewältigen. Aus diesem Grund wurden die Schleudern ähnlich der sächsischen IV K mit zwei Drehgestellen ausgerüstet. Jedes der Drehgestelle verfügt allerdings über drei Achsen. Die je zwei Zylinder sind entsprechend der Bauart Meyer gegenüberliegend angeordnet.

Zusätzlich wurden noch zwei Triebwerke mit je einem Zylinder für den Antrieb des Schleuderrades vorgesehen. Das an der Stirnfront befindliche Schleuderrad nach dem Prinzip Leslie mit einem Durchmesser von 2,5 m und einer Arbeitsgeschwindigkeit von 170 U/min versetzt die Schleuder in die Lage, eine maximale Schneehöhe von bis zu 3 m zu bewältigen. Je nach Wahl kann der Schnee nach links oder rechts bis zu einer Weite von 40 m ausgeworfen werden. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt 36 km/h, im Schleuderbetrieb 12 km/h. Eigens für die beiden Dampfschneeschleudern wurden an der Strecke mehrere Drehscheiben eingebaut, um die Schleudern unterwegs wenden zu können.

Die beiden Schneeschleudern haben sich sehr verdient gemacht, wurden sie doch gern bei der Räumung von Lawinenabgängen eingesetzt, wo sie ihre gewaltige Schwungradwirkung bei dem von Steinen und Holz durchsetzten Schnee entfalten konnten. Diesem Umstand ist zu verdanken, daß eine der alten Dampfschneeschleudern. die Xrot d 9213, noch als "eiserne Reserve" bei der Rhätischen Bahn einsatzbereit vorgehalten wird.

Neben ihr gibt es weltweit nur noch eine betriebsfähige Dampfschneeschleuder, die 1923 gebaute OY der Cumbres & Toltec Scenic Railroad in Colorado/USA. 1987 wurde die Xrot d 9213 erstmals für Sonderfahrten gechartert und erfreut sich bis heute bei vielen Eisenbahnfreunden großer Beliebtheit. Nähere Informationen über Sonderfahrten können beim Verein "Dampffreunde der Rhätischen Bahn" www.dampfvereinrhb.ch angefordert werden.

Bleibt abschließend zu hoffen, daß den Eisenbahnfreunden dieses einmalige technische Denkma! weiterhin für Sonderfahrten zur Verfügungen stehen kann, denn wenn man die faszinierende Technik einmal in voller Aktion erleben konnte, hinterläßt diese wunderschöne, einzigartige Erinnerungen.

Jens Drescher


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