Vereinsgeschichte IG Preßnitztalbahn e.V.

Rückblick - vor 20 Jahren

Es ist bereits eine Tradition, in regelmäßigen Abständen einen Blick zurück auf die Vereinsgeschichte zu werfen, da sich manche Zusammenhänge erst Jahre später erkennen lassen und man erstaunt ist, wann die Grundlagen für heutige Entwicklungen gelegt wurden. Das Jahr 1991 ist, im Rückblick betrachtet, tatsächlich durch eine Vielzahl von Ereignissen geprägt worden, die entscheidend für spätere Ergebnisse waren, ohne daß diese damals in ihrer Tragweite sichtbar waren. Das Jahr 1991 war das letzte Jahr ohne eigene Gleisanlage für den Verein (wenn man von den rund 40 Metern vor Schuppenstand 3 absieht). Für den außenstehenden Beobachter tat sich im Jahresverlauf recht wenig, die Präsenz verschiedener, bereits zum damaligen Zeitpunkt historischer Kraftfahrzeuge überstieg die der vorhandenen Schienenfahrzeuge meist deutlich.

Nach der Richtungsentscheidung der Jahreshauptversammlung Ende Oktober 1990 zugunsten des Aufbaus der Museumsbahn Jöhstadt – Schmalzgrube und der Wahl eines neuen Vorstandes war in den Wintermonaten kaum nennenswerter Fortschritt zu verzeichnen gewesen. Erst mit dem Ende des Winters kamen jedes Wochenende wieder zahlreiche Aktive zum Zwecke des „gemeinsamen Freizeiterlebnisses beim Aufbau einer Eisenbahn“ nach Jöhstadt. Mit der Stadt Jöhstadt entwickelte sich auch dank eines sehr kurzen Drahtes zwischen Vereinsvorsitzendem und Bürgermeister über das Jahr hinweg eine sehr intensive Zusammenarbeit, die in unterschiedlicher finanzieller wie auch organisatorischer Unterstützung mündete. Erstmals konnte der Verein so auch die Segnungen der Arbeitsmarktpolitik in Form von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nutzen, auch wenn der Verein als eigenständiger Träger solcher Maßnahmen erst in den Folgejahren selber aktiv wurde. Aber viele bauliche Aktivitäten konnten dadurch ab dem Sommer auch in der Woche fortgesetzt werden.

Das erste Halbjahr: Aufräumen, Schuttberäumung, Tiefbau

Der Schwerpunkt der Arbeiten bis in den Sommer 1991 hinein bestand jedoch tatsächlich darin, die Beseitigung des Abfalls, Bauschutts und des angesammelten „Altmaterials“ voranzutreiben. Gleichzeitig fiel durch das „Entkernen“ des Lokschuppenfußbodens und dem Neuaufbau der Schuppenstände fortwährend neuer Bauschutt an. Hinzu kam die Müllbeseitigung der Flächen im Bereich des heutigen Kohlebansens, die nach der Stillegung der Strecke als Deponie genutzt wurden. Auch die Wiederherstellung der Entwässerung hinter dem Kohleschuppen und die Vorbereitung der Fläche für die Aufstellung der Güterwagenkästen als Lagerschuppen gingen parallel einher. Mit einer Planierraupe der früheren NVA-Kaserne in Marienberg, die die deutsche Einheit in Jöhstadt erlebt und damit ihre Integration in die Bundeswehr verpaßt hatte, wurde das Planum der Strecke bis zur heutigen Fahrzeughalle geschoben, während mit Unterstützung der Firma Held aus Bärenstein die Flächenberäumung auf dem Jöhstädter Bahnhofsareal erfolgte. Am Rande sei erwähnt, daß dabei auch viel Schrott den Weg zur Entsorgung fand, der erst im Jahr zuvor von der Strecke bis Wolkenstein oder von einigen noch nicht beräumten Schrottplätzen vom Rückbau der Preßnitztalbahn (z. B. Gelobtland und Reitzenhain) nach Jöhstadt gekommen war.

Anfang Mai begann sich am Lokschuppen der Aufbau „nach System“ abzuzeichnen, auch wenn dies für Nichteingeweihte kaum erkennbar gewesen sein dürfte. Der Kasten des ehemaligen Länderbahn-Gepäckwagens 974-352 kam auf seinen vormaligen Stammplatz neben dem Kohleschuppen zurück, und einige GGw-Kästen aus Niederschmiedeberg bildeten das Grundgerüst für ein Lagersystem. Dabei wurde sogar ein bißchen Spieltrieb ausgelebt: Zwischen den Wagenkästen und durch den neu errichteten Kohlebansen entstand die 500-mm-Feldbahn von der Bekohlung aus Wolkenstein neu, deren Reste noch heute in Jöhstadt zu sehen sind. Ende Juni 1991 hatte das Gelände nach den notwendigen Beräumungen dann einen Zustand erreicht, so daß mit der effektiven Nutzung begonnen werden konnte.

Beschaffungsaktivitäten

Im Sommerhalbjahr 1991 liefen zahlreiche Aktivitäten zur Beschaffung von altbrauchbarem Gleisbaumaterial an. Neben Bemühungen, von den naheliegenden Bahnmeistereien der Deutschen Reichsbahn Material zu bekommen, galt es natürlich weiterhin, Reste der ehemaligen Gleisanlagen der Preßnitztalbahn zu bergen und nach Jöhstadt zu holen. Durch unzählige Fahrten mit den zu dieser Zeit verfügbaren H3A und S4000 wurden neue Materialstapel auf dem Bahnhofsgelände aufgeschichtet. Bestandteile unterschiedlichster Oberbauformen landeten dadurch wieder in Jöhstadt und wurden teilweise auch im Frühjahr 1992 verbaut, so daß heute vor dem Lokschuppen eine große Vielfalt an Oberbauformen und Schienenprofilen zu finden ist.

Mit den größer werdenden Schwellenstapeln wuchs die Notwendigkeit, die Schwellen (soweit aus Regelspurbeständen stammend) zu kürzen und wieder aufzuplatten. Dazu erstreckte sich eine „Schwellentaktstraße“ über eine große Fläche, und die Schwellenstapel nahmen zeitweilig das gesamte Gelände ein, das heute zu Pfingsten regelmäßig vom Festzelt belegt wird. Nicht verwundern kann dabei, daß die Qualität der Schwellen und die Maßhaltigkeit der aufgebrachten Rippenplatten sehr großen Schwankungen unterlagen, so daß in den nächsten Jahren noch öfter mit deren Nachwirkungen zu kämpfen war. Auch erste Arbeitseinsätze außerhalb des Schwarzwassertales kamen „in Mode“, dienten sie natürlich vordergründig der Beschaffung von Material für den vorgesehenen Streckenbau – steigerten aber nicht zuletzt auch die Motivation der beteiligten Vereinsmitglieder.

Die Bergung von Weichen stellte dabei eine besondere Herausforderung – logistisch und technisch – wie auch Motivation der Aktiven dar, wußte doch jeder (aus seiner aktiven Modellbahnerzeit) um die Notwendigkeit von Weichen für eine attraktive Gleisanlage. Egal ob Kretscham-Rothensehma, Wolkenstein oder Anfang November die Gewinnung der Anschlußbahnweichen des ehemaligen Werk III des Kaolinwerkes in Kemmlitz – Interesse bestand erst einmal an allem, was zu bekommen war, auch wenn es vielleicht später an Dritte weitergegeben wurde (z.B. nach Carlsfeld und Rittersgrün).

Doch käme ein ausschließlicher Fokus auf das Material für den Gleisbau den tatsächlichen Gegebenheiten nicht gerecht. Fast ebenso intensiv wurden an allen denkbaren und vorstellbaren Stellen nach Schmalspurwagen „in Zweitnutzung“ gesucht, nachdem sich parallele Bemühungen nach Übernahme von Fahrzeugen von der Deutschen Reichsbahn zu diesem Zeitpunkt als erfolglos erwiesen hatten. In beispiellosen Aktionen gelangten Wagenkästen, die eine neue Verwendung als Schuppen, Hühnerstall oder Lager gefunden hatten, in den Bestand des Vereins. Wagenkästen, deren Bergung und Wiederherstellung damals als „unmöglich“ angesehen wurde, wurden einem systematischen „Ausschlachtungsprogramm“ unterzogen. Wagenkästen in Zethau, Mulda, Mügeln, Steinbach und weiteren Orten standen vor zwei Alternativen: Bergung oder Teilegewinnung. Diese wohlüberlegten Aktivitäten im zweiten Halbjahr 1991 sorgen noch rund 20 Jahre später für die Möglichkeit, Wagenkästen grundhaft wieder aufzubauen und vollständig wieder in Betrieb zu nehmen.

Jahreshöhepunkte am Ende des Jahres

Besser kann die Dramaturgie kaum laufen, für den noch jungen Verein mit seinen rund 100 Mitgliedern entwickelte sich das letzte Quartal des Jahres tatsächlich zu einem Höhepunkt, der im Kauf der beiden IV K-Lokomotiven 99 1542-2 und 99 1568-7 und einer Dampfveranstaltung in Wilischthal kulminierte. Mit diesen Ereignissen wurde der Verein erstmalig wahrgenommen – die „Spinner von Jöhstadt“ hatten eine wahrnehmbare „Duftmarke“ hinterlassen, auch wenn die Anlagen in Jöhstadt und im Preßnitztal noch keinen allzu optimistischen Ausblick boten. Doch im Jahr 1992 kam es nicht nur zur Fortsetzung vieler angefangener Projekte – es folgte die Rückkehr der Eisenbahn nach Jöhstadt. Ohne die Arbeit des Jahres 1991 wäre diese aber undenkbar gewesen.
Jörg Müller

Nachwort

Erwartungsgemäß können in einem derartigen Abriß nicht alle Aktivitäten benannt, alle einzelnen Projekte aufgezählt und erst recht nicht die beteiligten Akteure namentlich vollständig erwähnt werden, weshalb auf letzteres gänzlich verzichtet wurde. Wir werden darüber schrittweise die Chronik auf der Internetpräsentation www.pressnitztalbahn.de vervollständigen.
JM

Weiterführende Lektüre:
PK 93 (6/2006), Seite 7 bis 9: „Sonderfahrten mit 99 586 in Wilischthal vor 15 Jahren“
PK 94 (1/2007) und folgende Ausgaben, „Vereinsgeschichte IG Preßnitztalbahn e.V. – Rückblick – Vor 15 Jahren, Teil 1 bis 4


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