Blick nach Österreich

Verein „Pro Gmundener Straßenbahn“

In Oberösterreich befindet sich am Traunsee die Stadt Gmunden. Dieser Ort im Salzkammergut bietet neben allgemeinen touristischen Höhepunkten wie dem See sowie den jeweils mit einer Seilbahn erschlossenen Bergen Feuerkogel und Grünberg auch etwas für den Straßen- und Eisenbahnfreund. Nach eigenen Angaben gibt es in Gmunden mit einer Länge von aktuell 2,315 km nämlich die sowohl kürzeste als auch mit einer Steigung von 96 Promille steilste im Reibungsbetrieb befahrene Straßenbahn Europas mit täglichem Betrieb. Auf 1000 m Länge bewältigen die Fahrzeuge also einen Höhenunterschied von 96 m.

In Betrieb genommen wurde die meterspurige Strecke am 13. August 1894 als „Elektrische Lokalbahn Gmunden“, kurz ELBG. Sie verband den Rathausplatz mit dem Bahnhof der regelspurigen Salzkammergutbahn Stainach-Irdning (Steiermark) – Attnang-Puchheim – Schärding (Oberösterreich). Die Betriebsführung der schmalspurigen Bahn hält seit 1925 die Firma Stern & Hafferl inne. Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich wurde die damals 2,543 km lange Strecke 1938 zu einer Straßenbahn umkonzessioniert. Im Jahre 1975 legte die Firma Stern & Hafferl aufgrund des angestiegenen Autoverkehrs den knapp 200 m langen Abschnitt zwischen dem Rathausplatz und dem Franz-Josef-Platz am Ufer des Traunsees still. Seitdem ist die Gmundener Straßenbahn noch 2,315 km lang. Der größte Teil der Strecke ist eingleisig ausgeführt. Es gibt eine Ausweichstelle mit Rückfall(feder)weichen sowie einen Betriebshof mit einer zweiständigen Remise und mehreren Abstellgleisen. Die verwendeten Triebwagen sind eine betriebliche Besonderheit, da es sich um „unechte Zweirichtungsfahrzeuge“ handelt. Sie verfügen zwar über zwei Führerstände, aber alle Türen befinden sich auf einer Seite. Da in Gmunden keine Wendeschleife existiert, wird dadurch immer nur auf einer Straßenseite ein- und ausgestiegen. Eine Liniennummer hat die Gmundener Straßenbahn nicht, jedoch sind alle Triebwagen mit einem „G“ gekennzeichnet.

Nach der Verkürzung der Strecke im Jahre 1975 verlor die Straßenbahn an Bedeutung. Die Fahrgastzahlen nahmen spürbar ab, während die Sorge um die Zukunft des Verkehrsmittels zunahm. Hilfe für die Tram brachte 1989 die Gründung des Vereins „Pro Gmundener Straßenbahn“, der zahlreiche Aktivitäten einleitete und klare Ziele zum Fortbestand und Ausbau der Strecke setzte. Weiterhin ist die Verbesserung der gesamten Verkehrssituation im Raum Gmunden ein Hauptanliegen des Vereins. Für diesen Zweck setzt er auch private Mittel ein. So wurden u. a. auf Initiative der Tramfreunde bereits zweimal moderne Gelenktriebwagen nach Gmunden gebracht, um den Fahrgästen die erhöhte Beförderungsqualität vorzuführen. Im Juni 2003 war dazu ein Combino der Nordhäuser Straßenbahn aus Thüringen in Gmunden eingesetzt, im September 2008 folgte ein Gelenktriebwagen der Innsbrucker Straßenbahn.

Die Verkehrssituation Gmundens

Durch die unmittelbare Lage am Traunsee und an der durch den See und die Stadt fließenden Traun hat die Stadt Gmunden zwei große Stadtteile: einerseits westlich des Flusses das Stadtzentrum mit den Verwaltungsgebäuden wie z.B. dem Rathaus und auf der östlichen Flußseite den Stadtteil Traundorf. Im Stadtteil Gmunden-Traundorf enden sowohl die meterspurige Lokalbahn aus Vorchdorf-Eggenberg als auch die regelspurige Trauntalbahn von Lambach. Auf etwa zwei Kilometern Länge decken sich beide Trassen – hier existiert ein Dreischienengleis. Es beginnt in der Nähe der Station Engelhof und führt seit 1990 bis zum Seebahnhof. Die durch die dritte Schiene erforderlich gewordenen Weichenkonstruktionen sind besonders beachtenswert. Dieser dreischienig ausgeführte Abschnitt Gmunden-Traundorf – Engelhof liegt übrigens exakt auf der Trasse der legendären Pferdeeisenbahn Budweis – Linz – Gmunden.

Die knapp 15 km lange Meterspurbahn Vorchdorf – Gmunden wird ebenfalls elektrisch und von der Stern & Hafferl Verkehrsgesellschaft betrieben. Eine vor dem Ersten Weltkrieg angestrebte Verbindung zwischen den beiden meterspurigen Lokalbahnen kam nicht zustande. In den vergangenen Jahren wurde der Straßenbahnoberbau fast vollständig saniert. Des weiteren ließ die Betreibergesellschaft im Bereich der Remise eine neue Haltestelle mit Ausweiche schaffen und die Sicherungstechniken auf den aktuellen Stand bringen. Das Vorhaben, auf dem Gelände des Gmundener Seebahnhofs ein Hotel zu bauen, führte dazu, daß das dortige Empfangsgebäude im Jahr 2010 abgerissen wurde.

Zukunftspläne

Der Verein „Pro Gmundener Straßenbahn“ hat es sich zum Ziel gesetzt, die beiden Meterspurbahnen in Gmunden miteinander zu verbinden. Immerhin liegen der Seebahnhof und der Franz-Josef-Platz als derzeitiger Endpunkt der Straßenbahn nur etwa 700 m voneinander entfernt. Doch für das Projekt ist entweder eine neue Überbrückung der Traunmündung oder aber die Mitnutzung einer vorhandenen Straßenbrücke notwendig. Gegenwärtig laufen diesbezügliche Machbarkeitsuntersuchungen. Um die Bevölkerung für die Planungen zu begeistern, wurden die 2003 und 2008 aus Nordhausen bzw. Innsbruck geliehenen Vorführtriebwagen auch im Stadtteil Traundorf eingesetzt. Der Transport der Fahrzeuge erfolgte dabei per Tieflader über die Traunbrücke.

Zusätzlich zur Verbindung der beiden Strecken plant der Gmundener Verein eine Neubaustrecke zu einem Einkaufszentrum im Stadtgebiet. In beiden Fällen würde Gmunden im Realisierungsfall den Status verlieren, über den kürzesten Straßenbahnbetrieb in Europa zu verfügen ...
Kurt Streit/AM


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