110 Jahre Chemnitztalbahn Chemnitz-Küchwald – Wechselburg

Vom Abschied und Neubeginn einer Nebenbahn im mittelsächsischen Hügelland

Dieser Beitrag soll den Artikel „Abschied von der Chemnitztalbahn“, erschienen im PK 4/98 (Heft 43), S. 21–22 fortsetzen. Thomas Berger zeichnete darin bereits die wechselvolle Strecken- und Betriebsgeschichte 1902–1998 nach.

Wenn am Wochenende, 30. Juni und 1. Juli 2012, an der Museumsbahnstrecke Markersdorf-Taura – Schweizerthal- Diethensdorf ein Bahnhofs- und Streckenfest gefeiert wird, so muß es wohl niemals einen gänzlichen „Abschied von der Chemnitztalbahn“ gegeben haben. Sowohl im Museumsbahnhof Markersdorf-Taura als auch am Bahnhof Schweizerthal- Diethensdorf erwarten zwischen 10 und 18 Uhr zahlreiche Attraktionen die Gäste aus nah und fern. Der Fahrbetrieb mit Gastdraisinen verschiedener Eisenbahnvereine zum dritten Draisinen- und Zweiwegefahrzeugtreffen lockt an die alte Bahnlinie, eine Begegnung ehemaliger Eisenbahnerinnen und Eisenbahner der Strecke wird ein weiterer Programmpunkt sein. Die Modellbahnhalle öffnet ihre Tore, die Philatelisten zeigen eine interessante Schau und eine Glaskünstlerin führt ihr Handwerk vor.

Zwei Chemnitztaler Unternehmen laden zu einem Blick hinter die Kulissen ein und weitere bieten ihre Produkte an Marktständen feil. Die Feuerwehr und der Arbeiter-Samariter-Bund zeigen ihre Einsatztechnik und laden zu Geschicklichkeitsspielen ein, der Naturlehrpfad und ein Wasserkraftwerk können besichtigt werden und am Samstagabend wird zur Dixi-Musik ins Festzelt geladen. Für das leibliche Wohl ist überall bestens gesorgt und neben der Museumsbahn kann auch mit einem historischen Bus des Kraftomnibus Mittweida e.V. zwischen den Veranstaltungsorten gependelt werden. Auf der Internetseite der Eisenbahnfreunde Chemnitztal unter www.chemnitztalbahn.de finden sich weitere Informationen zu diesem Jubiläum einer totgeglaubten Eisenbahnlinie.

Dabei hätte die Strecke Chemnitz – Wechselburg eben auch beinahe das traurige Schicksal vieler Nebenbahnen geteilt, welche nach der Bahnreform ab 1994 zu Hauf den Weg des alten Eisens gingen. Nach der Einstellung des Reiseverkehrs am 24. Mai 1998 hielt sich auch der verbliebene Güterverkehr nicht mehr lange. Die damalige DB Cargo AG der Deutschen Bahn kündigte den beiden Großkunden Chemiebetrieb Zschimmer & Schwarz in Mohsdorf sowie den Westsächsischen Steinwerken in Diethensdorf im Rahmen des Projektes MORA C kurzerhand die Bedienungsverträge und zwang damit ihre Transporte auf die Straße. Auch der öffentliche Ladestellenverkehr für verschiedene Kohlehandel auf dem Bahnhof Markersdorf-Taura wurde gleichzeitig eingestellt. Am 5. Januar 2000 fuhr die Cargo-Bedarfsfahrt 65736 mit den Wagen aus dem Anschluß Mohsdorf und von der Ladestraße in Markersdorf-Taura als letzter Güterzug durch das obere Chemnitztal. Die letzte Zugfahrt im unteren Abschnitt zwischen Mohsdorf und Wechselburg hatte bereits am 17. April 1999 der Triebwagen 628 580-2 mit einem Sonderreisezug absolviert. Unmittelbar darauf wurde dieser Streckenabschnitt wegen Oberbauschäden gesperrt.

Im Jahr 2000 schrieb DB Netz die Strecke zum Weiterbetrieb aus und veranschlagte 9,2 Mio. Euro Investitionsbedarf, doch es fand sich kein neuer Eisenbahninfrastrukturbetreiber. So beantragte das Unternehmen die Stillegung der 21 km langen Strecke zwischen Chemnitz-Glösa und Wechselburg beim Eisenbahn-Bundesamt. Dieses verfügte den vorläufigen Schlußakt am 11. Dezember 2001 und setzte ihn zum 31. Dezember 2002 in Kraft. In Chemnitz blieb lediglich der kurze Abschnitt zwischen Küchwald und Glösa als Anschlußbahn der Stadtwerke in Betrieb, wie es Thomas Berger bereits 1998 voraus gesagt hatte.

Daß die Bahn während ihres Stillstands seit 2000 nicht in Vergessenheit geriet, verdankt sie dem Verein „Eisenbahnfreunde Chemnitztal e. V.“. Dessen kaum beachtete Gründung erfolgte am 3. Februar 2001 im Kleinlokschuppen von Markersdorf-Taura. Schon bald machte der junge Verein Schlagzeilen. In Vorbereitung des 100- jährigen Streckenbestehens rollte am 30. Mai 2002 die Diesellok V22B (Fabrik-Nr. 261420) nach Markersdorf. Das von den Stadtwerken Chemnitz übernommene Geschenk mußte den Weg allerdings auf einem Straßentieflader zurücklegen. Seit dem Jubiläumsfest am 29. Juni 2002, welches man unter anderem mit Draisinenfahrten des Langenauer „Striegisdackels“ beging, regte sich nun wieder Leben im totgesagten Bahnhof. Die Sanierung des Lokschuppens stand als erstes auf dem Programm und konnte im Zeitraum von 2003 bis 2007 realisiert werden. 2004 wurde die historische Bausubstanz des größten Chemnitztal-Bahnhofs unter Denkmalschutz gestellt. Im Jahr darauf gelang dem Vereinschef durch glückliche Umstände der Grunderwerb der gesamten Flächen rechts und links der Gleisanlage. Damit war auch dem Verein eine solide Existenzbasis geschaffen. Ende 2005 wurde in der Güterabfertigung ein erstes provisorisches Büro eingerichtet, bevor 2008 in die Kontor-Räume des Raiffeisengebäudes umgezogen werden konnte.

Erneut war es ein Bahnhofsfest, welches das Startsignal für die Wiederaufnahme des Fahrbetriebes als Museumsbahn gab. Den Anlaß bildete das Jubiläum „100 Jahre erste sächsische Kraftomnibuslinie Mittweida – Limbach“, das am 19. und 20. August 2006 stattfand. Mehr als 5000 Besucher fanden den Weg auf den Museumsbahnhof. Zuvor hatte der Verein in monatelanger Arbeit die Gleisanlage zwischen beiden Einfahrsignalen freigelegt. Der erfolgreiche Motordraisinen- Betrieb mit Gastfahrzeugen zeigte, daß mit dieser Betriebsform ein Besuchermagnet im Chemnitztal geschaffen werden kann. Das erste eigene Fahrzeug hatte der Verein zu diesem Zeitpunkt ebenfalls auf die Gleise gebracht: eine Fahrraddraisine. Das 3,6 m lange, sechssitzige Gefährt nahm am 5. Mai 2007 seinen Fahrverkehr auf 300 m Bahnhofsgleis auf.

Der gute Zuspruch in dieser ersten Saison ließ die Eisenbahnfreunde am weiteren Ausbau arbeiten. So übernahm der Verein Anfang Mai 2007 einen SKL-Zug sowie einen Zweiwegetraktor RS 09/GT 124 aus privater Hand. Wenige Wochen später kam auch eine zweite Diesellok vom Typ V10B hinzu, welche in fahrfähigem Zustand aus Kohren-Sahlis ins Chemnitztal fand. In der Folge machten die Mechaniker zunächst den Schönebecker Traktor flott. Parallel zur Fahrzeugaufarbeitung fand das schrittweise Freischneiden und Ausbessern der künftigen Museumsbahnstrecke Richtung Schweizerthal-Diethensdorf statt. Ostern 2008 war es soweit: der Schienentraktor „Paul“ zog erstmalig den ursprünglichen Draisinenwagen zum 900 m entfernten Haltepunkt im Amselgrund. Während sich der Museumsbahnbetrieb Meter um Meter ausdehnte, wurde die übrige Strecke ab Jahresbeginn 2008 demontiert. Die Chemnitztalgemeinden hatten sich darauf geeinigt, auf der Bahntrasse einen Radwanderweg zu errichten. Schon 2007 gründeten sie hierfür einen Zweckverband, der nach der am 23. Juli 2007 erfolgten Entwidmung das Streckenband zwischen Wittgensdorf und Wechselburg kaufte. Für den zwei Kilometer langen Museumsbahnabschnitt schloß der Zweckverband einen Pachtvertrag mit den Eisenbahnfreunden, so daß der Radweg zwischen Markersdorf und Diethensdorf einen parallelen Verlauf nehmen wird. Aufgrund vier verschiedener Zuständigkeiten erfolgt die Errichtung des Radweges in diversen Abschnitten.

Während die Stadt Chemnitz den Bau schon bis Heinersdorf vorangetrieben hat und der Weiterbau bis zum Stadtteil Wittgensdorf nun unter mangelnden Finanzen leidet, steht ein erster Spatenstich im Landkreis Mittelsachsen noch immer aus. Der Verein hingegen arbeitete sich weiter voran und erreichte zu Ostern 2009 seinen zweiten Haltepunkt Neuschweizerthal, wobei auch erstmals eine der einst zahlreichen Chemnitzbrücken wieder befahren werden konnte. Eine kritische Phase begann für den Verein im September 2009, als das Straßenbauamt begann, den Straßenknoten am Museumsbahnhof neu zu gestalten. Damit verbunden war die Einkürzung des Chemnitzer Bahnhofskopfes, um eine Begradigung der Bundesstraße 107 zu erreichen. In diesem Zusammenhang erfolgte auch der Abriß der technikhistorisch wertvollen Stahlbetonbrücke in Hennebique-Konstruktion von 1902, welche bis dahin das Gleis überspannte. Ihren Denkmalwert erkannte man zu spät, so daß ein Erhalt im laufenden Bauverfahren nicht mehr möglich war.

Trotz dieser unglücklichen Situation etablierte der Verein im September 2010 eine neue Veranstaltung: das Chemnitztaler Draisinen- und Zweiwegefahrzeugtreffen, welches seither jährlich stattfindet. Unterdessen arbeitete die Werkstatt weiter am SKL-Anhänger, der den zu kleinen Draisinewagen im Museumsbahnverkehr ablösen sollte. Die Inbetriebnahme des 18-sitzigen Wagens erfolgte schließlich zum zweiten Draisinentreffen am 4. und 5. Juni 2011. Dabei rollte der neue Zug auf seiner ersten Fahrt auch in den Endbahnhof Schweizerthal-Diethensdorf ein und der Verein erreichte im zehnten Jahr seiner Gründung das wohl wichtigste Etappenziel.
Robert Köhler/Robin Helmert


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