Herbstausfahrt des EFK Westsachsen zur Fichtelbergbahn

Inzwischen gehört es schon fast zur liebgewordenen Tradition (und zum guten Ton), die Herbstausfahrt des Eisenbahnfreundeskreises Westsachsen Böhlen/Großsteinberg (EFKW) im Preß’-Kurier mit einem Reise-Bericht zu würdigen, auch wenn der Autor dieses Beitrages nicht selbst an dieser Reise teilgenommen hat. Dies wird aber ganz vortrefflich dadurch kompensiert, daß durch Reinfried Polter als Haupttriebkraft und Veranstaltungsorganisator eine derartig gute „Informationslage“ bereitgestellt wird, wodurch man bereits beim Lesen des EFKW-eigenen „Zentralorgans“ (der EFKW-Depesche) den Eindruck haben kann, dabei gewesen zu sein. Doch ihren besonderen Charme haben die minutiös geplanten und durchdachten Reisen der Eisenbahnfreunde auch, da sie gut als „Blaupause“ für Reiseunternehmen dienen können, die ihren Gästen ein abwechslungsreiches Programm bieten wollen. Hier ist „Copy & Paste“ gern gesehen, weil auch die jährlich in der Herbstausfahrt angesteuerten Etappenorte und Ziele gern für derartige Reisegesellschaften bereit stehen.

Allein das Bemühen von Reinfried Polter & Co., die komplette Reise einschließlich der Transportmittel zu einem Erlebnis werden zu lassen, ist schon beeindruckend. Die 2012er Reise führte am 14. Oktober zur Fichtelbergbahn. Um die Fahrtstrecke fahrplanmäßig absolvieren zu können, war zeitiges Aufstehen angesagt. Mit drei historischen Omnibussen des Typs Ikarus 55 und einem Kleinbus wurden um 6 Uhr in Großsteinberg und Rötha die Reiseteilnehmer eingesammelt, die genau wie die Busfahrer erst hier über den detaillierten Fahrtverlauf informiert wurden. Von auflauernden Paparazzi dürfte die Fahrt also kaum behelligt worden sein. Angedacht sind in der Reiseplanung natürlich auch notwendige Zwischenstopps, da muß man einplanen, wie lange ein Bus für eine bestimmte Wegstrecke benötigt und wann die Reisenden die ersten Bedürfnisse nötigen und dafür ein Rastplatz zur Verfügung steht.

Da es passend auf der Fahrtroute ins Gebirge lag, stand nicht nur der Morgenimbiß, sondern gleich auch ein Rundgang durch die Ausstellung der historischen Kraftfahrzeuge im Sächsischen Nutzfahrzeugmuseum in Hartmannsdorf auf dem Programm. Will man es hinterher auch seinen Interessenten gut dokumentieren, besteht für den Veranstaltungsorganisator die Aufgabe, Bildansichten zu liefern, zu denen die Reiseteilnehmer keine Gelegenheit haben. Reinfried Polter bediente sich da bei den bekannten Fähigkeiten des sonst eher an Eisenbahnstrecken aller Art zu findenden Steffen Tautz aus Jena, dem die exklusive Vorabkenntnis des Fahrplans die Chance gab, interessante Fotostellen für die Vorbeifahrt der Buskarawane aufzusuchen. Denn eher selten ist heute der Einsatz von gleich drei „Zigarren“ im Fernreisebusdienst schon, vor über 40 Jahren gehörte das zum Alltagsbild auf den Straßen der DDR. Daß einer der „Ikarusse“ tatsächlich aus dem Produktionsland Ungarn angereist war, um diese Ausfahrt mit zu unternehmen, verwundert bei dieser Organisation schon beinahe nicht mehr.

Pünktlich auf die geplante Ankunftsminute erreichten die Busse den Bahnhof Cranzahl, wo bereits ein auf Hochglanz geputzter Sonderzug mit 99 1773-3 an der Spitze für die rund 120 Reiseteilnehmer abfahrbereit wartete. Von der Rauchkammertür bis zum Zugschlußsignal stand erstmals seit vielen Jahren wieder ein authentisch gebildeter Personenzug nach dem Schema der Deutschen Reichsbahn auf den Gleisen dieser Schmalspurbahnstrecke. Hans-Thomas Reichelt und André Dörfelt von der SDG hatten die Zuggarnitur (ergänzt durch zwei Güterwagen) und den weiteren Ablauf wunschgemäß nach den Vorstellungen des EFKW gestaltet und damit deutlich dem noch immer unter Eisenbahnfreunden kursierenden Ruf entgegengewirkt, daß bei der Fichtelbergbahn so etwas nicht möglich wäre.

Erwartungsgemäß dauerte die Fahrt, die 10.20 Uhr in Cranzahl startete, deutlich länger als üblich – aber natürlich dennoch vollständig planmäßig. Es standen zahlreiche Fotohalte und natürlich detailliert choreographierte Treffen mit der Ikarus-Busflotte an verschiedenen Stellen der Schmalspurstrecke auf dem Plan. Manche davon hatte exklusiv der „Außenfotograf“ für sich, doch an fast jeder Station konnten auch die Reiseteilnehmer das Erlebnis Dampfeisenbahn genießen. In der Station Vierenstraße war mit dem dortigen Hotel, einem Partner der Dampfbahnroute Sachsen, die Mittagsverpflegung für die Reiseteilnehmer vereinbart, die bei bestem Herbstwetter und unter Beobachtung des intensiven Zugverkehrs auf der Strecke im Biergarten eingenommen werden konnte. Denn nicht nur der Regelzugverkehr passierte die Station, auch der Sonderzug, der aufgrund seiner Länge nicht im Ladegleis eingeschlossen werden konnte, fuhr als Leerzug bis Kretzscham-Rothensehma, kam dann nach Umsetzen der Lok wieder bei den Mittagsspeisenden vorbei und stand nach neuerlicher Fahrtrichtungsänderung in Neudorf dann zur vorgesehenen Abfahrtszeit wieder in Vierenstraße bereit.

Erwartungsgemäß bietet auch die weitere Fahrt über Kretzscham-Rothensehma, Niederschlag und Hammerunterwiesenthal genügend Spielraum für Fotohalte sowie Scheinein- und -ausfahrten. Wieder ein Beispiel detaillierter Vorüberlegungen waren in Oberwiesenthal „Begegnungen“ mit Kutschen unterm Viadukt. Auf dem Bahnhof Kurort Oberwiesenthal hatte die Reisegesellschaft des EFKW dann im Eisenbahnbetriebsleiter der SDG, Hans-Thomas Reichelt, einen ebenso kompetenten wie begeisterten Führer durch die Bahnanlagen und die Lokomotivwerkstatt Oberwiesenthal (LWO) der SDG. Sprichwörtlich gekrönt wurde die EFKW-Fahrt abschließend mit der Auffahrt auf den Fichtelberg, auf dem abwechselnd die drei Ikarus 55 und die Aussicht vom mit 1214,79 m über NN höchsten Berg Sachsens im Fokus standen.

Natürlich ist es nicht verwunderlich, daß sich die Reiseteilnehmer danach in höchsten Tönen lobend über die Organisatoren äußern, denn die wohlüberlegte Planung dieser Fahrt ist Ergebnis langfristiger Vorbereitung. Jede Ausfahrt des EFKW wird durch eine detaillierte Meß- und Erkundungsfahrt eingeleitet, bei der die Örtlichkeiten, mögliche Routen und Haltemöglichkeiten, Partner und Stationen sowie zeitliche Notwendigkeiten ermittelt werden. Für die verschiedensten potentiellen Ziele wäre es nur wünschenswert, wenn sich andere (auch professionelle Reiseveranstalter) diesem Beispiel anschließen würden.
Jörg Müller (mit Material von Reinfried Polter)


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