Wagen-Geschichte

Die Bergung zweiachsiger sächsischer Reisezugwagen

Am 28. November 2012 haben die Mitglieder des Schwarzbachbahn e.V. im Erzgebirge den Kasten eines ehemals zweiachsigen sächsischen Personenwagens geborgen. Die genaue Identität des an diesem Tag nach Lohsdorf in die Sächsische Schweiz gebrachten Fahrzeuges steht bisher noch nicht fest. Dies ist dennoch ein guter Anlaß, die Bergung solcher Kästen seit 1990 einmal näher zu beleuchten.

Kästen zweiachsiger Reisezugwagen

Anfang der neunziger Jahre begannen die Vereine in Jöhstadt, Schönheide, Wilsdruff, Zittau und Radebeul gezielt nach von der Reichsbahn- oder Privatleuten als Schuppen oder Aufenthaltsräume genutzten Kästen von sächsischen Schmalspurwagen zu suchen. Ziel war es, sie entweder komplett zu bergen und anschließend betriebsfähig aufzuarbeiten oder aber sie vor Ort als Ersatzteilspender zu nutzen.

Im Mittelpunkt der „Fahndung“ standen damals vor allem einst vierachsige Reisezugwagen. An die Bergung von Kästen ehemals zweiachsiger Wagen wagten sich anfangs nur wenige. Zu den Ausnahmen gehörte ein Mitglied der IG Preßnitztalbahn e.V., der 1991 in Mahlis den Gepäckwagen 97-30-06 sicherstellte und im Sommer nach Jöhstadt brachte.

Die Mitglieder des Interessenverbandes der Zittauer Schmalspurbahnen e.V. bargen hingegen bereits ein Jahr zuvor, im Juli 1990, zwischen Bautzen und Löbau in Breitendorf den Kasten des Gepäckwagens DRG-K2053 (lfd. Nr. 753). Später folgten die Bergungen dreier Kästen einst kurzgekuppelter Personenwagen („Doppelwagen“): 1996 am Bahnhof Freital-Hainsberg die von K.8; in Großröhrsdorf 1997 die von K.25 sowie am 24. Juni 2000 die von K.26 in Ebersbach (Bergung im neuen Buch „Die Wagen der Sächsischen Schmalspurbahnen“ – Band 1, irrtümlich mit 1999 angegeben).

Das Schmalspurbahn-Museum in Rittersgrün übernahm 1991 aus einem Garten in Steinbach bei Jöhstadt den Kasten des Personenwagens 979-007, in Schweta 1997 den Kasten eines Gepäckwagens der lfd. Nr. 754 sowie mit Unterstützung der IG Preßnitztalbahn e. V. 1993 am Bahnhof in Pockau-Lengenfeld den Kasten eines weiteren Personenwagens.

Unter Leitung von Peter Wunderwald fand 1993 in Dresden-Friedrichstadt die Bergung des Gepäckwagenkastens 1441K für die IG Verkehrsgeschichte e.V. Wilsdruff statt. Seit 2008 ist dieser Zweiachser mit vervollständigtem Fahrwerk bereits auf verschiedenen Schmalspurbahnen zum Einsatz gekommen. Im Jahr 2008 übernahm die IG Verkehrsgeschichte zugleich den bis dahin in Chemnitz als Gartenlaube genutzten Kasten des Personenwagens K.235, der Stück für Stück in der Marienberger RVE-Werkstatt neu aufgebaut wird.

Der Förderverein „Wilder Robert“ e.V. stellte im August 2008 hingegen den Kasten des Gepäckwagens 97-30-01 (lfd. Nr. 752) in Berntitz bei Mügeln sicher und brachte ihn auf den Mügelner Bahnhof.

Der Verein „Schwarzbachbahn e.V.“ hat sich seinerseits dem in der DDR zuletzt in Pasewalk eingesetzten Gepäckwagen 975-105 (DRG-Nummer K2009) angenommen und dessen in Fahrenwalde erhaltenen Kasten im Jahr 2004 nach Lohsdorf geholt.

Erwähnt seien außerdem die Bergungen des Rahmens des Gepäckwagens DRG-K2054 (lfd. Nr. 753) im März 2009 vom Bahnhof Ebersbach durch die Traditionsbahn Radebeul e.V. und des Rahmens des Personenwagens K.107 (lfd. Nr. 732) im Jahr 2002 sowie des Postwagens 1690 (lfd. Nr. 709) im August 2004 jeweils durch Mitglieder des Fördervereins Historische Westsächsische Eisenbahnen e.V. (FHWE). Auf die Nennung geborgener zweiachsiger Güterwagen bzw. Güterwagen-Rahmen sei hier verzichtet.

Der museale Einsatz zweiachsiger Reisezugwagen

Verdienst der Radebeuler Traditionsbahner ist es, daß auch in den siebziger und achtziger Jahren hin und wieder die zweiachsigen Wagen des Verkehrsmuseums Dresden (VMD) auf der Strecke nach Radeburg zu erleben waren. Anfang der neunziger Jahre arbeiteten die Mitglieder des Radebeuler Traditionsbahn e.V. den auf der Insel Rügen zuletzt als 979-009 genutzten sächsischen Gepäckwagen betriebsfähig auf. Er kommt seit 1995 mit seiner sächsischen Nummer 1492K in verschiedenen Traditionszügen zum Einsatz. Die IG Preßnitztalbahn e.V. hat ihrerseits den mit einem Tonnendach versehenen Gepäckwagen 97-30-06 bis 1998 im Stil der sechziger Jahre betriebsfähig aufgearbeitet. Als Gastfahrzeug war er seitdem z. B. schon einmal auf den Schmalspurbahnen im Zittauer Gebirge und im Lößnitzgrund unterwegs.

Per Sondergenehmigung war 1997 außerdem der Rittersgrüner Postwagen 1700 in Jöhstadt und auf der Fichtelbergbahn zu erleben. Auf dieser Basis kommen außerdem der baugleiche Postwagen 1703 sowie auch die beiden zweiachsigen Personenwagen K.121 und 207K des VMD bei bestimmten Anlässen im Lößnitzgrund zum Einsatz. Da diese beiden Fahrzeuge über keine Inneneinrichtung verfügen, dienen sie dann jedoch ausschließlich Schauzwecken. Eine Beförderung von Personen ist mit ihnen nicht möglich.
Der Wilsdruffer Zugführerwagen 1441K absolvierte seit seiner Wiederinbetriebnahme inzwischen schon Fahrten in Schönheide, Radebeul, Mügeln, Freital und Wilsdruff.

Perspektiven für Zweiachser

Seit der Inbetriebnahme von I K Nr. 54 ist eine Nachfrage vor allem nach zweiachsigen Personenwagen entstanden. Die beiden Radebeuler Zweiachser sind für eine betriebsfähige Aufarbeitung bisher jedoch nicht vorgesehen. Ähnlich verhält es sich mit den drei in Rittersgrün vorhandenen zweiachsigen Personenwagen – eine Auflistung dazu findet sich im DbM 1/2012. Da der VSSB derzeit seine Energie vor allem in das Tourismusprojekt Schönheide/Carlsfeld investiert, können von diesem Verein in nächster Zeit keine Aktivitäten zum Neuaufbau zweiachsiger Wagen erwartet werden. Dabei sind neben den bereits geborgenen – und damit in diesem Beitrag bereits erwähnten – Kästen die Standorte weiterer vier noch immer privat genutzter Aufbauten sächsischer Personenwagen bekannt. Einer Bergung harren außerdem z.B. noch immer ein ehemals zweiachsiger Postwagen (lfd. Nr. 709) sowie ein weiterer Gepäckwagen (lfd. Nr. 752, 97-30-05).

Für den Personenwagen K.235 hat die IG Verkehrsgeschichte bereits die Einachsdrehgestelle nachfertigen lassen. Abhängig vom Spendeneingang könnte er noch in diesem Jahrzehnt als erster nach heutigen Gesichtspunkten voll betriebsfähiger zweiachsiger Personenwagen in Betrieb gehen. In die Fußstapfen der Wilsdruffer sind nun auch die Schwarzbachbahner getreten, auf deren Aktivitäten in Folge gleich noch eingegangen wird.

Erwartungsvoll schauen viele Eisenbahnfreunde jedoch auch ins Zittauer Gebirge. Daß dort jüngst der Kasten von K.26 ins Empfangsgebäude von Zittau Vorstadt gebracht worden ist, untermauert das Verantwortungsbewußtsein der SOEG, historisch wertvollste Zeugnisse der sächsischen Schmalspurbahngeschichte zu erhalten. Doch konkret dieser Kasten sollte aus musealer Sicht auch in diesem Zustand konserviert werden. Sehr gut vorstellbar ist hingegen – nach Klärung der Finanzierung – für die erhaltenen Rahmen von K.8 und K.25 zwei kurzgekuppelte Wagenkästen neu zu bauen und sie anschließend aufzuachsen. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Ein neuer Zweiachser für Lohsdorf

Beim Schwarzbachbahn e.V. nimmt der zweiachsige Gepäckwagen K2009 derzeit wieder Formen an, er verfügt bereits wieder über ein Fahrwerk. Parallel davon haben sich mehrere Mitglieder des Vereins in diesem Jahr von der genannten Veröffentlichung im Dampfbahn-Magazin 1/2012 über erhaltene Zweiachser „anstecken“ lassen. Am 12. April dieses Jahres fand daraufhin mit dem Autor des Beitrages eine „Besichtigungstour“ zu den Standorten in Chemnitz und im Erzgebirge statt. Das letzte Ziel dieses Tages war Clausnitz, ein Ort an der B171 zwischen Sayda und Rechenberg-Bienenmühle oberhalb der regelspurigen Eisenbahnstrecke Freiberg – Holzhau. Hier waren Mitglieder der IG Wagen durch den Hinweis eines Mitgliedes der IG Weißeritztalbahn e.V. Ende Januar 2001 auf den Kasten eines zweiachsigen sächsischen Personenwagens gestoßen.

Bei Beschreibung der Örtlichkeit liegt es natürlich nahe, einen vormaligen Einsatz des Wagens zwischen Mulda und Sayda zu vermuten. Dies ist auch nicht völlig ausgeschlossen, aber der älteste Hinweis auf einen Standort des Wagens geht ins RAW Chemnitz! Nach seiner Außerdienststellung wartete der Zweiachser dort Anfang der dreißiger Jahre auf eine Weiterverwertung. Wie mehrere andere Wagen der sächsischen Schmalspurbahnen weckte der kleine Aufbau das Interesse von Beschäftigten des RAW bzw. von Chemnitzer Unternehmen. Den hier beschriebenen Wagenkasten übernahm etwa 1933 eine Baufirma, die später zum Wohnungsbau-Kombinat (WBK) Karl-Marx-Stadt gehörte. 1984/85 holte ein Mitarbeiter dieses Betriebes den bis Anfang der achtziger Jahre in Glösa genutzten Aufbau für seinen privaten Hausbau nach Clausnitz. Stand der Kasten anfangs direkt an der von der damaligen Fernverkehrsstraße abzweigenden Dorfstraße, so wechselte er später auf seinen letzten Standplatz am Rande eines Feldes, wo ihn 2001 die Männer von der IG Wagen fanden.

Im Sommer 2012 trafen die Mitglieder des Schwarzbachbahnvereins die Entscheidung, diesen Aufbau zu bergen. Die Eigentümer erklärten sich mit der Abgabe einverstanden und räumten den als Lagerschuppen genutzten Wagenkasten leer. Im Oktober legten die Schwarzbachbahner den eingesunkenen Wagenrahmen frei. Am 28. November 2012 war es dann soweit: Der dreiachsige Lkw mit Ladearm der Fa. Richter aus Dresden fuhr über das Feld in die Nähe des Wagenkastens. Auf der Rückfahrt half ein Traktor nach, damit der Lkw mit seiner kostbaren Ladung gut zur Straße zurück kam.

Anschließend führte die Fahrt über Rechenberg-Bienenmühle und Frauenstein nach Schmiedeberg ins Weißeritztal. Die B170 in Richtung Dresden fahrend, kam es dabei zum Treffen mit dem Tieflader der PRESS GmbH, der seinerseits gerade die Freitaler L45H nach Obercarsdorf gebracht hatte, mit der anschließend eine Probefahrt auf dem Abschnitt nach Schmiedeberg stattfand. In der Dämmerung traf der Personenwagenkasten dann in Lohsdorf ein. Im Schutz des Güterschuppens soll der Aufbau bis auf weiteres zunächst hinterstellt bleiben. Nach Inbetriebnahme des Gepäckwagens K2009 sowie des vierachsigen Leihwagens 970-241 wollen die Eisenbahnfreunde jedoch mit seiner betriebsfähigen Aufarbeitung beginnen. Der hölzerne Aufbau kann dabei – zustandsbedingt – lediglich als Bauvorlage dienen. Der stählerne Rahmen befindet sich hingegen noch in einem unerwartet guten Zustand.

Die Identität des Wagens

Die Ausführung des Oberlichtaufsatzes sowie die Breite des Kastens einschließlich der Fenstergröße weisen sofort darauf hin, daß es sich bei dem geborgenen Wagen um einen der 102 zwischen 1890 und 1897 gebauten Zweiachser handelt, die von den K.Sächs.Sts.E.B. abhängig von ihrer Inneneinrichtung im sogenannten „Bildlichen Verzeichnis der Wagen der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen“ ab 1895 innerhalb der lfd. Nr. 731, 734 oder 747 geführt worden sind.

Obwohl in dem geborgenen Kasten eindeutig Spuren einer Zwischenwand feststellbar sind, kann es sich sowohl um einen reinen Sitzwagen 3. Klasse der lfd. Nr. 747 als auch um einen ehemals kombinierten 2./3.-Klasse-Wagen (lfd. Nr. 734) handeln. Sollte letzteres zutreffen, so besaß der Wagen im kleineren Abteil einst Polsterbestuhlung der 2. Klasse und im größeren Holzsitze der 3. Klasse.

Nach Auswertung aller Statistiken und Indizien – der Wagen verfügt über Langträger aus Doppel-T-Profilen – kann ein Wagen der lfd. Nr. 731 ausgeschlossen werden. Die Schwarzbachbahner grenzen die Identität ihres Wagens derzeit auf folgende Nummern ein: K.209 (lfd. Nr. 747) oder K.141, K.142 bzw. K.220 (jeweils lfd. Nr. 734). Bisher konnten weder am Rahmen noch am Holzaufbau Schlagzahlen oder Farbreste entdeckt werden, die einen Hinweis auf die Identität des Wagens geben könnten. Dafür stellten die Eisenbahnfreunde fest, daß an einer Bühne nachträglich eine Übergangsvorrichtung angebaut war – siehe DbM 1/2012, Seite 15 unten.

Der Autor wünscht sowohl der IG Verkehrsgeschichte als auch dem Schwarzbachbahn e.V. beim Wiederaufbau der beiden zweiachsigen Personenwagen viel Erfolg!
André Marks


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