Die Schrodaer Kreisbahn

Knapp 35 Kilometer südöstlich von Poznan (Posen) liegt das kleine Städtchen Sroda Wlkp. (gesprochen: Schroda). Damit befindet es sich heute in der Wojewodschaft Wielkopolska (abgekürzt: Wlkp.; übersetzt: Großpolen). Seit nun bald 111 Jahren ist Sroda Ausgangspunkt einer liebenswerten Schmalspurbahn, die einst Teil des umfangreichen Netzes der Schrodaer Kreisbahn war. Dieser Beitrag will deren Geschichte, Gegenwart und Zukunft näher beleuchten.

Blick in die Geschichte

Die Region um Posen gehörte nach der zweiten Teilung Polens (1793) als „Südpreußen“ erstmals kurzzeitig zu Preußen. 1807 in Napoleons „Herzogtum Warschau“ integriert, wurde sie im Rahmen des Wiener Kongresses 1815 erneut Preußen zugesprochen. Dieses verwaltete die Region bis 1919 als Provinz Posen.

Die Bauern und Unternehmer des landwirtschaftlich geprägten Umlandes der Stadt Posen hegten Ende des 19. Jahrhunderts den Wunsch nach einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation durch die Anbindung der Region an das Eisenbahnnetz. Zwar besaß die Kreisstadt Schroda seit 1875 einen Bahnhof an der Hauptstrecke Posen – Jarotschin (– Oberschlesien), die umliegenden Dörfer profitierten davon aber nur wenig und hofften auf den Bau von Nebenbahnen. In einer ähnlichen Situation befanden sich damals viele Regionen Preußens. Da aber solche Projekte für die Staatsbahn häufig nicht profitabel waren, schaffte der preußische Finanzminister mit dem „Gesetz über Kleinbahnen und Privatanschlussbahnen“ vom 28. Juli 1892 durch vereinfachte Anforderungen an Bau und Betrieb derartiger Strecken einen Anreiz für private und lokale Initiativen zur Erschließung der ländlichen Gebiete Preußens. So begann man 1898 auch im Posener Land im Auftrag der neu gegründeten kreiseigenen Schrodaer Kreisbahn zunächst mit dem Bau einer normalspurigen Kleinbahn am Ostrand Posens zwischen dem Bahnhof Glowno (der spätere Ostbahnhof) und dem Stadtteil Kobylepole (1939 bis 1945 Gutenbrunn) sowie eines Abzweigs von Malta nach Staroleka Wielka (1939 bis 1945 Luisenhain).

Von Kobylepole ließ der Kreis eine 45 km lange meterspurige Strecke nach Schroda anlegen, die anfangs in etwa fünf bis acht Kilometer Entfernung parallel zur Hauptbahn Posen – Jarotschin nach Südosten verlief, ehe sie auf den letzten Kilometern scharf nach Südwesten abbog (siehe Karte von 1944). Nicht eingezeichnet sind von der Schmalspurbahn abzweigende Anschlussgleise, auf welchen es keinen Reiseverkehr gab.

Gemeinsam mit den genannten normalspurigen Abschnitten der Kreisbahn um Kobylepole wurde die Schmalspurbahn am 23. Juni 1902 eröffnet. Am 1. Mai 1910 nahm der Kreis dann auch die heute noch vorhandene Strecke von Schroda in die Kleinstadt Santomischel (heute Zaniemysl) in Betrieb. Bei ihrem Bau erwies sich die Kreuzung der stark befahrenen Staatsbahnstrecke Posen – Kattowitz als besonderes Hindernis: Um eine schienengleiche Querung zu vermeiden, entschied man sich zum Bau eines Überführungsviaduktes. Die notwendige Höhe wurde durch aufgeschüttete lange Rampen beiderseits der Hauptbahn erreicht, die noch heute den Dampflokomotiven einiges an Kraftanstrengung abfordern.

Die einzelnen Abschnitte des Netzes wurden getrennt betrieben – durchlaufende Züge gab es nicht. Auf der regelspurigen Kleinbahn von Glowno nach Kobylepole herrschte am Wochenende reger Ausflugsverkehr, während auf den beiden Schmalspurstrecken nach Schroda und Santomischel das Zugaufkommen stets geringer war. 1914 fuhren täglich zwei Zugpaare von Kobylepole nach Schroda Stadtbahnhof und vier von dort nach Santomischel. Auf den regel- und schmalspurigen Zweigstrecken gab es ausschließlich Güterverkehr. Die Hauptaufgabe der Kreisbahn blieb immer die Abfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse und vor allem der Zuckerrübenverkehr zur noch heute existierenden Schrodaer Zuckerfabrik.

Für den Betrieb der schmalspurigen Kreisbahnstrecken standen gemäß einer Statistik im Jahr 1914 neun Dampflokomotiven, elf Personenwagen, sieben kombinierte Post-/Gepäckwagen sowie 173 Güterwagen zur Verfügung. Drei zusätzlich angeführte Spezialwagen sind nicht näher erläutert.

Der Betrieb von 1919 bis 1945

Als Polen nach 124 Jahren 1919 seine staatliche Unabhängigkeit zurückerlangte, verblieb die Kreisbahn im Besitz des Landkreises, trug nun aber die Bezeichnung Sredzka Kolej Powiatowa (polnisch für Schrodaer Kreisbahn). Bis 1928 erreichte das Schmalspurnetz mit dem Bau weiterer Stichstrecken eine Gesamtlänge von 102,8 km. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen gehörten die Strecken sogar zu den wenigen gewinnbringenden Schmalspurbahnen in Polen. In den dreißiger Jahren wertete der Landkreis das Netz mit der Anschaffung eines Triebwagens (Einrichtungswagen polnischer Produktion mit Ford-Motor) und vierachsiger Güterwagen weiter auf.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verschlechterte sich die Situation allerdings. Das Streckennetz der Kreisbahn lag nun wieder auf dem Territorium des Deutschen Reiches. Für Rüstungszwecke wurden mehrere Stichstrecken demontiert. Die regelspurigen Strecken der Kreisbahn übernahm 1942 die Stadt Posen und führte sie fortan als Bestandteil der Posener Industriebahn. Ab 1943 firmierte die Schrodaer Kreisbahn mit neun anderen Kleinbahnen in einem Zweckverband unter der Bezeichnung „Gaubahnen Wartheland“. Wie in Ostpreußen, Pommern und anderen damals zum Deutschen Reich gehörenden Regionen erhoffte man sich durch eine gemeinsame Betriebsführung einen deutlichen Rationalisierungseffekt.

Im „Amtlichen Taschenfahrplan für den Reichsgau Wartheland, gültig vom 3. Juli 1944 an“, herausgegeben von der Reichsbahndirektion (RBD) Posen, ist die meterspurige Strecke Gutenbrunn – Schroda – Santomischel unter der Kursbuchnummer 130z enthalten. Ein Hinweis gibt an: „Schrodaer Eisenbahn, Schmalspurbahn“. Enthält der Fahrplan zwischen Gutenbrunn und Schroda Stadt täglich zwei Zugpaare 2. und 3. Klasse, so sind für den Abschnitt von Schroda nach Santomischel täglich drei Zugpaare enthalten, samstäglich um ein weiteres Paar in den Nachmittagsstunden ergänzt.

Die Kleinbahn in PKP-Eigentum

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlimmerte sich die Lage weiter: Zwar blieb die Nachfrage sehr hoch, so dass man sogar über eine Streckenverlängerung vom nun wieder Zaniemysl genannten Santomischel nach Srem (dt. Schrimm) nachdachte, doch der überbeanspruchte und teilweise veraltete Fahrzeugpark war diesen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Zum 1. Juni 1949 übernahm die polnische Staatsbahn PKP das Vermögen der Kleinbahn. Mit dem Übergang auf diesen Staatsbetrieb gingen umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen einher: Um Betrieb und Fahrzeugpark der ehemaligen Kreisbahnen zu vereinheitlichen, ließen die PKP einen Großteil der Schmalspurbahnen auf 750 mm umspuren. Nach Abschluss dieser Arbeiten gelangten 1954 vier fabrikneue Dampflokomotiven der Baureihe Px48 sowie Personenwagen der Bauart 1Aw sowie 3Aw nach Sroda.

Im ländlichen Nachkriegspolen hatte die Bahn enorme Transportaufgaben zu bewältigen. Erst der allmähliche wirtschaftliche Aufschwung und der einsetzende Individualverkehr raubten der Bahn ihre Existenzgrundlage: In den 1960er Jahren wurden erste Stichstrecken stillgelegt und der Personenverkehr zwischen Kobylepole und Sroda musste im Sommer 1968 aufgegeben werden. Das endgültige Aus für diese Strecke kam mit dem schrittweisen Rückbau zwischen 1976 und 1978.

Seitdem findet ein Fahrbetrieb nur noch zwischen Sroda Miasto und Zaniemysl statt. Auch dort befand sich der Verkehr bald im Niedergang. Um 1990 beabsichtigten die PKP, die Bahn perspektivisch gänzlich einzustellen, weshalb es hier zu keinerlei Modernisierung des Fahrzeugparks kam. Bis ins Jahr 2000 gehörten auf der Reststrecke Dampfzüge zum täglichen Alltag. Damit war sie die letzte Schmalspurbahn der PKP mit planmäßigem Dampfbetrieb! Ab 2000 wurde ein rumänischer Triebwagen der Baureihe MBxd2 eingesetzt, bevor 2001 der Fahrbetrieb schließlich ganz eingestellt wurde.

Wieder in Kreiseigentum

Im Jahr 2001 beschlossen die PKP, sich ausnahmslos von ihren Schmalspurbahnen zu trennen. Das bedeutete entweder die Übernahme durch den betreffenden Landkreis oder die komplette Stilllegung. Der Landkreis Sroda erklärte sich zur erneuten Übernahme der Eisenbahn bereit. Der Übergabeprozess war langwierig und erst 2010 vollständig abgeschlossen. Seit Februar 2011 trägt die Bahn wieder ihren alten Namen „Sredzka Kolej Powiatowa“. Der Fahrbetrieb findet derzeit nur von Mai bis September an Sonntagen sowie auf Bestellung statt. Seit Beginn der Rückübertragung im Jahre 2002 stellte sich immer wieder die Frage, in welchem Umfang der Fahrbetrieb stattfinden soll. Die Vorstellungen reichten hier von einem Schmalspurbahnmuseum auf dem Gelände des Bahnhofes Sroda Miasto mit ca. 500 m Fahrgleis bis zum Regelspurbahnhof Sroda Wlkp. (was eine Stilllegung der restlichen 13,5 km zur Folge hätte) bis hin zu einem Wochenendplanbetrieb auf der gesamten Strecke nach Zaniemysl.

Mit einem umfangreichen, von Modernisierungsmaßnahmen weitestgehend verschont gebliebenem Fahrzeugpark und einer ebensolchen Infrastruktur lässt sich noch heute bei Sonderfahrten das Flair einer polnischen Schmalspurbahn der Nachkriegszeit stilecht erlebbar machen. Hier präsentiert sich dem Besucher ein technisches Kulturdenkmal, das in aktiven Jahren die Landschaft und das wirtschaftliche Geschehen dieses Landkreises nachhaltig geprägt hat. Nach Meinung von Freunden der Schmalspurbahn gilt es dieses „unbedingt in seiner Gänze zu erhalten“. Dabei könne auch das touristische Potenzial hilfreich sein, liegt doch der Zielbahnhof Zaniemysl in einer ausgedehnten Wald- und Seenlandschaft, die auch für Wanderer, Radfahrer und „Nicht-Eisenbahnfreunde“ attraktiv ist.

Der im Jahr 2007 zum Erhalt und Weiterbetrieb der Schmalspurbahn gegründete Freundeskreis und Interessenverband Towarzystwo Przyjaciól Kolejki Sredzkiej „Bana“ hat es sich zum Ziel gesetzt, dieses Potenzial zu nutzen. Das im Vereinsnamen auftauchende Wort „Bana“ ist übrigens die in Großpolen übliche Bezeichnung für Eisenbahn bzw. einen Zug, obwohl das Hochpolnische dafür die Worte „kolej“ bzw. „pociag“ vorsieht. Die lange Zugehörigkeit dieses Gebiets zu Preußen hat also auch in der Sprache seiner Bewohner deutliche Spuren hinterlassen.

Hauptziele der Vereinstätigkeit sind der Erhalt der Schmalspurbahn in ihrer gesamten Länge bis Zaniemysl, der Erhalt des Dampfbetriebes und des historischen Wagenparks sowie die Bewahrung des historischen Erscheinungsbildes der Strecke. So werden regelmäßig Sonderfahrten, Bahnhofsfeste und Werbeveranstaltungen entlang der Bahn durchgeführt, aber auch die Ausrichtung spezieller Eisenbahnveranstaltungen kann beim Verein bestellt werden.

Fotofahrten nach Zaniemysl

Erwähnt werden soll hier die am 20. Oktober 2012 vom Verein organisierte Sonderfahrt für Eisenbahn(Foto-)freunde. Bei herrlichem Herbstwetter wurden den Fotografen zwischen Sroda Wlkp. und Zaniemysl insgesamt 16 Fotohalte an reizvollen Stellen geboten. Dabei kamen auch die jüngst ins traditionelle PKP-Olivgrün umlackierten Personenwagen zum Einsatz. Zusammen mit einer Reihe aufgearbeiteter Güterwagen dokumentieren sie das Bestreben des Vereins nach Authentizität der Schmalspurbahn.

Wichtiges Vereinsziel ist es aber auch, die Öffentlichkeit auf die Problematik des Fortbestandes der Bahn aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck wurde unlängst eine Unterschriftenaktion gestartet. Grund dieses Bittschreibens war die Absicht der Stadtväter, den unweit von Sroda Wlkp. gelegenen Bahnübergang über die dortige Landesstraße bei deren Ausbau und Modernisierung zu überteeren. Damit wäre das endgültige „Aus“ der Schmalspurbahn besiegelt gewesen. Mit weit mehr als 8000 gesammelten Unterschriften gelang es, ein Umdenken sowohl beim dortigen Bürgermeister als auch beim Landrat zu bewirken. Ein großes Vorhaben ist die für Ende 2013 anstehende Hauptuntersuchung der einzigen betriebsfähigen Dampflok der Schmalspurbahn: Px48-1756 (Fristablauf November 2013).

Aktivitäten 2013

Im Rahmen einer Vereinspartnerschaft wird in allernächster Zukunft vom Interessenverband Zittauer Schmalspurbahnen e.V. ein separates Spendenkonto mit entsprechendem Kennwort eingerichtet werden, auf das alle Interessierten bequem Spenden und Zuwendungen überweisen können, da es sich um ein Euro-Konto auf deutscher Seite handelt. Alle Umrechnungs- und Überweisungsgebühren für eine Auslandsanweisung entfallen dadurch. Die Veranstaltungen in Sroda für 2013 sind schon über die Internetpräsenz des Vereins unter www.ciuchcia-sroda.pl nachzulesen. Diese Seite soll in Zukunft auch deutschsprachig abrufbar sein. Soviel sei verraten: Eisenbahn(Foto-)freunde werden dabei keinesfalls zu kurz kommen.

Der Mitautor dieses Textes, Björn Bollmann aus Polen, würde sich freuen, wenn die Leser des Preß´-Kuriers diesen Artikel als Anlass nehmen, die Schmalspurbahn in Sroda einmal selbst zu besuchen. Er garantiert, dass deutsche Besucher in ein gastfreundliches Land reisen und eine Region mit ihrer Eisenbahn kennen lernen, die Geschichte atmet.
Sebastian Günther/Björn Bollmann/AM


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