Dreiachsige Güterwagen in Sachsen

Am 1. Mai 2013 trafen sich in Mügeln elf Freunde der IG Wagen, um ein Fahrzeugunikat vor einer möglichen Verschrottung zu bewahren. Es handelt sich um einen dreiachsigen gedeckten Güterwagen, dessen Existenz den meisten Freunden der Döllnitzbahn bisher völlig unbekannt war. Obwohl sich dieser Dreiachser bereits knapp 70 Jahre in Mügeln befindet, ist er kaum aufgefallen. Aber was ist über den Wagen mit der eigentümlichen Nummer Kd1 447 bekannt?

Im Zweiten Weltkrieg kamen aus den besetzten Ländern Osteuropas mehrere von den dortigen Eisenbahnen stammende Fahrzeuge nach Deutschland. Unter ihnen befanden sich z.B. die beiden Anfang der 1940er Jahre ins Reichsbahnschema eingereihten Dampflokomotiven 99 2541 (ex PKP 3003, ex k.u.k.St.E. U.18, C1´n2t, Krauss Linz 3654/1897, zerlegt 1947) und 99 2563 (ex PKP D8-1690, ex MÁV 490-956, Dn2t, MÁVAG 4275/1916, 1955 im Stahlwerk Gröditz verschrottet). Sie gelangten 1944 vom Bw Neu Zagorz nach Mügeln. Zuvor waren sie auf der 760-mm-Strecke Neu Lupków – Cisna genutzt worden, welche bis 1918/19 im zu Österreich-Ungarn gehörenden Galizien lag. In Polen der Zwischenkriegszeit führten zeitweise die örtliche Forstverwaltung, später die Polnischen Staatsbahnen (PKP) den dortigen Betrieb.

Von 1939 bis 1944 stand die Region als Teil des Generalgouvernements unter deutscher Verwaltung, den Eisenbahnbetrieb leitete die Ostbahndirektion Krakau. Neben den beiden Dampflokomotiven gelangten vermutlich ebenfalls von der Strecke Neu Lupków – Cisna auch zwei dreiachsige gedeckte Güterwagen 1944 nach Mügeln.
Folgende Daten sind von ihnen bekannt:

  • Kd1 447, Hersteller Danubius Budapest 1907, in Mügeln Bahnhofswagen 1
  • Kd1 457, Hersteller Wegmann Kassel 1909, Fabrik-Nr. 18021, in Mügeln Bahnhofswagen 2

Beide Wagen waren fast baugleich. Aufgrund ihrer Spurweite von 760 mm sowie abweichenden Zug- und Stoßvorrichtungen waren sie im Mügelner Netz nicht einsetzbar. Der in Kassel gebaute Dreiachser stand deshalb vermutlich stets hinter dem Stellwerk 2 in Mügeln, 1975/76 wurde er dort an Ort und Stelle zerlegt. Unbekannt ist, wann der ehemalige Bahnhofswagen Nr. 1 neben dem Empfangsgebäude aufgestellt worden ist. Auf Aufnahmen aus den frühen 1960er Jahren ist er dort bereits als Schuppen zu sehen. Da sein Fahrwerk in den Boden eingesunken war, glaubten viele Eisenbahnfreunde, vor einem Wagenkasten ohne Radsätzen zu stehen … Aufgrund seiner Breite wurde der Aufbau später viele Jahrzehnte als Regelspurwagenkasten gedeutet und von vielen Eisenbahnfreunden in die Rubrik „uninteressant“ eingeordnet und damit nicht weiter beachtetet. Bei einer Untersuchung des Aufbaus durch Freunde der IG Wagen wurden im Jahr 2006 die Fabrikschilder „Danubius Budapest 1907“ gefunden.

Demnach war der Wagen ursprünglich im bosnischen Netz gelaufen. Wann er nach Galizien gekommen ist, haben die Freunde der IG Wagen bisher nicht ermitteln können. Im Jahre 2008 stellte ein Leipziger Wagenfreund fest, dass es sich bei dem „Schuppen“ neben dem Empfangsgebäude um einen kompletten Wagen mit drei Radsätzen handelt. Da die Fläche um das Empfangsgebäude n och in diesem Jahr von der Stadt Mügeln neu gestaltet wird, bestand nun Handlungsbedarf und am 1. Mai fand die Bergung des Unikates statt. Dazu musste zunächst das Fahrwerk ausgegraben werden, wobei die Freunde der IG Wagen bemerkten, dass bei einem Radsatz das Achslager samt Federpaket fehlt. Mit Hilfe von Winden und Schwellen hoben die Eisenbahnfreunde den Dreiachser anschließend an, bauten ein Behelfsgleis unter und bugsierten ihn zum Gleis der Döllnitzbahn. Von dort hob ein Lkw-Ladearm den Wagen am 15. Mai auf das vierachsige Rollfahrzeug 97-02-46, auf welchem zuvor ein Gleisjoch verlegt worden war. Mit seinem ungewöhnlichen Ladegut steht das Rf4 nun im Bereich des Mügelner Lokschuppens auf Gleis 13.

Was wird mit dem Dreiachser? Da der Wagenrahmen starke Korrosionsschäden und das Fahrwerk unverändert eine Spurweite von 760 mm aufweist, ist an eine betriebsfähige Aufarbeitung nicht zu denken. Stattdessen wird an eine behutsame Restaurierung des Wagens als Ausstellungsstück gedacht. Dabei gilt es zu beachten, dass der Förderverein „Wilder Robert“ e. V. seinen Arbeitsschwerpunkt auf die Unterstützung der Döllnitzbahn beim Betrieb der Dampflokomotiven gelegt hat. Parallel arbeiten die Vereinsmitglieder zwar auch an verschiedenen sächsischen Wagen – aber für die Aufarbeitung des Unikats aus Polen bzw. Bosnien dürften mittelfristig wenig Zeit und Finanzen zur Verfügung stehen. Mitstreiter der IG Wagen wollen dem Verein jedoch dabei helfen, den Kd1 447 zu erhalten. Wer an diesem Ziel mitwirken möchte, kann sich beim Förderverein in Mügeln melden. Denn der ideelle Wert des Güterwagens ist unbestritten: Es handelt sich um den einzigen dreiachsigen Schmalspurwagen in Sachsen und neben dem in Hainsberg als Denkmal aufgestellten vierachsigen Wasserwagen 97-09-53 (ex Riga) ist er das einzige erhaltene schmalspurige „Fremdfahrzeug“ in Sachsen.
Joachim Schulz/André Mark


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