Besondere Herausforderungen beim Lokomotivtransport

Das Straßentransportteam der EBB Pressnitztalbahn mbH hat seit dem Jahr 2000 bereits zahlreiche anspruchsvolle Transporte ausgeführt. Die meisten davon blieben dem Blick der Öffentlichkeit verborgen, kann doch bei komplexen Verlade- und Transportaufgaben selten auf die Zaungäste Rücksicht genommen werden. Meist „rollen“ diese Transporte nachts. Gleichzeitig haben Straßentransporte von Eisenbahnfahrzeugen längst ihren spektakulären Charakter verloren, gehört es heute doch eher zum Alltag, dass die Schienenfahrzeughersteller Straßen- und Stadtbahnwagen oder Lokomotiven quer durch Europa auf den Straßen fahren lassen. Besondere Herausforderungen sind für die Logistiker daher weniger die reine Transportdurchführung, sondern mehr die möglichen Behinderungen und unerwarteten Komplikationen unterwegs.

Ende April hatte die PRESS wieder eine derartige Aufgabe zu lösen, die einmal mehr unter Beweis stellte, dass zu einer erfolgreichen Umsetzung nicht nur die Technik, sondern auch Erfahrung und Kreativität aller Beteiligten nötig ist. Nach mehrjähriger geschützter Abstellung und schrittweiser Aufarbeitung im schweizerischen Huttwil hatte die Stadt Blumberg nach dem Tod des vorherigen Eigentümers die ehemalige Lok 262 der Frankfurt-Königsteiner Eisenbahn (FKE) erworben. Mit ihr will die Stadt als Eigentümer der „Sauschwänzlebahn“ zusätzlich zum Verein Wutachtalbahn (WTB) einen erweiterten Betrieb anbieten.

Am 16. Februar sollte die Überführung der Lok über die Schiene ins thüringische Dampflokwerk Meiningen erfolgen. Soweit es die offensichtliche Beurteilung zuließ, hatte der vormalige Eigentümer der Lok die Aufarbeitung aller wesentlichen Teile bereits sehr weit geführt, die Arbeiten in Meiningen sollen der Vervollständigung der Lok sowie der Herstellung der Betriebsfähigkeit dienen. Doch bereits nach einigen Kilometern auf der Strecke kam es zu einem Achslagerschaden, der eine weitere Überführung ausschloss. Mühsam wurde das Fahrzeug zur gesicherten Abstellung nach Hinwill geschleppt. Dort „gestrandet“, blieben nun nur zwei Möglichkeiten, die Lok doch noch nach Meiningen zu bekommen: eine komplette Aufarbeitung des Fahrwerkes vor Ort oder ein Transport über die Straße.

Der Eigentümer der Lok entschied sich für den Straßentransport, nach einem Vergleich der Angebote verschiedener Wettbewerber wurde die EBB Pressnitztalbahn mbH mit der Komplettleistung beauftragt. Die Lok musste nun vor Ort auf den Transport vorbereitet werden, d. h. zahlreiche Anbauteile mussten demontiert und das Fahrwerk der Lok tiefer gelegt werden, um trotz Einsatz eines Spezialtiefladers die maximale Umgrenzungshöhe für die Durchfahrt durch Brücken und Tunnel in der Schweiz zu erreichen. Zwei Großkräne verluden die Lok am 24. April; mit den Transportabmessungen von 39 m Länge, 3 m Breite und 4,45 m Höhe sowie 140 t Gesamtgewicht sollte der Transport noch vor unerwarteten Problemen im Laufe der Transportdurchführung stehen. Über die Autobahnen war der Loktransport dann ohne weitere nennenswerte Beeinträchtigungen zwei Nächte bis in den Freistaat Thüringen unterwegs. Die Hoffnung, am Freitag, dem 26. April, den Transport im Dampflokwerk Meiningen mit der Entladung der Lok beenden zu können, zerschlug sich jedoch am Freitagmorgen.

Unter Polizeibegleitung der Kantonspolizei sowie der deutschen Landespolizei ab der Grenzübergangsstelle wurden auch zahlreiche Kreisverkehre passiert, an denen manch „normaler Sattelzug“ schon scheitert. Der Rückbau von Verkehrsschildern und anderen Hindernissen wurde da schon fast zur Routine, so oft war das notwendig. Bei der einzigen, für Schwerlasttransporte nutzbaren Anfahrt nach Meiningen hinein erwies sich die Zufahrt ins DLW trotz anderweitiger Einschätzung der den Tieflader stellenden Spedition als unpassierbar. Obwohl alle Kunstkniffe durch die Fahrzeugbesatzung angewandt wurden, ließen der Kurvenradius und die Bebauung keine Einfahrt ins Werk zu. Während bereits alternative Ablademöglichkeiten im Umfeld von Meiningen mit einer Zuführung der Lok auf der Schiene über die letzte Meile (mit den damit verbundenen unverhältnismäßigen Mehraufwendungen für Schwerlastkräne, Herstellung der Lauffähigkeit und Überführung per Schiene) abgewogen wurden, standen auch alle anderen Optionen unter Prüfung. Nach nochmaliger Vor-Ort-Besichtigung und Absprache aller Alternativen am Freitagabend wurde mit dem Werkleiter des DLW und dem Transportleiter vereinbart, die alte Werkseinfahrt durch den seit Jahren stillgelegten Werkteil für den Schwerlastverkehr entsprechend provisorisch zu ertüchtigen.

So wurde dann am Sonnabend und Montag mit umfangreichen Rückbauarbeiten in der alten Zufahrt des Dampflokwerkes begonnen. Zäune wurden entfernt, Stützmauern abgebrochen, Bäume ihrer Äste beraubt, Stahlplatten über Schächte und Gruben verlegt, die Fahrspur mit Schotter und Split verfestigt und … die ständigen Bedenken derjenigen, die immer alles besser wissen (dass diese Einfahrt über diese Strecke nie zu schaffen sei), erfolgreich ignoriert. Wesentliche Unterstützung gab es dabei vom Werkleiter des Dampflokwerkes, Jürgen Eichhorn, der pragmatisch und konstruktiv die notwendigen Aktivitäten unterstützte.

Am Dienstag, dem 30. April, begann gegen 10 Uhr die Operation „Hintereingang“, der Schwerlaster musste mit halbstündiger Sperrung der Bundesstraße durch die Polizei im rechten Winkel zur Straße die sehr enge Einfahrt des Werkes passieren. Auch hier musste um jeden Zentimeter gekämpft und weitere, die Fahrt störende Hindernisse beseitigt werden. Als endlich die Einfahrt des DLW passiert wurde, war zwar die Bundesstraße wieder frei, aber der Anstieg für die 600 PS der Zugmaschine zu steil, ein Vorspanndienst musste organisiert werden. Nun setzte auch noch Regen ein. Mehr als fünf Stunden dauerte es letztendlich, die letzten 600 Meter der Wegstrecke von der Schweiz ins Dampflokwerk zurückzulegen. Die ganze Wucht der Erfahrung mit derartigen Situationen sowie Kreativität bei der Suche nach Lösungen mussten aufgewandt werden, um den in diesen Ausmaßen auch für das Dampflokwerk bisher einmaligen Transport erfolgreich abzuschließen.

Den Rückweg in die neue Heimat zur Sauschwänzlebahn wird die Lok über die Gleise antreten, wofür ihr schon mal viel Glück für ihr neues Einsatzfeld zu wünschen ist.
Jörg Müller/Jens Weber


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