Die Selketalbahn vor 30 Jahren
erster planmäßiger Kohlezug von Nordhausen nach Silberhütte

Am 12. Februar 1984 fuhr der erste planmäßige Zug mit Braunkohle von Nordhausen zum neuen Heizkraftwerk in Silberhütte. Dieses Ereignis wurde damals nur von wenigen Menschen wahrgenommen, für die Entwicklung der Selketalbahn war es aber ein wichtiges Ereignis.

Ein Blick in die Geschichte der Selketalbahn

Von 1887 bis 1905 baute die Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn-Gesellschaft (GHE) ihr meterspuriges Streckennetz von Gernrode (Harz) bis Eisfelder Talmühle aus. Dieses Schmalspurnetz wurde als „Anhaltische Harzbahn“ bezeichnet. Im Volksmund entstand der Name „Selketalbahn“. Einen Anlass, einen Kohlezug von Nordhausen nach Silberhütte zu fahren, gab es in den folgenden vier Jahrzehnten nicht. Zumindest gibt es keinerlei Hinweise, dass es bis 1945 solche Leistungen gegeben haben könnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Strecken der GHE auf Beschluss der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) in Berlin von April bis August 1946 demontiert. Schienen, Kleineisen, Lokomotiven und Wagen gelangten bis auf wenige Ausnahmen als Reparationsgut in die Sowjetunion. Von der Demontage ausgenommen war der Abschnitt Hasselfelde – Stiege – Eisfelder Talmühle. Die Betriebsführung auf dem Reststück der Selketalbahn übernahm die Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft (NWE).

Die 1,5 Kilometer lange Anschlussbahn des Herzogschachtes bei Straßberg wurde 1946 ebenfalls nicht demontiert, da das Gleis dem Flussspat fördernden Werk gehörte. Ohne Verbindung der Anschlussbahn an die Selketalbahn gestaltete sich der Transport des geförderten Flussspates angesichts des Mangels an Lkw und Kraftstoff in der Nachkriegszeit sehr schwierig. Die Sowjetunion war der größte Abnehmer des Minerals, es dient bei der Uranerzeugung als Flussmittel. Deshalb erließ eine andere Stelle der SMAD den Beschluss, die Selketalbahn wieder aufzubauen. Im Oktober 1946 wurde an der Anschlussstelle Herzogschacht in Richtung Gernrode mit dem Wiederaufbau begonnen. 1947 begann ein zweiter Bautrupp ab Gernrode mit dem Gleisverlegen. Das Beschaffen von Schienen war kompliziert. Deshalb gingen die Arbeiten nur langsam voran. Im Frühjahr 1949 trafen sich die zwei Bautrupps in der Nähe des Haltepunkts Drahtzug. Im Mai wurden der reguläre Güterverkehr und der Personenverkehr zwischen Gernrode und Lindenberg (1952 nach Straßberg eingemeindet) aufgenommen. Im Juli 1950 hat die Deutsche Reichsbahn die Stichstrecke Alexisbad – Harzgerode wieder in Betrieb genommen. Aus finanziellen und wirtschaftlichen Gründen wurde der Wiederaufbau des Abschnitts Anschlussstelle Herzogschacht – Stiege nicht weiter verfolgt. Deshalb bestand 35 Jahre lang eine Lücke im Netz der Selketalbahn.

Das Heizkraftwerk braucht Kohle!

Für den VEB Pyrotechnische Fabrik Silberhütte wurde Anfang der 1980er Jahre im Selketal ein neues Heizkraftwerk gebaut. Aufgrund der Ölkrise arbeitete das Werk auf Basis von Braunkohle. Bereits bei den Planungen für das Werk sah man die Anlieferung der Kohle per Bahn vor. Daraus resultierte der Beschluss der Reichsbahn, den Abschnitt Straßberg – Stiege ebenfalls wieder aufzubauen. Nach den ab 1981 durchgeführten Vorarbeiten (Freischneiden, Herstellen des Planums und des Schotterbetts) begann man im Juli 1983 von Stiege und von Straßberg aus mit dem Verlegen der Gleise. Am 29. Oktober 1983 erfolgte an der Selkebrücke beim ehemaligen Anschluss Herzogschacht der Lückenschluss, der am 30. November 1983 gefeiert wurde. Zwischen Stiege und Straßberg fuhr aus diesem Anlass Malletlok 99 5903 mit einem Sonderzug.

Da in den Gleisbögen noch die Zwangsschienen ergänzt, die Antriebe der Rückfallweichen eingebaut und andere Arbeiten erledigt werden mussten, konnte aber erst am 12. Februar 1984 der erste planmäßige Kohlezug fahren. Dabei musste Lok 99 7234 in Stiege umsetzen, denn die Wendeschleife in Stiege wurde erst am 10. Mai 1984 fertiggestellt.
Klaus Gottschling


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