Gedenkveranstaltung zum Betriebsende vor 30 Jahren nach Jöhstadt

Am Abend des 13. Januar 1984 verkehrte der letzte öffentliche Reisezug von Wolkenstein nach Jöhstadt. Als Leerreisezug (Lrz) 14281 verließ er in den Nachtstunden des anschließenden Tages um 2.29 Uhr den Bahnhof Jöhstadt. Bis zum 30. November 1984 hielt die Deutsche Reichsbahn den Reiseverkehr zwischen Wolkenstein und Niederschmiedeberg aufrecht, danach blieb lediglich der Güterverkehr auf dem unteren Streckenteil noch für knapp zwei Jahre erhalten.

Überlegungen, zwischen Steinbach und Jöhstadt schon zu DDR-Zeiten einen „Traditionsbetrieb“ einzurichten, scheiterten nicht nur an der Finanzierungsfrage. Es gab bei den Verantwortlichen der Reichsbahn in Dresden und Berlin auch kein Interesse, die Erneuerung des maroden Oberbaus zu bezahlen – und auf Experimente mit unentgeltlich arbeitenden Eisenbahnfreunden wollte man sich im Preßnitztal nicht einlassen. Außerdem bestand sowohl an den Lokomotiven als auch Wagen auf anderen sächsischen Schmalspurbahnstrecken noch Bedarf. Mit den saugluftgebremsten Rollfahrzeugen aus Wolkenstein konnte beispielsweise 1987 der Betrieb mit Heberleinbremse zwischen Oschatz und Kemmlitz beendet werden. In der Zeit der Mangelwirtschaft war die Einstellung der Preßnitztalbahn somit für andere Strecken ein Garant zum Weiterbetrieb.

Die Enttäuschung der Eisenbahnfreunde und vieler Wolkensteiner Eisenbahner über die Stilllegung der Strecke nach Jöhstadt im Jahr 1984 linderte das Wissen, dass die Fahrzeuge auf anderen Linien weitergenutzt würden, kaum. Für sie war das Aus für dem oberen Abschnitt der Preßnitztalbahn ein Grund zur Trauer.

Entsprechend ist der 13. Januar 1984 bis heute ein für die IG Preßnitztalbahn e.V. wichtiges Datum, dem der Verein regelmäßig gedenkt. Nachdem er bereits vor fünf Jahren dem 25. Jahrestag der Stilllegung gedachte, fand am 13. Januar 2014 nun eine Veranstaltung „30 Jahre Stilllegung Niederschmiedeberg – Jöhstadt“ statt.

Nach der Ankündigung im Preß´-Kurier und auf der Website des Vereins reisten ca. 40 Eisenbahnfreunde und ehemalige Eisenbahner der Preßnitztalbahn am Montagabend an und trafen sich gegen 19.30 Uhr am Bahnhof Steinbach. Hier stellte der Verein einen aus 99 1568-7, dem Gepäckwagen 974-331, dem modernisierten Sitzwagen 970-576, dem Traglastenwagen 970-628 und dem Buffetwagen 970-507 gebildeten Sonderzug bereit. Neben der IV K war ein Teil dieser Wagen bereits exakt 30 Jahre zuvor um diese Uhrzeit nach Steinbach gekommen – damals aber natürlich noch aus Wolkenstein, woran am 13. Januar 2014 eine Scheineinfahrt erinnerte.

Im Fahrplan von 1984

Am Bahnsteig stiegen die Fahrgäste zu – dann startete der Zug 19.48 Uhr exakt im Fahrplan von 1984 als P14297 nach Jöhstadt. In den teils bullig warm geheizten Wagen entwickelten sich rasch die unterschiedlichsten Gespräche. Während ältere Eisenbahnfreunde von ihren Erinnerungen an die Fahrt vor 30 Jahren berichteten, lauschten die jüngeren Teilnehmer andächtig den Erzählungen. Die nach 1990 von den Mitgliedern der IG Preßnitztalbahn e.V. errichteten Haltepunkte Wildbach, Andreas-Gegentrum-Stolln, Forellenhof und Loreleifelsen ignorierte der Sonderzug am 13. Januar, an sie hatte man 1984 noch nicht einmal im Traum gedacht. Für regelmäßige Besucher der Museumsbahn war es ungewohnt, zwischen Steinbach und Jöhstadt nur in Schmalzgrube und Schlössel zu halten. Das verstärkte das Gefühl, an einer ganz besonderen Fahrt teilzunehmen.

Nach der Ankunft des Zuges 20.22 Uhr in Jöhstadt fuhr ein Sonderbus auf der Ladestraße vor. Er brachte die Teilnehmer ins Gasthaus Brettmühle nach Königswalde. Hier begrüßte der Eisenbahnfotograf Karl Wolf die Gäste. Nach der offiziellen Eröffnung der Abendveranstaltung durch den Vereinsvorsitzenden Mario Böhme legte sich „Karli“ Wolf mächtig ins Zeug: In der ihm eigenen sympathischen Art und Weise führte er die Zuhörer ins Jahr 1984 zurück, als Hobbyeisenbahner noch mit Mopeds und Trabis ins Preßnitztal strömten, um von „ihrer“ Bahn so viele Szenen wie möglich im Bild festzuhalten. Dazu reichte Karl Wolf nicht nur seine damaligen Fotoapparate, sondern auch seine 8-mm-Filmkamera durchs Publikum.

Die von ihm ausgestellten Tafeln mit Aufnahmen vom 13. Januar 1984 sowie private Fotoalben aus den 1980er Jahren fesselten während der nächsten Stunden ebenfalls das Interesse der Anwesenden, die von der Küche der Brettmühle mit einem Drei-Gänge-Menü verwöhnt wurden. Anschließende Dia- und Film-Vorführungen sorgten ebenfalls für Begeisterung.

Gespräche über Hintergründe

In den Gesprächen mit den Eisenbahnfreunden erinnerten die anwesenden Eisenbahner von damals an die schwierige Situation im Preßnitztal zu Anfang der 1980er Jahre: Die Generaldirektion der DR in Berlin war bestrebt, auf der Schmalspurbahn nach Jöhstadt den Verkehrsträgerwechsel durchzuführen, die Leitung der Rbd Dresden unterstützte das Vorhaben. Auf den Ebenen darunter gab es hingegen viele Eisenbahner, die sich für den Erhalt und Fortbetrieb der Strecke einsetzten – gegen die Anweisungen „von oben“. Vor Ort war bereits 1982 der Abschnitt von Niederschmiedeberg nach Jöhstadt aufgrund eklatanter Oberbaumängel für den Güterverkehr gesperrt worden.

Wenn also 1983 Oberbauerneuerungen vom Jöhstädter Empfangsgebäude in Richtung Feuerlöschgerätewerk ins Auge gefasst worden waren, dann von Eisenbahnern der Strecke vor Ort, die damit auf die Rbd und Generaldirektion Druck ausüben wollten, die Strecke zu erhalten. Mit einer Wiederaufnahme des Güterverkehrs ins Feuerlöschgerätewerk nach Jöhstadt wäre zum VEB dkk in Niederschmiedeberg ein weiterer wichtiger Gütergroßkunde (zurück-)gekommen. Doch dafür hätten ebenfalls Gleisabschnitte zwischen Jöhstadt und Niederschmiedeberg erneuert werden müssen – sowie weitere nach Wolkenstein. Allerdings waren 1984/85, aber auch auf längere Sicht seitens der DR und DDR-Wirtschaft weder Geld noch „Kapazitäten“ (Arbeitskräfte und Material) vorhanden. Es fehlte an allen Ecken und Kanten – der Staat war am Ende, selbst die heute glorifizierten sozialen Leistungen konnten darüber nicht hinwegtäuschen. Neben solchen nachdenklichen Gesprächen tauschten die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung aber auch schöne Erinnerungen und so manches Bild untereinander aus.

Gegen ein Uhr morgens brachte der Bus die Gäste nach Jöhstadt zurück. Ein feiner Nieselregen ließ dort nur wenige Fotografen zu ihren Kameras greifen. Wiederum exakt im Fahrplan von 1984 verließ der Sonderzug 2.29 Uhr als P14281 die Bergstadt in Richtung Wolkenstein. Während er vor 30 Jahren als Leerreisezug verkehrte, brachte er in diesem Jahr die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung nach Steinbach (Ankunft 3.06 Uhr) – und fuhr 3.30 Uhr nach Jöhstadt zurück (Ankunft 4.01 Uhr). Zuvor nutzten mehrere Fotografen in Steinbach die Gelegenheit für letzte Nachtaufnahmen, war dem Zug doch inzwischen auch noch der GGw 97-12-53 beigestellt worden. Wie vermutlich die Eisenbahner vor 30 Jahren auch, fiel ein Großteil der Teilnehmer danach in einen unruhigen und viel zu kurzen Schlaf …
André Marks


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