Erinnerungen an die Dresdner Verkehrsfreunde in der schweren Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Zeit voller Not, Hunger und Entbehrungen, fanden sich bereits um 1946/47 verschiedene Dresdner Verkehrsfreunde zusammen, um gemeinsam ihrem Hobby zu frönen. Bei ihren unregelmäßigen Treffen tauschten sie sich über die Neuigkeiten von Eisen- und Straßenbahnen sowie Bussen aus. Das war in dieser Zeit, als es kaum genügend zu essen gab, geschweige denn Fotomaterial – ein Fanal. Die Verkehrsfreunde wollten mit ihrer Hobbytätigkeit wohl auch zeigen, dass es in der damaligen Situation wieder aufwärts ging und dass eine gewisse Besserung der Verhältnisse eingetreten war.

Die einzige Plattform für die Enthusiasten war in dieser Zeit „Der Sammler-Brief“, eine „Zeitschrift“, die der Essener Günter Stetza bearbeitete und die bis zur Währungsreform 1948 noch gesamtdeutsch zu beziehen war. Diese Zeitschrift – oder besser gesagt, die paar zusammengefassten Blätter schlechten Papieres – wurde 1946 erstmals veröffentlicht. Sie war das „Internet“ der Nachkriegszeit. In diesem heute primitiv anmutenden Blättchen war ein gesamtdeutscher Erfahrungs- und Gedankenaustausch zu den Themen Eisenbahn, Nahverkehr und Fahrkarten im In- und Ausland möglich. Der Inhalt der losen Blätter war von Anfang an hauptsächlich auf die drei Westzonen ausgerichtet. Kein Wunder, denn die meisten „Fans“ (man sprach damals noch von „Verkehrsamateuren“) lebten zu dieser Zeit in den Westzonen.

Der Sammler-Brief Nr. 32 vom 1. Juli 1947 enthielt u. a. Artikel zum Thema „Technik und Verkehr“, über Verkehrsfreunde in England, die Straßenbahn in Berlin-Hohenschönhausen, zur Hörder Kreisbahn, zum Ende der Straßenbahn in Hanau, über Lokomotiven 1946 in Österreich, Sichtungen verschiedener Lokomotiven in Deutschland, über neue Straßenbahnwagen in Stockholm sowie über den ersten Pferdeomnibus in Dresden. Enthalten waren aber auch ein Jubiläumskalender und Kleinanzeigen zum Kauf oder Verkauf von Fahrplänen, Büchern, Loklisten, Fotos, Fahrzeugmodellen, Modellierbögen von Fahrzeugen, Fahrscheinen und anderen Sachen, welche das damalige „Hobbyherz“ höher schlagen ließen. So annoncierte z. B. Rudolf Loos aus Gschwenda bei Rudolstadt in der Ausgabe August 1948 für den Erwerb von Straßen- und Eisenbahnmünzen und von Fotos von Schiffen.

Noch schlug die Kontrolle in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) – oft nur „Ostzone“ genannt – nicht durchgängig zu. Fast alle der auf dem Foto abgebildeten Personen waren bis Juli 1948 Bezieher des Sammlerbriefes. Mit der Währungsreform wurde es für die Menschen in der SBZ schwer, die Zeitung in DM-West zu bezahlen. Die Abonnentenzahl aus der Ostzone ging sprunghaft zurück. Das letzte bekannte Bezugsverzeichnis vom 1. Januar 1950 enthielt noch folgende Abonnenten aus der DDR: Horst Golzsch (Leipzig), Walter Hoyer (Dresden), Heinrich Munde und Otto König (beide Dohna), Klaus Reichenbach (Plauen i. V.), Max Stricker und den Dozenten Erich Wohllebe (beide Dresden). Den früheren Beziehern wie Fritz Hager, Karl Zischang, Martin Metz, Rudolf Werner, Georg Otte usw. fehlte nun das „Westgeld“. Einige der Genannten werden älteren Eisenbahnfreunden noch in Erinnerung sein.

Wie Dieter Krause dem Autor berichtete, sponserte Carl Bellingrodt den Erlös seiner Bilder, die er an Bezieher in der SBZ schickte, der Witwe von Werner Hubert, dem am 17. Juni 1947 verstorbenen Dresdner Verkehrsfreund (dessen schönste Eisenbahnmotive der EK-Verlag kürzlich in zwei Bildbänden veröffentlicht hat). So bekam Dieter Krause seine Fotos aus dem Westen von Bellingrodt direkt und bezahlte sie bei Charlotte Hubert in DM-Ost. Von dem Geld konnte die Witwe den Grabstein für ihren verstorbenen Mann bezahlen. Es war eine schwere Zeit! „Der Sammler-Brief“ stellte etwa 1954 mit fortschreitender wirtschaftlicher Gesundung in Westdeutschland sein Erscheinen ein. Es gab nun bessere und hochwertigere Hobbyliteratur.

Neben dem Gedankenaustausch über den „Der Sammler-Brief“ und andere Dinge in Wirtschaften trafen sich die Dresdner Hobbyfreunde mehrfach zu gemeinsamen Aktionen. So unternahmen sie beispielsweise am 3. Mai 1951 eine Sonderfahrt mit dem Tw 914II. Der städtische Neubau aus dem Jahr 1927 ersetzte den im gleichen Jahr verschrotteten Tw 914 Erstbesetzung. Der 914 Zweitbesetzung verfügte über 18 Quersitze und war zu diesem Zeitpunkt 1951 einer der wenigen Dresdner Straßenbahntriebwagen mit Polstersitzen, weshalb ihn wohl auch Martin Metz für die Sonderfahrt ausgewählt hatte. Der Wagen wurde am 1. Juli 1971 in Dresden verschrottet.

Die Fahrt mit ihm führte 1951 zu verschiedenen Punkten im Dresdner Straßenbahnnetz, die öffentlich im Linienverkehr nicht zu erreichen waren – so zum Anschluss Elbkai Eisenberger Straße, zur Forststraße (ehemalige Linie 9 zur Grenadierkaserne), zum Anschlussgleis Alaunplatz, nach Zschertnitz, zum Endpunkt Münchner Straße (heute Linie 3, die Schleife Nöthnitzer Straße wurde erst am 16. Dezember 1953 eröffnet) und ins Gelände des Schlachthofes (heute neu gebaute Trasse der Linie 10). Organisator der Fahrten war Martin Metz, der ein damaliger Verkehrsdispatcher der Dresdner Verkehrsbetriebe.
Wolfram Wagner


aktueller Preß'-Kurier | Artikel älterer Ausgaben