Besuch bei der Torfbahn Westerbeck

Durch Hörensagen erfuhr ich, dass kaum eine Autofahrstunde von Wernigerode entfernt – bei Sassenburg-Westerbeck – eine noch heute gut funktionierende Torfbahn zum gemütlichen Verweilen einlädt.

Das heute zur Euflor Humuswerk GmbH gehörige Torfwerk besteht seit 1992 und ging aus dem bis dahin eigenständigen Laffertschen Torfwerk sowie dem Torfwerk des Mathildenhofes und einem Teil derer von Heinrich Wulfes hervor. Nachdem die Euflor-Gruppe die Torfwerke übernommen hatte, ließ sie das Streckennetz der 600-mm-Torfbahn grundlegend überarbeiten und teilweise neu verlegen. Bei dieser Neutrassierung wurden Normalspurschwellen verwendet und die Hauptstrecke bis kurz vor den Mathildenhof verlängert.

Direkt am Torfwerk befindet sich ein etwa 500 m langer, sehr steiler Streckenabschnitt, der in einen Rangierbahnhof mit fünf Aufstellgleisen mündet. Hier werden die Torfzüge abgestellt, die aus bis zu 24 Loren bestehen können. Weiterhin zweigt hier im Rangierbahnhof eine etwa 1,5 km lange Nebenstrecke nach links in Richtung Triangel ab. In den hier befindlichen Torfstichen läuft in den nächsten Monaten die Torfgewinnung aus. Mit Einstellung der Torfproduktion beginnt hier eine verstärkte Renaturierung der über Jahrzehnte ausgebeuteten Torfstiche. Das bisherige Streckengleis der Torfbahn wird dann für die touristische Weiternutzung hergerichtet und mit Infopunkten, Schautafeln usw. ausgestattet. Ein kleiner Moorbahnhof, von welchem ein Bohlenweg zu einem der letzten Handtorfstiche und zu den hier neu angelegten Renaturierungsbecken im Moor führt, vervollständigen die neue Anlage. Der Baubeginn ist noch in der ersten Jahreshälfte 2015 vorgesehen.

Rechts aus dem Rangierbahnhof heraus führt eine rund 5,5 km lange Hauptstrecke in Richtung Mathildenhof. Von dieser neuen Hauptstrecke werden die verschiedensten Abbauflächen (Torfstiche) erschlossen, die durch sporadisch verlegte (abzweigende) „fliegende Gleise“ erreicht werden. An der Hauptstrecke sind nur die Weichen mit bis zu 30 m abzweigendem Gleis fest eingebaut, die zu den verschiedensten Torffeldern führen und zur Aufnahme der fliegenden Gleise dienen. Bestandteil dieser Hauptstrecke sind einige Ausweichstellen (Kreuzungsbahnhöfe), an denen sich die aus bis zu 24 ungebremsten Loren bestehenden Torfzüge begegnen können. Die zwischen 2,2 und 4,3 Tonnen schweren Diesellokomotiven haben bei einem beladenen 24-Loren-Zug etwa 84 Tonnen Zuglast zu bewältigen. Dies entspricht bei einem Leerlorengewicht von etwa 500 kg einer Zuladung von ca. 4 m3 (ca. 3 t) Torf – je nach Trocknungsgrad. Bei den Diesellokomotiven handelt es sich um zwischen 1942 und 1997 gebaute Fabrikate der Lokhersteller Diema und Schöma, die heute größtenteils über Funkfernsteuerung gefahren werden.

Im Jahr 2000 fanden sich in der Region Gifhorn, Sassenburg und Westerbeck interessierte Heimatfreunde und naturinteressierte Bürger zusammen, um die einmalige Kulturlandschaft des Großen Moores erlebbar zu machen. Diese Personen schafften es, Institutionen wie den Landkreis Gifhorn, die Gemeinde Sassenburg, aber auch zum Beispiel die Jägerschaft sowie die Firma Euflor als Träger für einen Verein zu gewinnen. Ein weiterer Glücksfall war die zu dieser Zeit stattfindende Expo 2000 in Hannover (die nach geeigneten Partnerschaften in der näheren Umgebung suchte und sie auch in Westerbeck fand). Mit deren finanzieller Unterstützung entstand der noch heute bestehende Lehrpfad, der gleichzeitig der Namensgeber des Vereins „Natur- und Kultur-Erlebnispfad Großes Moor Gifhorn e. V.“ ist. Dieser Verein übernahm im Jahr 2006 den touristischen Personenverkehr auf der Torfbahn in Westerbeck. Zuvor organisierte das Torfwerk die Sonderfahrten in Eigenregie. In jeder Lore befand sich dazu je eine mittig angeordnete Bank.

Der Verein Natur- und Kultur-Erlebnispfad Großes Moor Gifhorn e. V. erhielt 2006 zehn neugebaute Loren zur Personenbeförderung. Diese bieten neun Fahrgästen auf drei Bänken einen Sitzplatz. Gezogen werden diese vereinseigenen Loren durch eine 1964 gebaute Deutz-Diesellok. Der Schwerpunkt der Vereinsarbeit liegt in den nächsten Jahren auf dem Naturschutz, der sanften touristischen Erschließung des Moores sowie der Aufklärung über die ökologische Bedeutung der Renaturierung der Torfmoore.
Jürgen Steimecke


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