Der Güterzuggepäckwagen 97-30-06


I. Vorbemerkung

Am 29. Mai 1998 erfolgte die Zulassung eines weiteren Wagens der Preßnitztalbahn. Nach beinahe 7 Jahren konnte damit eine originalgetreue historische Aufarbeitung, die einem Neubau sehr nahe kam, abgeschlossen werden. Der Wagen ist 1991 als einer der ersten zur "neuen" Preßnitztalbahn gekommen. Als eines der ältesten Fahrzeuge steht er nun als betriebsfähiges Museumsstück für die Präsentation sächsischer Schmalspurbahngeschichte zur Verfügung.

Güterzuggepäckwagen 97-30-06
Güterzuggepäckwagen 97-30-06 am Hp. Stolln

II. Technische Daten

Um 1908 beschafften die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen aus ihrer eigenen Werkstatt in Chemnitz eine Serie zweiachsiger Güterzuggepäckwagen (Pwg) mit Oberlichtaufbau für den Einsatz im Güterverkehr des sächsischen Schmalspurnetzes, wobei die Wagen auch als Bahnpost und Gepäckwagen in Reisezügen zum Einsatz kommen sollten.

Nur zwei der 1908 gelieferten Wagen (spätere Bezeichnung: 97-30-06 und 97-30-07) bekamen in den dreißiger Jahren ein Tonnendach. Letzterer wurde nach einem Verkauf an Privatpersonen nachweislich zerlegt, so daß 97-30-06 ein Unikat darstellt. Der Wagen war mit einer Heberleinbremse ausgerüstet, hatte darüberhinaus einen Pintsch-Gas-Behälter (130 l) für die Beleuchtung des Zugführer- und Gepäckabteils. Im Zugführerabteil war ein Ofen untergebracht Das Fahrzeuggewicht von 3.700 kg wurde auf einer Länge über Puffer von 6,4 m bei 2 Achsen verteilt. Bei einer Ladefläche von 3,7m x 1,55 m konnte ein Ladegewicht von 5,300 kg befördert werden.

III. Lebenslauf

Über den Einsatz des Wagens gibt es wenige Dokumente und Fotos, gehörten doch "Güterwagen" im allgemeinen nicht zu den begehrten Fotoobjekten. Nachweislich ist der Wagen im Mügelner Netz, auf den Strecken um Lommatzsch im Einsatz gewesen. Die erstmalige Veröffentlichung eines Fotos des Wagens (Preuß/Preuß "Schmalspurbahnen in Sachsen", Transpress-Verlag S.35) zeigt ihn daher auch auf dieser Strecke.

Von 1951 bis 1958 als "7.2005" bezeichnet, erhielt er in der folgenden Umnummerierung die 97-30-06 als Identifikation. Zuständige Werkstatt für die Unterhaltung des Wagens war die ehemalige Hauptwerkstatt der Kgl. Sä. St. Eb. in Chemnitz das spätere Reichsbahn-Ausbesserungswerk Chemnitz/Karl-Marx-Stadt und heutige Fahrzeugwerk Chemnitz der DB AG. Die letzte nachgewiesene Untersuchung des Wagens datiert in vom 28.2.1963 (Fahrzeugbuch). Im September 1964 (? Aussage H.Stein) erfolgte der Verkauf der Wagens durch die Deutsche Reichsbahn (lt. HvW/WB5 Fuvv S251 v. 31.1.66) an Herrn H.Stein (damals Zf. auf der Schmalspurbahn), der ihn nach Bahn-Überführung vom Bf. Lommatzsch über Döbeln Gärtitz Mügeln nach Mahlis zu seinem Grundstück brachte. Zuvor wurden im Bf. Mahlis sämtliche Metallteile (Achsen, Achslager, Bremse, Gasbehälter, Zugeinrichtung etc.) abgebaut. Nach Kran-/Zugmaschinenbeförderung zum neuen Standort diente der Wagenkasten als Schuppen.

1970 erfolgte die nächste "Versetzung", als der Kasten einem Umzug des Eigentümers innerhalb von Mahlis folgte und im Garten der LPG landete. Nach verschiedenartiger Nutzung als Schuppen und Hühnerstall sollte der Kasten 1991 endgültig der Zerkleinerung zufallen, da das Gelände der LPG nach deren Liquidierung zum Verkauf anstand.

VI. Rückkehr zur Eisenbahn

Volker Anton aus Gräfenhainichen ist es zu verdanken, daß dem Wagenkasten das zugedachte Schicksal erspart blieb der Wert und das Alter war durch die jahrelange Nutzung ohnehin nicht mehr feststellbar. Zwei Vereinsfreunde der Preßnitztalbahn, ein S4000-Lkw mit geliehenem Anhänger, ein "Hühnerknie"-Bagger der ehem. LPG sowie der Kaufpreis von 100,- DM waren notwendig, um den Wagenkasten am 18.07.1991 nach Jöhstadt zu befördern.

Voller Tatendrang wurde schnell daran gegangen, die Schuppenausstattung zu entfernen, und erste Teile der Holzbeplankung zu erneueren. Wie bei vielen derartigen Fahrzeugen stellte man auch hier nach ersten Arbeiten fest, daß es mit dem Auswechseln einiger Bretter allein nicht getan war. Aufgrund anderer Arbeiten an Wagen (974-331, 970-628, 970-003, 974-378) verschob sich die notwendige vollständige Erneuerung des Holzaufbaues und zahlreicher Stahlträger des Gerippes immer weiter.

Mit Hilfe von Teilen des ebenfalls 1991 erworbenen (ex. dkk Niederschmiedeberg) Untergestells des Wagens 97-24-20 sollte der Wagen betriebsfähig aufgearbeitet werden. Nach Zerlegung des Untergestells und Aufarbeitung einiger Teile sowie Neuanfertigung der kompletten Zug- und Stoßeinrichtung in der Aufarbeitungswerkstatt Pockau 1993 wurde 1994 zwar das Wagenkastengerippe vollständig freigelegt nachdem Schritt für Schritt alle noch erhaltenen Teile maßgenommen wurden eine Aufarbeitung konnte Mangels Kapazität nie ernsthaft angegangen werden.

Da sich aber die ständige Verschiebung der Aufarbeitung wenig vorteilhaft auf die Kastenreste und auch die erneuerten Teile auswirkte, beschloß der Vorstand Ende 1996, den Wagen schrittweise unter Nutzung der Hallenstellfläche des Aw Chemnitz durch eigene Leute aufzuarbeiten.

Am 08.01.1997 erfolgte der Transport nach Chemnitz. Wiederum abhängig von den finanziellen Mitteln, freien Kapazitäten der Mitarbeiter und Mitglieder der Preßnitztalbahn und der Verfügbarkeit von Arbeitsständen im Werk Chemnitz erfolgte nun die schrittweise Augfarbeitung unterbrochen immer wieder von längeren Stillstandszeiten.

Nach Beschleunigung der Arbeiten Anfang 1998, Fertigstellung der Farbgebung, Beschriftung und Anbau aller Fahrgestell- und Bremsteile (der Wagen ist gegenüber früher zusätzlich zur Heberleinbremse mit einer durchgehenden Saugluftleitung ausgestattet) wurde der Wagen am 12.05.1998 von Chemnitz nach Schlössel überführt. Nach über 30 Jahren führte 99 1542-2, die den Wagen ganz sicher schon früher im Mügelner Netz befördert hatte, das "neue" 90 Jahre alte Fahrzeug nach Jöhstadt. Am 19.05.1998 erfolgte durch den OBl die Abnahme nach der erfolgten Hauptuntersuchung, am 29.05.1998 durch den LfB des Freistaates Sachsen die bahnaufsichtliche Prüfung.

Jörg Müller / Andre Marks


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