Gepäckwagen 974-316

I. Vorbemerkung

Mindestens um 28 Jahre in die Reichsbahnzeit zurückversetzt, kamen sich im August Betrachter des vierachsigen holzbeplankten Gepäckwagens 974-316 vor. Schon 1972 war in Cranzahl das letzte Fahrzeug mit Holzbeplankung außer Dienst gestellt worden. Seitdem rollten Packwagen nur mit Blechverkleidungen durch die sächsischen Lande.

Da die SOEG nach dem Rückbau von 974-112 den Wagen bis heute nicht zugelassen hat, ist der Jöhstädter "Holzpackmeister" zur Zeit noch das einzige betriebsfähige Exemplar dieses Typs. Somit ein Unikat, soll er hier näher vorgestellt werden.

II. Sächsische Packwagen der Gattung 751

1910 begannen die K. Sächs. Sts. E. B. neue vierachsige Gepäckwagen für die 750-Millimeter-Schmalspurstrecken zu beschaffen. Hergestellt wurden sie in den eigenen Werkstätten (Chemnitz und Leipzig), in Gotha und in Werdau. Nachdem bis 1915 exakt 35 Fahrzeuge der Gattung 751 eingestellt worden waren, lieferte die Werdauer Waggonfabrik nach dem Ersten Weltkrieg von 1922 bis 1927 nochmals 34 baugleiche Wagen.

Alle 69 Exemplare wiesen eine Gesamtlänge von 11,18 Meter, eine Breite von 2,20 Meter und einen Drehzapfenabstand von 6,70 Meter auf. Der hölzerne Wagenkasten maß 9,50 Meter. Das Wagendach wurde wesentlich flacher gewölbt als bei den Sitzwagen. Unter dem mit einem Rohrsprengwerk versteiften genieteten Rahmen kamen Fachwerkdrehgestelle der Bauart "Diamond" zum Einsatz, wie sie auch bei den vierachsigen Güterwagen üblich waren.

Neben dem Dienst- und Packabteil verfügten ursprünglich alle Wagen auch über ein Hundeabteil, das von der Außenseite geöffnet werden konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele der Wagen mit einer Blechverkleidung versehen. Bis heute sind in diesem Zustand noch zahlreiche Exemplare erhalten.

III. Bau & Beschreibung von 974-316

Der heutige 974-316 wurde 1915 von der Waggonfabrik Werdau gebaut. Wie bis etwa in die sechziger Jahre ist sein Wagenkasten wieder holzbeplankt. Die auf dem Dach sichtbare Seilzugbrems-Einrichtung fungiert zur Zeit nur als Leitung, gebremst wird der Wagen mit einer Saugluftbremse der Bauart Körting. Außerdem besitzt er eine Handspindelbremse.

Zum Kuppeln ist 974-316 seit 1955 mit Scharfenbergköpfen ausgerüstet. Auf das ursprünglich vorhandene Hundeabteil wurde zugunsten der Ladefläche verzichtet. Diese beträgt 11,8 Quadratmeter. Bei einem Gesamtgewicht von 10 Tonnen beträgt das zulässige Ladegewicht des Wagens 7,5 Tonnen.

IV. Nummern und Betriebseinsatz von 974-316

Die K. Sächs. Sts. E. B. stellten den 1915 gelieferten Wagen zunächst mit der Nummer 1410 K in Dienst. Von der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft erhielt er die Nummer K 1806. Anfang der fünfziger Jahre zeichnete die Reichsbahn den Packmeister kurzzeitig in 7.1806 um, bevor er 1958 mit der Nummer 974-316 versehen wurde.

Obwohl über die Stationierung des Packwagens bis 1944 keine amtlichen Aufzeichnungen vorliegen, wird allgemein davon ausgegangen, daß er seit 1915 ununterbrochen auf der Schmalspurbahn Mulda Sayda im Einsatz gestanden hat. Nach Einstellung dieser Strecke (17. Juli 1966) blieb 974-316 zunächst auf dem Gleisfeld des Bahnhofes Mulda stehen, bis er laut Betriebsbuch Ende 1968 an den Bahnhof Mulda abgegeben wurde. Diese Dienststelle ließ in offiziell als Lagerraum neben dem Empfangsgebäude in Richtung Moldau aufstellen.

Gingen Hauptverwaltung Wagenwirtschaft der DR und andere Dienststellen davon aus, daß er dazu seiner Drehgestelle entledigt worden war, so geschah das damals vor Ort nicht. Vielmehr erinnerte der Packwagen über zwei Jahrzehnte auf einem kurzen Gleisjoch komplett mit Drehgestellen an die Schmalspur-Ära von Mulda. Ein seltener Fall.

V. Übernahme durch die IG Preßnitztalbahn e. V.

Auf der Suche nach Fahrzeugen für die künftige Museumsbahn wurde die IG Preßnitztalbahn schon 1990 auf den Muldaer Packwagen aufmerksam. Im Sommer 1991 begannen die ersten Versuche, den "Schuppen" zu erwerben. Am 7. Oktober des Jahres gelang schließlich die Übernahme, kurz Zeit später, am 25. November, der Abtransport aus Mulda.

Nach einem Zwischenaufenthalt in Wilischthal, wo erste Untersuchungen an dem Fahrzeug einen hervorragenden technischen Zustand ergaben, kam 974-316 am 4. März 1992 zunächst nach Schmalzgrube. Auf einem kurzen Gleisjoch neben dem Bahnhofsgebäude aufgestellt, begannen im Wageninnern sogleich Restaurierungsarbeiten.

Ende November 1993 wurde er damals noch per Tieflader nach Jöhstadt geholt, wo er auf einem Abstellgleis im Bahnhof Schlössel auf die Aufarbeitung wartete.

VI. Der Rückbau auf Holzbeplankung

Im März 1998 brachte die IG Preßnitztalbahn e. V. den Aufbau von 974-316 zum Stellmacher nach Zwönitz. Nach Entfernung der Blechverkleidung blieb hier nur der völlige Neubau des Kastens. Gleichzeitig versah der Wagenexperte den Aufbau mit seiner ursprünglichen Holzverkleidung.

Das bei der Preßnitztalbahn gebliebene Untergestell erhielt in Jöhstadt eine gründliche Aufarbeitung. Dabei wurde es sandgestrahlt, grundiert und neu lackiert. Nachdem der in Zwönitz gebaute Wagenkasten im Juli 2000 im AW Chemnitz eine grüne Lackierung bekommen hatte, kehrte er am 29. Juli nach Jöhstadt zurück. Hier stand die Endmontage und Komplettierung des Fahrzeuges an.

Erst Anfang August konnten diese Arbeiten abgeschlossen werden. Rechtzeitig zur Festwoche anläßlich der Streckeneröffnung der Museumsbahn nach Steinbach stand 974-316 schließlich einsatzbereit zur Verfügung. Seitdem erweist sich der vorbildlich restaurierte Packwagen beschriftet im Stil der späten fünfziger Jahre mit Heimatbahnhof Mulda als großer Blickfang.

André Marks


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