970-458
Reisezugwagen 3. Klasse mit Buffeteinrichtung

Seit über drei Jahren ist der Reisezugwagen der Einheitsbauweise 970-458 mit Buffeteinrichtung bei der Preßnitztalbahn im Einsatz. In einer Auflistung aller schmalspurigen Salon- und Aussichtswagen Deutschlands wurde er in einer bekannten Eisenbahnzeitschrift unlängst dennoch vergessen. Deshalb heute hier mehr über dieses Fahrzeug.

I. Einführung Einheitswagen

Von 1929 bis 1932 lieferten die Linke-Hofmann-Busch-Werke (LHB) Bautzen und Werdau insgesamt 100 Reisezugwagen der Einheitsbauweise für 750-mm-Spurweite an die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG). Diese setzte die Fahrzeuge ausschließlich in der Reichsbahndirektion (RBD) Dresden ein.

Neben 33 Sitzwagen 2. Klasse (Gattung B4) und 33 Packwagen (Pw4) entstanden bei LHB 1930 und 1932 insgesamt auch 34 Sitzwagen 3. Klasse (C4). Alle drei Reisezugwagen-Gattungen versah das Werk mit Preßrahmendrehgestellen, mit welchen in den dreißiger Jahren auch verschiedenen Neubau-Güterwagen ausgerüstet wurden. Die Rahmen der schmalspurigen Einheits-Reisezugwagen waren erstmalig selbsttragend konstruiert, so daß auf ein Sprengwerk verzichtet werden konnte. Dennoch ermöglichte die Bauweise eine Wagenlänge von über 14 Meter.

II. Technische Beschreibung der Gattung C4

Die 15 im Jahre 1930 und 19 im Jahre 1932 in Bautzen gebauten Wagen der Gattung C4 haben eine Länge über Kupplungen (LüP) von 14,46 Meter. Der Wagenkasten erreicht 11,96 Meter und ist 2,20 Meter breit. Die Drehzapfen sind neun Meter voneinander entfernt.

Im Inneren der 3.-Klasse-Wagen hat LHB sieben Sitzabteile angeordnet, die längs durch einen Mittelgang und zwischen dem dritten und vierten Abteil durch den Toilettenbereich getrennt sind. Der Abortraum ist mit einem schmaleren Fenster versehen. Während auf der Toilettenseite paarweise Doppelbänke angeordnet werden konnten, befinden sich auf der gegenüberliegenden Seite lediglich Einzelsitze. Einige der Doppelbänke verfügen zusätzlich über Klappsitze, so daß die 3.-Klasse-Wagen insgesamt mit 41 plus 10 Sitzplätzen ausgestattet sind (bei zwei Öfen). Eine Handspindel- und Körtingbremse, Kupplungen der Bauart Scharfenberg und elektrische Beleuchtung zählen zum Standard der C4, wie auch alle Einheitswagen von Werk an mit einer Blechverkleidung versehen waren.

III. Einsatz von 970-458 bei der Reichsbahn

Der heute als 970-458 bei der Preßnitztalbahn eingestellte C4 wurde 1932 von LHB Bautzen an die Staatsbahn ausgeliefert. Die DRG gab dem Waggon die Betriebsnummer K 479. Welcher Schmalspurstrecke die RBD Dresden den Wagen zuteilte, ist noch nicht bekannt. 1944 wurde er in Cranzahl registriert. Dort erhielt der Vierachser 1950 die Nummer 7.0479.

Von 1955 bis 1958 ist der Einheitswagen in Kirchberg registriert. Danach kam er zurück nach Cranzahl. Gleichzeitig erhielt das Fahrzeug die Nummer 970-458. 1960 soll der Wagen erneut in Kirchberg eingesetzt worden sein. Spätestens 1967 muß er sich wieder in Cranzahl befunden haben. Von hier sollte der Wagenkasten im Juli 1967 ursprünglich an das Armaturenwerk in Roßwein verkauft werden. Die Abgabe unterblieb jedoch. Dafür verfügte die Deutsche Reichsbahn (DR) den Einheitswagen zum 28. Oktober 1967 an das Bww Zwickau. Dieses ließ den Fahrzeugkasten am Übergabebahnhof Crossen als Aufenthaltsraum der Wagenmeister und Zugfertigsteller aufstellen.

IV. Übernahme durch die Preßnitztalbahn

1995 entschloß sich die IG Preßnitztalbahn, den Kasten des 3.-Klasse-Wagens zu übernehmen und aufarbeiten zu lassen. Dafür gewann der Verein die Lehrwerkstatt der Berliner S-Bahn GmbH. Am 18. August 1995 wurden die Reste von 970-458 per Tieflader von Crossen nach Schöneweide überführt. Dort begann in der Hauptwerkstatt der mühsame Neuaufbau des Wagenkastens.

Innerhalb von zwei Jahren arbeiteten die Lehrlinge und Lehrmeister in Berlin den Sachsen Stück für Stück gründlich. auf. Von Vorteil war dabei die Einheitsbauweise des Fahrzeuges. Viele Baugruppen glichen denen der etwa zur selben Zeit entstandenen Berliner S-Bahn-Wagen. Dennoch standen die Männer um die Lehrmeister Willi Bartz und Stephan Stauske mehrmals vor schier unüberwindlichen Problemen. Im Frühjahr 1997 näherten sie sich dennoch dem Ziel. Wieder mit Drehgestellen versehen, konnte der Einheitswagen am 30. Juni 1997 lackiert und beschriftet als 970-458 nach Jöhstadt überführt werden. Dort fand der Einbau der Inneneinrichtung statt.

Während die Wagenhälfte mit den vier Abteilen authentisch mit Holzbänken 3. Klasse versehen wurde, erhielt das neben dem Abortraum gelegene kleinere Abteil einen Tresen. Damit die Fahrgäste die im Wagen erhaltenen Getränke auch abstellen können, brachten die Mitglieder der IG Preßnitztalbahn zusätzliche Tische in den Abteilen an. Somit kann 970-458 als Buffetwagen genutzt werden.

Für den Einsatz in druckluftgebremsten Zügen erhielt der Museumswagen zusätzlich eine Druckluftleitung.

V. Einsätze für die Preßnitztalbahn

Seinen ersten Einsatz für die Preßnitztalbahn erlebte 970-458 zur 100-Jahr-Feier der Strecke Cranzahl Oberwiesenthal im Juli 1997 auf der Fichtelbergbahn. Doch bei diesem Gastspiel blieb es für den einzigartigen Buffetwagen keinesfalls: In den letzten drei Jahren rollte das Unikat auch beim Öchsle (1999) und Ende Mai 2000 im Mansfelder Land. Zu Werbezwecken transportierte der Verein den Wagen selbst nach Halberstadt. Heimatbahnhof des wiederaufgebauten 970-458 ist und bleibt jedoch Jöhstadt. Auf der Preßnitztalbahn steht er regelmäßig an allen größeren Betriebstagen im Einsatz.

1932 gebaut, ist er übrigens vom Baujahr her der jüngste Wagen des Vereins. Gemeinsam mit 1.-Klasse-Wagen 970-003 (Gattung B4) und Packwagen 974-378 repräsentiert er das Einheitswagenprogramm für Sachsens Schmalspurbahnen. Ist die Zukunft der Fahrzeuge dieses Typs bei der DB AG noch ungewiß, sehen die drei Vertreter bei der Preßnitztalbahn in eine sichere Zukunft.

André Marks

(Vgl. auch PK Nr. 28, 30, 33, 35, 37)

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