Klappdeckelwagen (KKw) 97-27-19

Er ist der „Luxus-Güterwagen“ in der Sammlung der IG Preßnitztalbahn e. V. – der Klappdeckelwagen 97-27-19. Anders als die GGw, in denen noch immer Baugeräte befördert werden, oder anders als die OO, die ebenfalls oft beladen sind, ist der KKw ein reines Verkehrsdenkmal und Fotografierobjekt. Obwohl einst auf der alten Preßnitztalbahn – nach bisherigem Forschungsstand – niemals Klappdeckelwagen regulär zum Einsatz kamen, zählt 97-27-19 heute zu den wertvollsten Exponaten der Museumsbahn. Seit Ende März ist er aufgearbeitet, am 25. Mai absolvierte er anläßlich einer Fotoveranstaltung seinen ersten großen Einsatz. Grund genug, das neue „Schmuckstück“ der Preßnitztalbahn heute näher vorzustellen.

I. Einführung Klappdeckelwagen

Zur Beförderung nässeempfindlicher Güter nutzten die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen mit Spriegeln versehene offene Zweiachser, die mit Segeltuchplanen überzogen wurden. Einige wenige Wagen erhielten später auch Klappen aus Holz oder Blech. Zu deren Ersatz beschaffte die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) 1930 insgesamt 20 vierachsige Klappdeckelwagen, die sich an den Normalspurvertretern dieser Gattung anlehnten. Genutzt wurden die KKw vor allem zur Beförderung von Kalk. In Mügeln wird in den geschlossenen Wagen bis heute Bremssand gelagert.

Einsätze der Klappdeckelwagen sind zum Beispiel auf den Strecken Grünstädtel – Oberrittersgrün, Wilkau-Haßlau – Carlsfeld, im Mügelner Netz oder in Klingenberg-Colmnitz belegt. Mitte der fünfziger Jahre verlieh die Deutsche Reichsbahn vier KKw an das Kupferkombinat „Wilhelm Pieck“ nach Mansfeld.

II. Technische Beschreibung

Alle 20 Schmalspurwagen lieferte 1930 das damals zur Linke-Hofmann-Busch-Gruppe gehörende Fahrzeugwerk in Weimar. Anders als die Zweiachser sind die KKw in Ganzstahlbauweise ausgeführt. Dabei mißt das Untergestell nur 8,25 m Länge und 1,88 m Breite. Der Drehzapfenabstand beträgt 4,70 m, Stabilität verleiht ein spitz aufeinander zulaufendes Sprengwerk. Womöglich sind diese eher geringen Wagenmaße Grund für die Verwendung von herkömmlichen Fachwerkdrehgestellen, Bauart Diamond, obwohl 1930 alle anderen 750-mm-Schmalspurgüter- und Reisezugwagen für die Rbd-Dresden modernere Preßrahmendrehgestelle erhielten.

Die geprägten Seiten- und die glatten Stirnwände der KKw sind fest miteinander vernietet. Eine Ausnahme bilden die beidseitig in Mitte des Wagens angeordneten Klapptüren. Auf dem Kasten befinden sich auf jeder Seite je fünf Klappdeckel. Das Fassungsvermögen der KKw beträgt 18,4 Kubikmeter, wobei das zulässige Ladegewicht auf zehn Tonnen begrenzt ist. Das Eigengewicht eines Klappdeckelwagens beläuft sich auf etwa 8,5 Tonnen. Mit Kuppelköpfen der Bauart Scharfenberg ausgerüstete KKw erreichen eine LüP von 8,48 m.

Ab Werk wurden die 20 Wagen mit „Heberleinbremsgalgen“ ausgerüstet und lediglich für die Körtingbremse vorbereitet, mehrere der Klappdeckelwagen erhielten die Saugluftbremse später jedoch auch angebaut.

III. Einsatz von 97-27-19

Der heutige 97-27-19 wurde 1930 von der DRG zunächst mit der Nummer K9407 in Dienst gestellt. Über seine ersten Stationierungen liegen keine Angaben vor. 1950 erhielt er von der Reichsbahn zunächst die Nummer 7.9407, doch schon ein Jahr später seine jetzige Bezeichnung – 97-27-19. 1955 oblag die Unterhaltung des KKw dem Raw „Wilhelm-Pieck“ in Karl-Marx-Stadt. Das Betriebsbuch belegt seine Beheimatung seit 1955 in Mügeln. Per 19. September 1966 verfügte die Deutsche Reichsbahn die Außerbetriebsetzung aller 16 im Bestand verbliebenen KKw. Zwischen 1967 und 1969 erfolgte danach auch die Ausmusterung der Wagen, am 16. Januar 1967 das Absetzen von 97-27-19 vom Bestand. Dennoch blieb er – wie auch verschiedene andere KKw – erhalten, er wurde in Mügeln als Sandwagen weitergenutzt.

IV. Kauf durch die Preßnitztalbahn

Als die noch junge IG Preßnitztalbahn e. V. Anfang der neunziger Jahre auch im Mügelner Bestand nach überzähligen Wagen suchte, bildete sich im Verein der Wunsch, auch einen der beiden KKw für die geplante Museumsbahn zu erwerben. Die Entscheidung fiel dabei letztendlich auf 97-27-19, der neben 97-27-18 als Sandwagen genutzt wurde. Per Kaufvertrag vom 10. November 1992 erwarb die Interessengemeinschaft den vor der Lokleitung abgestellten Bahnhofswagen. Am 14. Dezember holte die Preßnitztalbahn den KKw gemeinsam mit dem ebenfalls erworbenen vierachsigen Rungenwagen 97-25-16 aus Mügeln ab. Per Tieflader kam der Klappdeckelwagen nun ins Erzgebirge. Von einer Präsentation zum Pfingstfest 1993 in Jöhstadt abgesehen, stand 97-27-19 über viele Jahre vor allem auf den Abstellgleisen in Schlössel.

V. Aufarbeitung und Wiederinbetriebnahme

Im Frühjahr 2000 begann die Aufarbeitung von 97-27-19. Ende März/Anfang April bekamen die Drehgestelle im AW Chemnitz eine Revision. Der Wagenkasten erhielt ab Juli 2000 in einer Stahlbaufirma in Wolkenstein eine gründliche Instandsetzung. Dazu gehörte das Sandstrahlen der Stahlkonstruktion und die Erneuerung korrodierter Bleche sowie die Aufarbeitung der Saugluftbremse der Bauart Körting. Die Heberleingalgen blieben ebenfalls erhalten, so daß der Wagen auch in seilzuggebremste Züge eingestellt werden kann.

Frisch lackiert kehrte der Wagen im Frühjahr 2001 nach Jöhstadt zurück. Hier erfolgte die Beschriftung des Fahrzeuges, was im Stil der sechziger Jahre geschah. Nach den letzten Untersuchungen erfolgte am 7. März die Wiederinbetriebnahme des Klappdeckelwagens. Anläßlich einer den Klappdeckelwagen gewidmeten Fotoveranstaltung rollte 97-27-19 gemeinsam mit dem baugleichen 97-27-14 der IG Weißeritztalbahn e. V. am 25. Mai 2001 erstmals wieder in Güterzügen mit. Für solche steht er ab sofort jederzeit zur Verfügung.

André Marks


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