Ein Oberlichtwagen für die Preßnitztalbahn

Aller guter Dinge sind zehn. Und so erwarb die Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn e. V. am 23. April in Putbus auf Rügen den Kasten für einen zehnten Personenwagen: 970-751. Zwar ist für seine Aufarbeitung noch kein Zeit- und Finanzierungskonzept aufgestellt, aber schon heute soll das hochinteressante Fahrzeug näher vorgestellt werden.

Oberlichtwagen der Gattung 715/716

Nach dem Bau von 26 vierachsigen Reisezugwagen der Baujahre 1883 bis 1896 bezogen die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen (K. Sächs. Sts. E. B.) zwischen 1898 und 1901 von den Eigenen Werkstätten in Chemnitz insgesamt 79 Fahrzeuge, die heute allgemein als „Oberlichtwagen“ bezeichnet werden.

Sie erreichen mit Trichterkuppelköpfen eine Lüp von 10,60 m und haben einen Drehzapfenabstand von 7,10 m. Der Wagenkasten mißt 8,28 m Länge und 2,17 m Breite. Das Gewicht der Wagen beträgt knapp sieben Tonnen. Ein einfaches, spitz zulaufendes Sprengwerk verlieh der Rahmenkonstruktion zusätzliche Stabilität. Die Wagen der Gattung 716 verfügten über Abteile 2. und 3. Klasse; die Vertreter der Gattung 715 besaßen ausschließlich 3.-Klasse-Bänke.
Zum Einsatz dürfte der Wagentyp wohl auf fast allen 750-mm-Strecken in Sachsen gekommen sein.

Bau und Ausstattung von 970-751

Der seit April 2001 im Besitz der Preßnitztalbahn befindliche 970-751 wurde vor 101 Jahren, im Jahre 1900, in Chemnitz hergestellt. Er wurde als BCC 339K der Gattung 716 mit neun Sitzplätzen 2. Klasse und 21 Plätzen 3. Klasse von den K. Sächs. Sts. E. B. in Dienst gestellt. Doch schon Ende 1900 richteten die Werkstätten im 2.-Klasse-Bereich ein geschlossenes Abteil zur Beförderung von Gefangenen ein. Wo der Wagen damit in Nutzung war, ist wie das Datum des Ausbaus der „Zelle“ nicht bekannt.

Zwischen den Jahren 1908 und 1911 erhielt der Wagen im 3.-Klasse-Abteil einen Abort. Dazu wurde an der Stirnwand zur Bühne ein verschließbarer Raum angeordnet, der durch eine Drehtür vom Wageninneren zugänglich war. Wann durch den Einbau zweier Kohleöfen die Sitzplatzanzahl nochmals sank, ist nicht mehr nachvollziehbar. Zwischen dem 2. und dem 3. Klasse-Bereich befand sich eine Trennwand, die auch nach dem Umbau in einen reinen 3.-Klasse-Wagen (unter Umständen in den zwanziger Jahren) bestehen blieb.

Der Einsatz von 970-751

Von 1900 bis 1926 lief der heutige 970-751 mit der sächsischen Nummer 339K. Danach teilte ihm die DRG die Nummer K424 zu. Der erste bekannte Stationierungsvermerk belegt den Oberlichtwagen 1944 auf der Strecke von Taubenheim nach Dürrhennersdorf. Von hier erfolgte im Sommer 1948 die Umsetzung zu den Landesbahnen Brandenburg (LBB), die den Waggon auf der Kleinbahn Klockow – Pasewalk einsetzten. Auf der bislang nur im Güterverkehr betriebenen Strecke hatten die LBB am 1. Februar 1948 den Reiseverkehr eröffnet.

Nach der 1949 erfolgten Verstaatlichung des Pasewalker Netzes führte die Deutsche Reichsbahn den Oberlichtwagen seit 1951 als 7.0765. Laut Betriebsbuch erhielt er 1955 in Perleberg eine Blechverkleidung und Hartpolstersitze 2.-Klasse. Im Rahmen der erneuten Umzeichnung aller schmalspurigen Reisezugwagen vergab die Reichsbahn 1958 an den alten Sachsen die Nummer 970-751. Nach Einstellung des Reiseverkehrs in Pasewalk am 27. Mai 1961 wechselte er im Februar 1963 mit dieser Nummer nach Putbus, wo er auf der Strecke nach Göhren bis April 1967 zum Einsatz kam. Aufgrund eines Anschreibefehlers lief übrigens kurzzeitig auch ein HAWA-Wagen mit der Nummer 970-751 auf Rügen.

Nach der Ausmusterung von 970-751 erwarb das Reichsbahnamt (Rba) Cottbus den Kasten des Oberlichters und stellte ihn gemeinsam mit weiteren sächsischen Wagenkästen hinter dem Bahnhof Putbus auf. In den Fahrzeugen richtete anschließend die Betriebsberufsschule (BBS) Schirgiswalde ein Ferienlager ein, das bis 1990 genutzt wurde.

Übernahme durch die Preßnitztalbahn

1995 erwarb der Förderverein „Rasender Roland“ das Ferienlager. Nach damaliger Planung sollten ursprünglich einmal alle Wagenkästen auf ausgemusterten sächsischen Drehgestellen der RüKB in Putbus ausgestellt werden. Doch da sich neben 970-751 mit 970-764 und 970-775 zwei weitere ehemals sächsische Oberlichtwagen unter den Kästen befanden, stimmte der Verein im Frühjahr 2001 dem Verkauf von 970-751 an die IG Preßnitztalbahn e. V. zu. Im Tausch gegen den Kasten von GGw 97-13-11 und gegen Zahlung eines Wertausgleiches ging der Oberlichtwagenkasten am 23. April 2001 in den Besitz des Jöhstädter Vereins über.

Innerhalb einer spektakulären Bergungsaktion hob ein Kran den völlig eingebauten Kasten durch eine extra angelegte Dachöffnung ins Freie und stellte ihn auf den Tieflader, der 970-751 am 24. April nach Zwönitz brachte. Hier bleibt der Kasten unzugänglich und von Planen verdeckt bis zu seiner Aufarbeitung hinterstellt. Passende Drehgestelle und Material für die Inneneinrichtung stehen bereits in Aussicht. Ob 970-751 für den Einsatz auf der Preßnitztalbahn eine äußere Holzbeplankung erhält oder blechverkleidet bleibt, ist noch nicht entschieden. Einen Zeitplan, bis wann der nunmehr zehnte Sitzwagen der Museumsbahn betriebsfähig sein soll, gibt es aber noch nicht.

André Marks


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