Fahrzeug-Geschichte

Sachsen im Spreewald

Nach der endgültigen Verstaatlichung (1950) der einstigen Lübben-Cottbuser Kreisbahnen (LCK) setzte die Deutsche Reichsbahn seit 1954 Jahren auch sächsische Wagen auf der Spreewaldbahn ein. Zwei der „Sachsen“ sind heute auf ehemaligen Bahnhöfen der alten LCK museal ausgestellt: der vierachsige Packwagen 904-002 in Goyatz und der vierachsige gedeckte Güterwagen 99-51-51 (fälschlicherweise als 99-52-55 beschriftet) in Burg. Obwohl beide Wagen die Niederlausitz nach Stillegung der Spreewaldbahn nie verlassen haben, wußte Ende der achtziger Jahre kaum jemand von ihrer Existenz. Darum heute einige Angaben aus der Geschichte der Wagen.

I. Packwagen 904-002

Seit etwa fünf Jahren steht der Packwagen 904-002 zur Erinnerung an die Schmalspurzeit am ehemaligen Bahnhof Goyatz.
Ursprünglich wurde der Wagen 1904 als vierachsiger offener Wagen von den Eigenen Werkstätten der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen (K. Sächs. Sts. E. B.) für die meterspurige Rollbockbahn Reichenbach unterer Bahnhof – Oberheinsdorf geliefert. Damit zählte er zu einer Serie von insgesamt drei Exemplaren der Gattung 868. Die K. Sächs. Sts. E. B. reihten den offenen Wagen zunächst als 4587 M in den Bestand ein.

Doch bereits 1910 mußte er sich einem totalen Umbau unterziehen: Mit Aufnahme des Reiseverkehrs war es notwendig geworden, Personenwagen für die Rollbockbahn zu beschaffen. Der offene Güterwagen erhielt dazu einen völlig neuen Wagenkasten mit Holzverschalung, Tonnendach und zwei Endbühnen. In den Seitenwänden befanden sich je fünf Fenster. Die 34 Sitzplätzen verteilte sich im Innenraum auf zwei Längsbänke an den Seitenwänden und drei Doppelbänke in der Wagenlängsachse. Die neue Wagennummer lautete 1004 M, die Gattungsnummer 852. Unter der Regie der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) lief er als M 10001. Bei der Deutschen Reichsbahn erhielt er laut Umzeichnungsplan von 1950 die Nummer 10.101.

1951 endete beinahe sein Dasein – bei einem Brand im Wageninneren kam es zu starken Schäden. Im Raw Chemnitz wurde er jedoch zum zweiten Mal umgebaut und 1953 mit einem neuen, blechverkleideten Gepäckwagenkasten versehen. Mit Zugführerabteil, einer Schiebetür und je Seitenwand drei zweigeteilten Fenstern hatte sich das Erscheinungsbild des Fahrzeuges wiederum stark verändert. Statt der Heberleinbremse besaß er nun eine Knorr-Druckluft-Bremse. Als Packwagen gelangte der Neubau 1953 direkt an die Spreewaldbahn, wo er zunächst mit der Nummer 10.269 eingesetzt wurde. Die Umzeichnung von Reisezugwagen im Jahr 1958 bescherte dem alten Sachsen seine inzwischen sechste Betriebsnummer 904-002.

Bis 1970 verrichtete er seinen Dienst in der Reichsbahndirektion (Rbd) Cottbus. Danach erfolgte die Umsetzung des Kastens an das Bahnbetriebswerk (Bw) Cottbus, wo er als Lagerschuppen genutzt wurde. Auf Initiative des Goyatzer Bürgermeisters gelang es 1996, den Wagenkasten wieder in den Spreewald zu holen. Auf dem zum Heimatmuseum hergerichteten ehemaligen Bahnhof von Goyatz erinnert 904-002 seitdem an die alte LCK.

Die nach 1970 abgetrennten Bühnen des Wagens ersetzte die Gemeinde kurzerhand gegen neu angefertigte Wagenenden mit angedeuteter Kupplung. Aus dem Harz gelang es außerdem, zwei meterspurige Drehgestelle zu beschaffen, so daß der Kasten heute auf einem kurzen Stück Gleis stehen kann. Die Beschriftung wurde zwar nicht originalgetreu nachgestaltet, weist aber keine sachlichen Fehler auf. Auch wenn 904-002 als Packwagen nie in Sachsen im Einsatz gestanden hat, ist neben Dampflok 99 162 und einem Rollbock mit ihm ein weiterer Wagen der Reichenbacher Rollbockbahn museal erhalten.

II. Güterwagen 99-51-51

Den Gastronomen H. und W. Motzek ist es zu verdanken, daß auf dem Bahnhof Burg heute wieder Eisenbahn-Atmosphäre eingekehrt ist. Nicht nur, daß das Empfangsgebäude restauriert ist, auch drei Gleise mit verschiedenen Wagen erinnern seit einigen Jahren hier an die Spreewaldbahn.

Der sächsische 750-mm-GGw 97-13-56 wurde seit 1956 im Spreewald als 99-51-51 auf Meterspur genutzt. Mit der falschen Nummer 99-52-55 und im Harz erworbenen Drehgestellen steht er seit Mitte der neunziger Jahre vor dem Bahnhof Burg. Teils mit noch originalen Achsen oder aber mit Drehgestellen aus dem Harz versehen, bilden die Fahrzeuge sehr fotogene Garnituren. Hinter dem ausgestellten vierachsigen gedeckten Güterwagen (GGw) verbirgt sich der ehemalige sächsische K 3506, der auf der Spreewaldbahn als 99-51-51 lief. Fälschlicherweise ist er allerdings als 99-52-55 beschriftet.

K 3506 wurde 1934 von Linke-Hofmann-Busch in Bautzen gebaut und von der RBD Dresden für die 750-mm-Bahnen in Dienst gestellt. 1950 in 7.3508 und 1951 in 97-13-56 umnummeriert, verließ er 1956 seine sächsische Heimat und wurde fortan – von 750 auf 1000 mm umgespurt – von der Rbd Cottbus in Straupitz eingesetzt. Allerdings ist er nicht der einzige ehemalige 750-mm-Wagen aus Sachsen, der nach 1950 im Spreewald oder Harz auf Meterspurgleisen rollte. Auch verschiedene Reisezugwagen der Einheitsbauart verstärkten nach dem Zweiten Weltkrieg den Wagenbestand auf ehemaligen Privatbahnen.

Die Preßrahmendrehgestelle wurden für den Einsatz auf den breiteren Gleisen halbiert, um die fehlenden 25 Zentimeter verbreitert und mit Meterspurachsen versehen. An den Zug- und Stoßvorrichtungen waren ebenfalls Anpassungsarbeiten notwendig, um mit den vorhanden Fahrzeugen gekuppelt werden zu können. Nach diesem Umbau erhielt GGw 97-13-56 im Spreewald die neue Nummer 99-51-51, womit er als Gerätewagen gekennzeichnet war. Mit Einstellung des Verkehrs auf den Spreewaldgleisen erfolgte 1970 die Ausmusterung des Fahrzeuges. Seinen Wagenkasten setzte die Deutsche Reichsbahn zum Bw Cottbus um, wo er wie 904-002 als Lagerschuppen diente.

III. Exkurs: der „richtige“ 99-52-55

Bereits 1968 wurde in Straupitz der vierachsige gedeckte Güterwagen 99-52-55 ausgemustert und an das Kraft-Bahnbetriebswerk (KBw) Cottbus umgesetzt. Bei diesem Fahrzeug handelte es sich um ein 1911 in Görlitz gebauten Güterwagen, welcher von der preußischen Staatsbahn zunächst als „Erfurt 335“ auf den staatlichen Schmalspurstrecken der KPEV (Königlich Preußische Eisenbahn-Verwaltung) in Thüringen in Dienst gestellt worden war. 1957 gelangte er zur Spreewaldbahn. Bei der Recherche nach der Nummer des Wagenkastens, welchen der Gastronom hatte nach Burg bringen lassen, verwechselte er vermutlich die beiden nah beieinander liegenden und ähnlich-klingenden Standorte Bw und Kbw Cottbus.

Deshalb wurde der sächsische GGw 99-51-51 irrtümlich mit der falschen Nummer 99-52-55 beschriftet. Doch auch wenn der Sachse ausgerechnet den "Namen" eines preußischen Verwandten annehmen mußte, freut sich der wahre Eisenbahnfreund viel mehr darüber, daß ein weiterer Schmalspurwagen museal erhalten wird.
Joachim Schulz


Erhaltene sächsische „Spreewaldbahnwagen“

Neben den zwei im Spreewald aufgestellten Wagen 904-002 und 99-51-51 existieren heute noch weitere ehemalige Sachsen, die einst in der Rbd Cottbus eingesetzt gewesen sind. Erkennbar sind sie noch immer an ihren Nummern, die sich seit 1958 nicht mehr geändert haben.

1970 setzte die Deutsche Reichsbahn die einst sächsischen Reisezugwagen der Einheitsbauart 900-230, 900-231, 900-232, 900-233 (Gattung B4) sowie 900-211, 900-241, 900-242 und 900-243 (Gattung C4) aus dem Spreewald nach Wernigerode um. Im selben Jahr wechselten auch die beiden Einheitsgepäckwagen 904-011 und 904-012 gemeinsam mit dem mit einem Gepäckabteil versehene ehemalige B4 902-201 in die Rbd Magdeburg.

Gemeinsam mit den direkt aus der Rbd Dresden in den Harz verfügten Reisezugwagen der Einheitsbauart waren dadurch lange Zeit reine „sächsische“ Wagengarnituren auf den Strecken der heutigen HSB im Einsatz. (Zwischen 1952 und 1958 setzte die Deutsche Reichsbahn insgesamt 15 umgespurte 750-mm-Reisezugwagen aus der Rbd Dresden zur Rbd Magdeburg in den Harz um. Doch auch die zwei sächsischen Neubaupostwagen und verschiedene GGw kamen mit neuen Wagenkästen als Sitzwagen im Harz zum Einsatz)

In den siebziger und achtziger Jahren unterzog die Deutsche Reichsbahn allerdings auch die „sächsischen“ Harzwagen dem Rekonstruktionsprogramm im Raw Perleberg. Ähnlich den 750-mm-Wagen der Rbd Dresden erhielten die 1000-mm-Wagen der Harzstrecken zunächst nur neue Seitenwände und neue Inneneinrichtungen. Später setzte das Raw komplett neugefertigte Wagenkästen mit Tonnendach auf die alten Rahmen. Teilweise ließen die Deutsche Reichsbahn (und später auch die Harzer Schmalspurbahnen) sogar neue Drehgestelle für die alten Einheitswagen und original Harzer Reisezugwagen anfertigen.

Mit den dadurch frei gewordenen Drehgestellen rüsteten beispielsweise die Eisenbahnfreunde in Goyatz und Burg im Spreewald die übernommenen Wagenkästen aus. Die Preßnitztalbahn übernahm ein Paar meterspuriger Preßrahmendrehgestelle, welche „rückgebaut“ auf 750 Millimeter heute unter dem Büffetwagen 970-458 laufen.

Doch noch immer sind auch einige Wagen mit umgespurten Preßrahmendrehgestellen im Harz im Betriebseinsatz. An einigen Wagen von 900-211 bis 243 können Sie sicher sein – diese Drehgestelle kennen den Geruch von Spree, Senfgurken und Lausitzer Mostrich.
André Marks/Volker Krehut


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