Fahrzeuge des VSE

Güterzug-Tenderlokomotive 86 049

I. Einführung

Der Fahrzeugpark der Deutschen Reichsbahn umfaßte Mitte der 20er Jahre zahlreiche überalterte Länderbahnmaschinen, in Ermangelung geeigneter Konstruktionen wurden bis 1923 noch Länderbahnmaschinen nachbeschafft. Die Reichsbahn bemühte sich deshalb, diesen zersplitterten Park, der zudem durch die Abgabe von über 8000 meist leistungsfähigen neueren Lokomotiven als Reparationsleistung zu Ende des Ersten Weltkrieges stark geschrumpft war, durch moderne, einheitliche Bauarten zu ersetzen.

Zum Einheitsprogramm gehörte auch eine vierfach gekuppelte Tenderlokomotive mit Laufachsen, die mit 15 Tonnen Achslast die Länderbahnloks auf den Nebenbahnen ablösen sollte. 1928 lieferte die Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe die erste Lok der Baureihe 86 aus, die Beschaffung erstreckte sich über 15 Jahre bis 1943, wobei die letzten Maschinen als „entfeinerte“ Übergangskriegslokomotiven ausgeliefert wurden. Von den insgesamt 775 gebauten Maschinen der Baureihe 86 verblieben 244 Stück nach 1945 bei der Deutschen Reichsbahn, wo sie bis 1977 planmäßig im Einsatz standen. Einige Exemplare überlebten als Heizloks und standen ab Sommerfahrplan 1982 auf der Strecke Schlettau – Crottendorf zur Einsparung von Dieselkraftstoff erneut im Regeleinsatz. Im Mai 1988 endete auch dieser letzte planmäßige Einsatz.

II. Technische Beschreibung

Die Lokomotiven der Baureihe 86 wurden als vierfach gekuppelte Tenderlokomotiven konzipiert, für eine gute Führung auf bogenreichen Strecken erhielten die Lokomotiven je eine vor- und nachlaufende Bisselachse. Die Höchstgeschwindigkeit war anfangs auf 70 km/h festgelegt, ab 86 234 konnte nach Einbau einer Bremse für die Laufradsätze die Höchstgeschwindigkeit jedoch auf 80 km/h angehoben werden. 45 Maschinen wurden anstelle der Bisselachsen mit Kraus-Helmholtz-Gestellen ausgerüstet. Die Treibräder von 1400 mm Durchmesser ermöglichten der für den Güterzugdienst geplanten Baureihe auch die Beförderung von Reisezügen im Nebenstreckennetz.

Die Maschinen erhielten einen Kessel der Einheitsbauart mit Naßdampf-Ventilregler. Bereits ab Werk kam ein Oberflächenvorwärmer der Bauart Knorr zum Einsatz, den auch die in Kriegszeiten gelieferten Maschinen trotz diverser Entfeinerungen behielten. Maschinen bis 86 234 erhielten eine einseitige Abbremsung, alle weiter gelieferten eine doppelseitige Lauf- und Kuppelradbremse.

Bescheiden nahmen sich dagegen die Vorräte aus, mit neun Kubikmeter Wasser mußte alle 50 Kilometer der nächste Wasserkran angelaufen werden, die vier Tonnen Kohle reichten hingegen für etwa 150 Kilometer. Die niedrige Achslast von nur 15 Tonnen ermöglichte einen freizügigen Einsatz der Maschinen.

III. Einsatz der 86 049 bei der Reichsbahn

Die 86 049 verließ am 11. Juli 1932 mit Fabriknummer 14421 die Fabrikhallen der Borsig-Lokomotivwerke. Der Kaufpreis belief sich auf 130 000 Reichsmark. Das Betriebsbuch weist als Lieferwerk noch Berlin-Tegel aus. Kurze Zeit später wurde die Lokfertigung ins AEG-Werk nach Hennigsdorf verlagert.

Die Lok wurde zunächst in Sachsen beheimatet, am 7. September 1932 abgenommen und am 21. September beim Bw Dresden-Pieschen in Dienst gestellt. Im Raum Dresden verblieb sie bis 1939, wobei sie bei den Bw Pieschen, Altstadt und Friedrichstadt eingesetzt wurde. Im Juni 1939 gelangte die Lok nach Chemnitz Hilbersdorf, bevor sie im Januar 1944 nach Pockau-Lengefeld weitergereicht wurde. Von dort kehrte sie im März 1958 nach Hilbersdorf zurück. Im September 1958 wurde die Lok nach Adorf umstationiert, von wo aus sie im Juni 1963 nach Werdau gelangte.

Im April 1964 wechselte sie ins benachbarte Bw Zwickau, wo sie bis zum Mai 1971 im Einsatz stand. Nur kurzzeitig währten anschließende Einsätze der Lok bei den Bw Elsterwerda und Bautzen, bevor es die Lok im April 1973 nach Sangerhausen verschlug. Im September 1975 kehrte sie von dort zurück nach Sachsen, zum Bw Glauchau, wo sie auch das Ende des planmäßigen Einsatzes der Baureihe 86 bei der Deutschen Reichsbahn erlebte. Ende September 1977 wurde die Lok zum Bw Karl-Marx-Stadt umstationiert und der Einsatzstelle Pockau-Lengefeld als Heizlok zugewiesen.

Die Beheimatung im mittleren Erzgebirge erklärte sich aus den örtlichen Verhältnissen im dortigen Bw, dessen Drehscheibe und Schuppenstände keine größeren Lokomotiven zuließen. In Pockau-Lengefeld wurde die Lokomotive durch das Kollektiv der Einsatzstelle bestens gepflegt und durfte gelegentlich für Devisen auch wieder in den planmäßigen Zugdienst zurückkehren. Gelegentlich konnte sie auch vor Sonderzügen zeigen, was in ihr steckt.

Im Oktober 1990 hatte sie erstmals Kontakt mit dem noch jungen VSE, am 20. und 21. Oktober beförderte sie vom VSE bestellte Güter- und Sonderzüge rund um Pockau-Lengefeld. Dies wiederholte sich am 1. Mai 1991, bevor die Lok am 3. Oktober 1991 im Cunewalder Tal nochmals zeigen konnte, daß sie trotz ihrer 60 Einsatzjahre noch für den täglichen Zugdienst nutzbar war.

IV. Perspektiven

Am 28. Oktober 1991 stand sie letztmals vor Ablauf ihrer Kesselfrist vor planmäßigen Reisezügen zwischen Flöha, Marienberg und Neuhausen unter Dampf. Kurze Zeit später konnte der VSE die Lok erwerben und im Juni 1993 nach Schwarzenberg überführen. Eine geplante Aufarbeitung zerschlug sich zunächst an den zu hohen Kosten. Die sich mit der Streckensanierung im Westerzgebirge weiter verschlechternden Einsatzbedingungen lassen eine dampfende 86er auch in Zukunft unrealistisch erscheinen.

Falk Thomas


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