Fahrzeuge der Preßnitztalbahn

Der zweiachsige offene Güterwagen 97-19-25

1. Vorbemerkung

Ganz im Schatten des 1999 anstehenden Jubiläums der Auslieferung von 99 1542-2 begeht bereits in diesem Jahr ein Fahrzeug der Preßnitztalbahn seinen 100. Geburtstag - der zweiachsige offene Güterwagen 97-19-25. Als Schlackewagen aber auch als begehrtes Fotoobjekt in Sonderzügen steht der Ow seit 1996 betriebsfähig bei der Museumsbahn im Einsatz.

2. Technische Daten

Bereits Anfang der achziger Jahre des vorigen Jahrhunderts beschafften die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen mehrere Hundert offene Zweiachser. Diese hatten anfangs eine Länge von nur 4,78 Metern, später dann von 6,48 Metern. Von 1892 bis 1898 lieferte Görlitz 323 Wagen der Gattung 377b bzw. späteren 776 mit einer Länge von ebenfalls 6,48 Metern. Anders als bei den seit 1892 beschafften langen Zweiachsern, hatten die Wagen der Gattung 776 einen Achsstand von nur 3 Metern - bei den Vorgängern der Gattung 775 waren es noch 3,80 Meter. Bei einer Breite von 1,67 Metern lag diese unter der von gedeckten Zweiachsern. Die Höhe der Seitenwände betrug 75 Zentimeter, was eine Ladefläche von 9,3 Quadratmetern ergab. Die mittig angeordneten Seitenklappen konnten nach oben geöffnet oder herausgenommen werden. Das Ladegewicht war auf 5 Tonnen festgelegt.
Einige der Wagen der Gattung 776 bekamen eine Heberleinbremse, die ungebremsten erhielten Lenkachsen. Der Rahmen und die Seitenstreben waren komplett aus Stahl gebaut. Die Trichterkupplungen steckten auf einer durchgehenden Zugstange.

3. Lebenslauf

Über den ersten Einsatz von 97-19-25 gibt es keine Angaben. Geliefert wurde er 1898 von der Waggonfabrik Görlitz als ungebremster Wagen ohne Lenkachsen und Bremsleitung (Heberleingalgen). Die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen ordneten ihn zunächst unter der Nummer 2333, später unter 4333 K bzw. ab 1927 unter K 4561 ein. Die 1950 vergebene "Sieben-Punkt-Nummer" ist für den seit 1951 als 97-19-25 geführten Wagen umstritten. In dem 1952 angelegten Wagenbuch des für den Ow zuständigen Raw "Wilhelm Pieck" Karl-Marx-Stadt ist sie mit 7.4561 angegeben. Diese Notiz muß allerdings mit Vorsicht betrachtet werden, da im Wagenbuch beispielsweise das Lieferjahr von 97-19-25 mit 1882 angegeben ist - obwohl der erste Ow mit 3 Metern Achsstand erst 1892 gebaut wurde. Hier irrte mutmaßlich der Bearbeiter des Betriebsbuches.
Als wahrheitsgemäß kann die Angabe der Heimatdienststelle von 1952 - Freital-Potschappel - im Wagenbuch betrachtet werden. Aus den sechziger Jahren ist schließlich die Stationierung des Zweiachsers im Wilsdruffer Netz bekannt. Ein Kostenvoranschlag für die Aufarbeitung des Wagens vom 28. Dezember 1964 ergab einen Finanzaufwand von 4202,- Mark. Diese Summe betrachtete die Hauptverwaltung Wagenwirtschaft der Deutschen Reichsbahn als unangemessen. Am 9. April 1965 erfolgte die Ausmusterung. Dazu heißt es im Gutachten: "Die Kommission hat nach gewissenhafter Untersuchung unter Wahrung der gesamten ökonomischen Belange am 4.12.1964 in Wilsdruff den oben genannten Wagen für nicht mehr einsatzfähig und aufbauwürdig befunden, und schlägt ihn daher zur Ausmusterung und zur Absetzung aus dem Bestand und Anlagevermögen vor." Der nächste Vermerk sah ihn als "für die Weiterverwendung als Wekwagen für VEB geeignet".
Ein Verkauf an einen volkseigenen Betrieb kam jedoch nicht zustande, vielmehr verblieb der Wagen bei der Deutschen Reichsbahn. Fortan wurde er in Wilsdruff als Bahnhofswagen genutzt. Nach Einstellung der Strecke Freital-Potschappel - Wilsdruff im Jahre 1972 wurde er im Lokschuppen weitergenutzt. Dort ließ die Deutsche Reichsbahn noch bis 1993 Lokteile für Diesellokomotiven aufarbeiten. 97-19-25 diente dabei - seiner Seitenwände beraubt und mit einer Blechplatte verkleidet - als Werkwagen zum Verschub schwerer Teile. Die Gleise im Lokschuppen waren vom Abriß verschont geblieben. 1992 stand das inzwischen auch seiner Kuppelvorrichtung beraubte Untergestell schließlich im Freien neben 99 715 abgestellt.

4. Übernahme durch die Preßnitztalbahn

In dieser Zeit wurde die Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn auf den Wagen aufmerksam. Im Mai 1993 kaufte der Verein das Untergestell der Deutschen Reichsbahn ab. Einen Monat später transportierte er ihn nach Jöhstadt. 1994 begann die Aufarbeitung des Ow. Dazu wurde er in Jöhstadt sangestrahlt, lackiert, bekam eine neue durchgehende Zugstange eingebaut und vor allem wieder Seitenwände.
Ohne Bremse aber mit einem Heberleingalgen konnte 97-19-25 schließlich Anfang 1996 fertiggestellt werden. Mit einer durchgehenden Saugluftleitung ist er seit Juni 1996 bei der Preßnitztalbahn auch in Züge einstellbar.
Damit wurde bei der Preßnitztalbahn aus dem Wilsdruffer Untergestell nicht nur schnell und vorbildlich wieder ein kompletter Wagen, 97-19-25 steht heute bei der Museumsbahn auch wieder in Nutzung. Damit ist er nicht nur ein Ausstellungsexponat, sondern ebenfalls eine wertvolle Hilfe im Betrieb. Regulär hilft der Zweiachser heute in Jöhstadt vor allem als Schlackewagen. Aber auch zahlreiche Sonderbeförderungen gab es schon mit dem kleinen Ow. So zum Beispiel zum Schwimmbadfest 1997 als ein Grill im Wagen bei luftigem Fahrtwind für stets gut gebratene Würste sorgte oder zum Oldtimerfest 1998, als zwei Kälber im Ow mit dem Personenzug zwischen Schmalzgrube und Jöhstadt pendelten.

Andre Marks

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