Der Hainsberger Einzelgänger

Wasserwagen 97-09-53

An dieser Stelle soll heute einmal nicht ein seltener Wagenkasten, sondern ein Unikat unter den noch existenten Schmalspurwagen vorgestellt werden – der vierachsige Wasserwagen 97-09-53 aus Freital-Hainsberg. Viele Jahre fristete er eher unscheinbar und unbeachtet sein Dasein. Im vorigen Jahr wurde er jedoch auf Initiative eines Vereinsmitgliedes der IG Weißeritztalbahn e. V. äußerlich aufgearbeitet und steht nun seit August 2001 in neuer Schönheit in Freital-Hainsberg hinter 99 1790-1 im Denkmalszug eingereiht!

Doch was ist das eigentlich für ein Wagen und wo kam er her? Auch wenn die Antworten auf diese Fragen lückenhaft sind, soll hier der gegenwärtig Forschungsstand aufgezeigt sein.

I. Vorbemerkung

Nach Kriegsende verblieben 1945 in Sachsen neben zahlreichen Schmalspurlokomotiven osteuropäischer Bahnen (aufgefunden in Oschatz und Mügeln) und den lettischen Triebwagenteile (aufgefunden in Wolkenstein) auch mehrere schmalspurige „Fremdwagen“. Von der RBD Dresden wurden erfaßt:

  • sechs verschiedene vierachsige gedeckte Güterwagen aus Estland in Wilsdruff
  • ein meterspuriger polnischer dreiachsiger gedeckter Wagen (Kd 1457), der nach seiner Umspurung auf 750 mm in Mügeln als Bahnhofswagen diente und dort heute noch als Kasten existiert
  • ein Personenwagen der Ostbahn
  • ein lettischer Kesselwagen in Oschatz
  • ein Kleinwagen in Zittau
Mangels Bedarf wurden der Personenwagen und die estnischen Wagen nicht umgebaut, deren Wagenkästen dienten aber viele Jahre in Oschatz bzw. Wilsdruff als Lagerschuppen. Nur der Kesselwagen sollte zum Betriebseinsatz in der neuen Heimat kommen!

II. Technische Daten

Ursprünglich war das Fahrzeug ein offener Güterwagen, erkennbar an den Laschen am Rahmen, auf dessen Untergestell in Lettland ein Kessel aufgesetzt worden war. Zunächst behielt er seine originalen Fachwerkdrehgestelle mit 1350 mm Achsstand, 1961 erhielt er sächsische Diamond-Drehgestelle mit Doppel-Elliptikfedern. Die Länge über Puffer beträgt 6850 mm, der Drehzapfenabstand drei Meter. Die Achslast wird mit 5,5 Tonnen angegeben. Der Laderaum des Kessels umfaßt 15,5 Kubikmeter und mußte auf Grund fehlender Schwallbleche immer vollständig ausgelastet werden. Über eine Eisenleiter an der Stirnseite ist die Ladeluke auf dem Kesselscheitel erreichbar, zum Ablassen dient ein Rohranschluß mit Absperrventil auf der gleichen Seite. Zum Einsatz als Bahndienstwagen erhielt er in Sachsen eine Saugluftleitung. Erwähnenswert sind ebenfalls die Trichterkupplungen.

III. Betriebseinsatz

1945 war der lettische Kesselwagen mit der Anschrift „Riga 43“ als sogenanntes „Rückführfahrzeug“ in Oschatz stehengeblieben. Seine ursprüngliche Heimatstrecke ist nicht mehr ermittelbar. Das in der Wagenkartei angegebene Baujahr 1900 dürfte falsch sein, allerdings kann auch hier keine konkrete Angabe gemacht werden, es ist wohl aber eher nach dem Ersten Weltkrieg anzusetzen. In Sachsen blieb der Wagen zunächst in Oschatz abgestellt und gelangte erst um 1950 nach Freital-Hainsberg, wo er als Bahndienstwagen zum Transport von Lokomotivspeisewasser eingesetzt wurde. Nach einer Entgleisung im Jahr 1961 versah man den Wagen mit neuen Drehgestellen. Seine letzte Fristverlängerung bekam das Fahrzeug am 6. Juli 1983, Mitte der achtziger Jahre wurde es abgestellt.

IV. Die Aufarbeitung

Vom Zahn der Zeit stark angenagt, war der Anblick des Wasserwagens in den neunziger Jahren nicht mehr erfreulich: Er trug kaum noch Lack, dafür aber viel Rost und besaß seitlich im Kessel eine große Delle, das Ergebnis einer Flankenfahrt in Schmiedeberg. Im vorigen Jahr ergriff deshalb ein Mitglied der IG Weißeritztalbahn e. V. die Initiative.

Er ließ den Wagen von Mai bis August 2001 in der Schiffswerft Dresden-Laubegast äußerlich und rollfähig aufarbeiten! Das dortige Unternehmen hatte bereits Wagen aus der Radebeuler Sammlung des Verkehrsmuseums Dresden aufgearbeitet. Nun standen hier erneut für kurze Zeit ehrwürdige Zeugen aus dem Bereich Verkehr nebeneinander: zwei alte Seitenschaufelraddampfer und der Kesselwagen aus dem fernen Lettland, der in Sachsen seine zweite Heimat gefunden hatte. Seit seinem Rücktransport auf einem Tieflader nach Freital-Hainsberg am 16. August 2001 zeigt sich das Unikat auf deutschen Schmalspurgleisen nun wieder mit einem ansehnlichen Äußeren. Als schmuckes Museumsfahrzeug ist es eine lobenswerte Bereicherung für den Freitaler Denkmalszug.
Joachim Schulz


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