Fahrzeug-Geschichte

Schneepflug 99-60-54 der GMWE (1000 mm)

Wenn Eisenbahnfreunde Fahrzeugrelikte stillgelegter Bahnen aufspüren, handelt es sich in der Regel um Wagenkästen von Reisezug- oder gedeckten Güterwagen, die als Lauben oder Schuppen und ähnliches Verwendung gefunden haben. Ein Wagenfund bei Gera bildete hier jedoch bis voriges Jahr eine Ausnahme: 33 Jahre nach der Einstellung des Betriebes auf der ehemaligen Gera-Meuselwitz-Wuitzer Eisenbahn (GMWE) lag hier noch immer der Schneepflug dieser Meterspurbahn unbeachtet im Gelände. Auch wenn dieses Fahrzeug wenige Wochen vor seiner geplanten Bergung im Frühjahr 2002 überraschend zerlegt worden ist, wollen wir heute seine interessante Geschichte vorstellen.

I. Vorbemerkung

Schneepflüge in Regel- und Schmalspurausführungen gab es auf deutschen Bahnstrecken in reichlicher Zahl. Bei den Harzer Schmalspurbahnen (HSB) findet man genauso wie auf sächsischen Strecken oder auf der Insel Rügen unterschiedliche Bautypen, die – wenn nicht ihrem eigentlichen Zwecke mehr dienlich – zumindest museal erhalten werden.

Auch auf thüringischen Schmalspurstrecken standen derartige Bahndienstfahrzeuge im Einsatz. Der zu DR-Zeiten für die 750-mm-spurige Trusebahn gebaute Pflug 97-09-91 hat, nachdem er zuletzt auf der Strecke Wolkenstein – Jöhstadt im Einsatz gestanden hatte, im Schmalspurmuseum Rittersgrün im Erzgebirge eine neue Heimat gefunden.

Die Quellenlage zum Thema Schneepflüge auf Thüringer Schmalspurstrecken vor 1945 ist sehr bescheiden, so daß teilweise nur Mutmaßungen des Autors dargelegt werden können. Für eine Richtigkeit der Angaben gibt es derzeit noch keine Bestätigung in Form einer amtlichen Niederschrift, die besuchten Archive bieten zu wenig Aktenmaterial.

II. Technische Daten

Der zweiachsige Geraer Schneepflug hatte nachweislich eine LüP von 6500 mm, einen Achsstand von 2400 mm und ein Eigengewicht von 16 180 kg. Neben dem als Stoßvorrichtung dienenden Mittelpuffer verfügte das Fahrzeug über eine bewegliche doppelseitige Kupplung mit Schraubenkupplung auf der einen und Zughaken auf der anderen Seite. Der Rahmen bestand größtenteils aus einer Schweißkonstruktion, allerdings lassen einige Nietverbindungen auf die Möglichkeit der Verwendung von Teilen eines ausgemusterten Fahrzeuges schließen.

Die beiden geschwungenen Pflugschare waren starr angeordnet. Als Gewichte dienten zwei Betonblöcke, zwischen denen sich mittig – über Tritte erreichbar – ein Bedienstand befand, von dem aus die einseitig auf eine Achse wirkende Feststellbremse betätigt werden konnte. Ferner besaß der Pflug noch eine Druckluftleitung und vier Zugschlußhalter.

III. Betriebseinsatz

Mit Sicherheit kann gesagt werden, daß in der Hauptwerkstatt Meiningen der Königlichen Eisenbahn-Direktion (KED) Erfurt im Jahre 1909 ein zweiachsiger Schneepflug für Meterspur gebaut wurde. Zunächst trug er die Nummer 51030 und ab 1911 – mit Einführung eines neuen, nur für die Schmalspurfahrzeuge gültigem Nummernschemas – die Bahndienstwagennummer 901. Mit einer LüP von 6200 mm, einem Achsstand von 2400 mm und einem Gewicht von 15,0 t entsprach er in etwa dem Geraer Pflug, allerdings war der Aufbau gemäß einer Skizze im Fritz-Hager-Archiv der Traditionsbahn Radebeul nicht identisch!

Zum Einsatz kam der Pflug auf den schmalspurigen Staatsbahnstrecken der KPEV in Thüringen: Eisfeld – Schönbrunn, Hildburghausen – Lindenau und Dorndorf – Kaltennordheim. Laut Reichsstatistik (Statistischer Nachweis St 21) erscheint dieser allerdings ab 1935 nicht mehr im Bestand. Mit dem Umbau der letztgenannten Reststrecke der Feldabahn im Jahre 1934 kam es zu einer größeren Ausmusterungswelle, die eventuell auch den Pflug 901 betraf.

Des weiteren wird ein dreiachsiger Schneepflug ab 1933 (oder früher) bis mindestens 1943 geführt, der nun sicher den Aufgaben auf den zwei verbliebenen Linien genügte. Da 1950 kein derartiges Fahrzeug im Bereich zu finden war, müßte es 1946 unter das in die damalige Sowjetunion verbrachte Reparationsgut gefallen sein. Auf der 1949 von der Deutschen Reichsbahn übernommenen GMWE konnte kein Schneepflug nachgewiesen werden, obwohl sicher auch hier eine Schneeberäumung erfolgte.

Diese Fakten würden erklären, daß Anfang der fünfziger Jahre in der Rbd Erfurt zwei Schneepflüge – angeblich unter Verwendung vorhandener O-Wagen der Eisfelder Strecke – neu gebaut wurden. Zunächst in Eisfeld stationiert, erhielten sie die Nummern 99-20-51 und 99-20-52. Die Darstellung in /2/: „der für Gera-Pforten bestimmte Schneepflug wurde auf dem Wagen 99-21-51, vormals „Erfurt 562“, Baujahr 1904, aufgebaut und erhielt in Gera die Nummer 99-60-54“ widerspricht sich in sich. „Erfurt 562“ (ex 30158, ex Feldabahn 84) war ein dreiachsiger offener Güterwagen, Baujahr 1900 (MAN), mit einer LüP von 6900 mm und einem Achsstand von je 2000 mm. Vielleicht diente dieser Anfang der dreißiger Jahre als Spenderfahrzeug für den dreiachsigen Pflug?

Der offene Wagen 99-21-51 (ex 10.501, ex „Erfurt 462“), Baujahr 1904, wies eine LüP von 7100 mm, einen Achsstand von 3500 mm und ein Eigengewicht von 5,48 t auf, er entstammte übrigens dem 1913 von der KED Köln übernommenen Wagenpark. Ob er als Teilespender gedient hat, ist nicht nachweisbar, auf Grund der Wagennummer dürfte der Aufbau des Pfluges dann wohl erst nach 1952 erfolgt sein!? Welcher Wagen diente dann aber zum Aufbau des zweiten Pfluges? Vermutlich handelt es sich eher um einen Abschreibfehler: 99-60-54, ex 99-21-51 statt richtigerweise 99-20-51! Die falsche Quellenangabe ist leider im Hager-Archiv zu finden, da hier sowohl die Nummer „Erfurt 562“ wie an anderer Stelle auch 99-21-51 dem 99-60-54 zugeordnet werden.

In den fünfziger Jahren wurde der Schneepflug 99-20-51 nach Gera-Pforten umgesetzt und erhielt wie erwähnt die neue Nummer 99-60-54. Das Bruderfahrzeug 99-20-52 in Eisfeld lief zwischenzeitlich unter der Bahndienst-Geräte-Nummer 730 100. Mit der Beschaffung neuer Rollwagen aus dem Raw Jena im Jahre 1959 wurden diese an die bisherige letzte Rollwagennummer 99-20-33 als 99-20-34 bis 73 angereiht, so daß es zu einer Doppelbelegung der 99-20-51 und 52 kam. Daher zeichnete man den Pflug in 99-20-80 um. Am 15. Dezember 1973 wurde er nach der Betriebseinstellung (31. März 1973) ausgemustert und später in Eisfeld zerlegt.

IV. Verbleib

99-60-54 versah seinen Dienst – wenn nötig – bis zur Streckenstillegung 1971 zwischen Gera-Pforten und Wuitz-Mumsdorf. Ob er anschließend absichtlich oder infolge einer Entgleisung neben dem Streckengleis nördlich des Bahnhofes Gera-Leumnitz zum Liegen kam, kann nicht gesagt werden. Beraubt seiner Schare (Schrott!) harrte das Fahrzeug in ungenutztem Gelände bis Anfang des Jahres 2002 aus, dann erst wurde es zerlegt.

Eine von verschiedenen Eisenbahnfreunden angedachte Bergung ist damit nun hinfällig, wieder einmal bestätigt sich die Erkenntnis: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Um so erfreulicher ist es, daß inzwischen von Freunden der IG Wagen die Kästen des einst zweiachsigen Packwagens „Erfurt 241“ (siehe PK 64, S. 30f. sowie PK 66, S. 31) und des vierachsigen Sitzwagens 900-306, ex „Erfurt 141“, (siehe PK 52, S. 27f.) sichergestellt worden sind. Sie befinden sich nun in der Obhut der IG Hirzbergbahn (siehe PK 58, S. 16f.). Der Kasten des zweiachsigen Pack/Sitzwagens 905-051, der ebenfalls zuletzt auf der GMWE im Einsatz stand, wurde hingegen vor kurzen vom Kohlebahnen-Verein Haselbach geborgen und nach Meuselwitz gebracht.
Joachim Schulz

Quellen:

  • /1/ Fritz-Hager-Archiv Traditionsbahn Radebeul
  • /2/ Dietmar Franz, Rainer Heinrich, Reinhard Taege; Die Schmalspurbahn Gera-Pforten – Wuitz-Mumsdorf, Eisenbahnkurier-Verlag, Freiburg 1998
  • /3/ Hans Löhner; Das „Gründerla“ von Eisfeld nach Schönbrunn, Staffelsteiner Eisenbahnfreunde e.V., Coburg 1992
  • /4/ eigenes Archiv


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