Gastlokomotive 354.7152 des KHKD Prag

I. Einführung

Von 1909 bis 1917 beschafften die k. & k. Staatsbahnen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie insgesamt 380 Personenzug-Lokomotiven der Achsfolge 1'C1' und reihten sie in die Baureihe 429 ein.

183 Maschinen davon wurden mit Verbundtriebwerk aus Hochdruck- und Niederdruckzylinder gefertigt, ab 1911 begann zudem die Lieferung von 197 Loks mit Zwillingstriebwerk. An der Herstellung beteiligten sich die Maschinenfabrik der priv. österreichisch-ungarischen Staatsbahngesellschaft in Wien, die Aktiengesellschaft der Lokomotivfabrik vorm. G. Sigl in Wiener Neustadt, die Wiener Lokomotivfabrik in Floridsdorf und die Erste Böhmisch-Mährische Maschinenfabrik in Prag.

Im Ergebnis des Ersten Weltkrieges gelangten 1918 152 Lokomotiven zu den neugegründeten Tschechoslowakischen Staatsbahnen CSD und wurden fortan als Baureihe 354.7 geführt. Hier wurden die Maschinen in den Werkstätten Laun (Louny) und Pilsen von 1926 bis 1938 rekonstruiert. Sie erhielten dabei einen neuen Kessel mit Stahlfeuerbüchse. Nach der Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich wurden 1938/39 60 Lokomotiven der Deutsche Reichsbahn (DRB) übergeben, die ihnen die Baureihenbezeichnungen 35.2 und 35.3 zuteilte.

Bis zur zweiten Hälfte der sechziger Jahre stand die Baureihe 354.7 bei der CSD noch im Planeinsatz. Noch Anfang der sechziger Jahre bespannten die 1'C1'-Maschinen Züge auf der 254 km langen Strecke von Havlickuv Brod (Deutsch Brod) nach Liberec (Reichenberg). Bis zum Jahresende 1970 wurden jedoch alle Maschinen ausgemustert. Nur drei Maschinen blieben der Nachwelt erhalten, eine in Polen, eine in Österreich und als einzige betriebsfähige die 354.7152 des Prager Eisenbahnklubs KHKD.

II. Beschreibung der Bauart

Die Lokomotiven waren für die Beförderung von Personenzügen auf Hauptstrecken und von leichten Schnell- und Eilzügen auf Nebenstrecken bestimmt und entsprechend dem leichteren Oberbau in der k. & k. Monarchie nur mit einer Achslast von 14 t geliefert worden. Der Kessel mit einer Rostfläche von 3 m² wird mit einem Dampfdruck von 14 bar betrieben. Einer Gesamtheizfläche von 133 m² ist ein relativ kleiner Überhitzer mit 23,8 m² nachgeschaltet.

Das Zweizylinder-Zwillingstriebwerk mit einem Zylinderdurchmesser von 475 mm arbeitet auf die 1574 mm großen Treibräder, die der Lok eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h verleihen. Dabei bringt die Lok gerade einmal 61,2 t Dienstgewicht auf die Schiene, die sich auf die fünf Achsen verteilen. Bei der Rekonstruktion erhielten die Lokomotiven die zuletzt noch vorhandene Kesselbauform mit Verbinderrohr zwischen den beiden Dampfdomen.

Im Gegensatz zu Deutschland erhielten die Tender bei den CSD immer eine eigene Baureihen-Nummer. Die 354.7 wurden mit dem Tender der Baureihe 516.0 gekuppelt. Der dreiachsige Tender faßte 16 m³ Wasser und 8,5 t Kohle, wobei als Besonderheit die Wassereinläufe seitlich auf ganzer Länge des Kohlekastens liegen. Lok und Tender bringen es gekuppelt auf eine Gesamtlänge von 16945 mm bei einem Dienstgewicht von 100,2 t.

III. Der Einsatz von Dampflok 354.7152

Die Dampflokomotive 354.7152 wurde mitten im Ersten Weltkrieg – 1917 – durch die Erste Böhmisch-Mährische Maschinenfabrik in Prag-Liben gefertigt. Mit der Fabriknummer 657 absolvierte sie ihre Probefahrt im Streckenabschnitt Nusle – Uhrineves und erhielt anschließend bei den Kaiser- und königlichen Staatsbahnen die Betriebsnummer 429.1996. Der zur Zeit mit der Lok gekuppelte Tender entstammt bereits einer Lieferung der Ringhoffer-Werke in Prag aus dem Jahre 1915.

Nur kurze Zeit später wurde der Lok durch die neugegründeten Tschechoslowakischen Staatsbahnen CSD die neue Betriebsnummer 354.7152 zugeteilt. Über ihre ersten Einsätze liegen keine Angaben vor. In den dreißiger Jahren war die Lok beim Depot Usti nad Labem (Aussig) stationiert. Zum Einsatz bei den Böhmisch-Märischen Bahnen im deutschen Protektorat zwischen 1939 und 1945 liegen ebenfalls keine Angaben vor. In den fünfziger Jahren wurde die Lok beim Depot Louny geführt. Anfang der sechziger Jahre stand sie noch vor Planzügen zwischen Prag und Most (Brüx) im Einsatz.

Ihre letzten Einsätze absolvierte 354.7152 ab 1964 im Güterzugdienst beim Depot Usti nad Labem. Dort stand sie letztmals am 15. Mai 1967 im Einsatz, bevor sie am 26. Juli 1967 ausgemustert wurde. Ihre Erhaltung verdankt sie dem Heimatmuseum in Nymburk (Nimburg/Neuenburg), das die Lok anschließend übernahm. Ihre Abstellung unter freiem Himmel war dem Zustand aber alles andere als zuträglich. Dies änderte sich erst 1981, als der neugegründete Klub KHKD die äußerliche Aufarbeitung der Lok übernahm. Bis 1987 wurde sie wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzt und anschließend auf verschiedenen Ausstellungen präsentiert.

Im Jahre 1990 ging die Maschine in den Besitz des Klubs über. 1993 wurde die Lok zum Depot Brno (Brünn) umgesetzt, wo bis 1997 ihre betriebsfähige Aufarbeitung erfolgte. Im Dezember 1996 stand sie nach knapp 30 Jahren wieder unter Dampf. Ihre Probefahrt absolvierte sie am 8. März 1997 zwischen Uvaly und Cesky Brod. Seither ist sie als einzige betriebsfähige Lok ihrer Baureihe nicht nur auf böhmischen Gleisen unterwegs. Stationiert ist die Lok im Depot Praha-Vršovice.

IV. Der Eisenbahnklub KHKD

Der Klub für die Geschichte des Schienenverkehrs (KHKD) wurde 1981 gegründet. Der erste Erfolg bestand in der äußerlichen Aufarbeitung der Dampflokomotive 354.7152, die längere Zeit im Freien verbracht hatte. Inzwischen gehören zum Bestand des Klubs zehn Dampflokomotiven, zwei Diesellokomotiven, drei Triebwagen und mehr als 70 Reisezug- und Güterwagen. Zusätzlich betreut der Klub noch eine Dampflok und sieben historische Reisezugwagen des Nationalen Technischen Museums in Prag, darunter den Salonwagen des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand I.

Mit seinen historischen Fahrzeugen nahm der KHKD an den 150-Jahr-Feiern der Eisenbahnen in Breclav (Lundenburg), Prerov (Prerau), Prag und Bratislava (Preßburg) teil. Der Klub erhielt dabei keinerlei finanzielle Unterstützung und finanzierte sich ausschließlich durch eigene Aktivitäten. Mehrfach wurden KHKD-Fahrzeuge auch für Filmarbeiten eingesetzt. Für das operative Geschäft wurde 1994 die Gesellschaft HERKULES KHKD s.r.o. gegründet, um den Klub von den finanziellen Risiken zu entlasten.

Zum betriebsfähigen Lokbestand zählen neben 354.7152 auch 423.094, 464.102 und nicht zuletzt 555.0153, die aus Jugoslawien über Österreich „rückimportierte“ ehemalige 52 7620, die 2003 in Ceske Velenice betriebsfähig aufgearbeitet wurde. Diese Kriegslok kam 1945 noch vor Kriegsende von Thüringen ins Sudetenland, wo sie nach dem 8. Mai von den CSD in den Bestand übernommen worden war.

Falk Thomas

Info:

HERKULES KHKD s.r.o.
U hranic 1457/15
100 00 Praha 10
Tschechische Republik
Tel. +420 267 312 957
Fax +420 267 315 262


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