Fahrzeuge des VSE

Kleinlokomotive Kö0049

I. Einführung

Der Eisenbahnbetrieb gestaltete sich Anfang des 20. Jahrhunderts extrem aufwendig. Für alle Rangiertätigkeiten mußten Dampflokomotiven vorgehalten werden, die durch ihre zweimännige Besetzung erhebliche Personalkosten verursachten. Die Erfindung des Benzin-Motors durch Wilhelm Maybach 1883 und des Dieselmotors durch Rudolf Diesel 1897 sollten dies in Zukunft ändern. Vorerst kamen die Motoren, die sich flüssiger Treibstoffe bedienten, nur in leichten Feldbahn- und Bauzuglokomotiven zum Einsatz.

Der auf der 1920 gegründeten Deutschen Reichsbahn lastende Kostendruck zwang aber auch diese zur Rationalisierung vor allem des leichten Rangierdienstes auf den Unterwegsbahnhöfen der Nahgüterzüge. Dort mußten bisher die Zuglokomotiven die Zustellung und Abholung der Wagen von den Ladestellen übernehmen, was die Fahrzeit der Züge erheblich verlängerte. Ab Ende der zwanziger Jahre experimentierte die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft deshalb mit der Beschaffung von Kleinlokomotiven.

II. Die Leistungsgruppe I

Ab 1930 lieferten die Fabriken Jung, Orenstein & Koppel, Gmeinder, Deutz und Windhoff zunächst 26 Lokomotiven mit Leistungen bis zu 30 PS. Die Reichsbahn bediente sich dabei der Konstruktionen der Lokfabriken, auf die sie wenig Einfluß nahm, da man verschiedene Lösungen erproben wollte. Ab 1933 wurden diese Lokomotiven in einer Stückzahl von 76 Maschinen mit Leistungen zwischen 20 und 30 PS planmäßig beschafft. Die Beschaffungspreise lagen dabei zwischen 8700 und 10800 Reichsmark.

Um die inzwischen angewachsene Typenvielfalt zu begrenzen, wurde die Konstruktion ab 1935 vereinheitlicht und nochmals 80 Maschinen mit Leistungen zwischen 25 und 30 PS beschafft. Sie erhielten erstmals einen einheitlichen Lokkasten und eine Länge über Puffer von 5475 mm. Jede Lok- bzw. Motorenfabrik baute aber Motoren aus ihrer Produktionspalette ein. Der Beschaffungspreis lag bei ca. 12000 Reichsmark.

1935 folgte nochmals eine Bauserie von 105 Maschinen der Einheitsbauart, die jedoch eine auf 35 bis 39 PS erhöhte Motorleistung hatten. Die Länge über Puffer war um 100 mm auf 5575 mm angewachsen. Entsprechend erhöhte sich auch ihr Preis auf ca. 14000 Reichsmark. Alle Lokomotiven mit Motorleistungen kleiner 50 PS wurden der Leistungsgruppe I zugeordnet.

Die Lokomotiven der Vorserie schieden wegen der sehr geringen Motorleistung bereits in den dreißiger Jahren aus dem offiziellen Betriebsdienst aus, eine größere Anzahl fand jedoch als Gerät weiter eine Verwendung, z.B. in Werkstätten. Lokomotiven aller nachfolgenden Serien standen bei der Reichsbahn noch bis Ende der achtziger Jahre im Einsatz.

III. Kö0049

Die Lokomotive Kö0049 wurde am 8. Dezember 1932 unter der Fabriknummer 5396 von der Lokomotivfabrik Arnold Jung in Jungenthal an die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft geliefert. Der Beschaffungspreis belief sich auf 8940 Reichsmark. Nach ihrer Fabriknummer müßte sie eigentlich eine niedrigere Ordnungsnummer erhalten haben, da 1932 mit höherer Fabriknummer bereits die Lokomotiven Kö0017 bis 0026 von Jung abgeliefert wurden. Während die 1933 von Jung gelieferten Kö0042 bis 0048 über einen Innenrahmen verfügten, weist die Kö0049 einen Außenrahmen auf. Interessanterweise ist die Kö0049 ein absoluter Einzelgänger. Möglicherweise diente die Lok als Versuchsmuster für den Einsatz des neu entwickelten Motortyps.

Der 20 PS starke, ebenfalls von Jung gebaute Zweitakt-Dieselmotor vom Typ SZ105 verlieh der Lok die sagenhafte Höchstgeschwindigkeit von 8 km/h. Der Antrieb erfolgte über ein zweistufiges Jung-Getriebe und Ketten auf beide Radsätze der nur 7,7 Tonnen leichten Lok. Geschaltet wurden die Gänge über eine Klauenkupplung. Zwischen Motor und Getriebe befand sich eine Hauptkupplung, die vom gleichen Handrad betätigt wurde wie die Klauenkupplungen, wobei nur bei ausgerückter Hauptkupplung geschaltet werden konnte.

Der Raddurchmesser wich mit nur 700mm ebenfalls deutlich von der Lieferserie 1933 ab und entsprach der 1932 gelieferten Serie. Bei einer Länge von 5075mm wirkt die 2800 mm breite Lok eher gedrungen. Gebremst wurde ausschließlich mit einer Fußbremse.

IV. Aus einem ungewöhnlichen Lokleben

Zunächst wurde Kö0049 der Lokomotiv-Versuchsanstalt in Berlin-Grunewald zur Erprobung überstellt. Anschließend wurde die Lok auf dem Bahnhof Schneidemühl Pbf (heute Pila) in der RBD Osten erprobt. Hier konnte sie jedoch nicht überzeugen, Motorleistung und die geringe Höchstgeschwindigkeit reichten für den Verschiebedienst nicht aus. Im August 1934 wurde die Lok von Schneidemühl abgezogen und auf dem Bahnhof Altkarbe weiterverwendet. Mit dem Eintreffen von leistungsstärkeren Kleinlokomotiven der Leistungsgruppe II trennte man sich Anfang 1936 von dem Einzelgänger und gab ihn in die RBD Halle ab. Dort wurde sie als Rangierlok auf dem Bahnhof Crensitz eingesetzt.

Ab 1936 begann bereits die Ausmusterung der ersten Vorserienlokomotiven. Kö0049 erwischte es nach nur sieben Dienstjahren im November 1939. Als Gerät fand sie jedoch im Bww Halle-Diemitz weiter Verwendung. Spätestens 1965 soll sie zum VEB Blechverpackungswerk nach Bad Köstritz gelangt sein, wo sie bis 1992 als Rangierlok auf der Anschlußbahn im täglichen Einsatz stand. Nähere Angaben sind leider nicht verfügbar, da das Betriebsbuch nicht mehr vorhanden ist.

Nachdem die Lok wegen Umstellung der Transporte auf die Straße 1992 arbeitslos geworden war, entdeckte ein Vereinsmitglied das seltene Fahrzeug. Im Sommer 1995 konnte die Lok vom neuen Besitzer des Blechverpackungswerkes, der Fa. STAHLO aus Dinslaken, als Leihgabe übernommen werden. Im August 1995 wurde die Lok nach Schwarzenberg überführt und anschließend äußerlich aufgearbeitet. Dabei wurden durchgerostete Teile des Führerhauses neu beblecht und vernietet. Die Lok ist betriebsfähig, wird jedoch wegen der geringen Motorleistung nur sehr selten im Rangierdienst eingesetzt.

Falk Thomas


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