Die Preßnitztalbahn hat eine neue Lok ...


Kein Scherz, sondern seit 18.12.1998 pure Realität. Kenner werden bei der Fahrzeug-Nummer sofort denken, daß es sich wohl kaum um eine sächsische Lok handeln kann. Nun handelt es sich aber dennoch nicht um Stilbruch, daß das Fahrzeug jetzt zur Preßnitztalbahn kommt - es ist vielmehr ein Exponat, das die sächsische Dampflokgeschichte ganz eindeutig repräsentiert.

Zu einer Zeit, als Dampflokneubau in Mitteleuropa ausgestorben schien, wurde im Ausbesserungswerk Görlitz unter dem Deckmantel einer Untersuchung an einer vorhandenen Lok ein kompletter Neubau einer Dampflok betrieben. Tatsächlicher Endpunkt des Dampflokneubaus in Sachsen.

Trotz der "erst" 33 Jahre hat die Lok bereits eine interessante Geschichte - mit Fortsetzung bei der Preßnitztalbahn in Sachsen.


I. Vorbemerkung

Seit dem 18. Dezember 1998 gehört eine vierte Dampflok zum Bestand der Preßnitztalbahn. Es ist die 1966 gebaute Cn2t 99 4511-4 der ehemaligen Deutschen Reichsbahn. Die 750-mm-Lok wurde vom Holiday-Park Haßloch bei Neustadt/Weinstraße in der Pfalz gekauft. Dort war sie seit 1977 hinterstellt, jedoch nur kurzzeitig für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit dem Erwerb der Maschine durch die Preßnitztalbahn kehrte sie jetzt auf die Gleise einer (ostdeutschen) Eisenbahn zurück. Die Lokomotive ist nicht betriebsfähig.

Ia. Die "alte" 4511

Auch wenn sie mit der alten Lok mit der Erstbelegung der Betriebsnummer "4511" wenig gemeinsam hat, seien doch ein paar Angaben zum diesem Fahrzeug vorangestellt: Laut Betriebsbuch wurde die Naßdampflok 1899 mit der Fabriknummer 4113 und der Achsfolge C1n2t bei Krauss & Co. in München gebaut. Bis 1961 stand sie auf der 750-mm-Schmalspurbahn Rathenow – Senske – Nauen im Einsatz. Nach Stillegung dieser Linie ist die Maschine auf die Insel Rügen umgesetzt worden.

Anhand Tabelle 1 (Auszug aus Betriebsbogen) lassen sich die letzten Betriebsjahre der 99 4511 (alt) etwas nachvollziehen:

Tabelle 1

Anhand der Einsatz- und Abstelltage ist auch eine Beurteilung des Betriebsumfanges auf den Einsatzstrecken möglich. Über ein Jahr stand die "alte" 4511 im Raw Görlitz auf dem Rand, bis die "neue" parallel dazu das Licht der Werkhallen erblickte.

II. Technische Daten

Von April 1965 bis März 1966 "rekonstruierte" das Reichsbahnausbesserungwerk Görlitz-Schlauroth die Lokomotive. Dabei erhielt sie neben einem neuen Kessel (Hersteller Raw Halberstadt, 14 bar zulässiger Überdruck) auch ein neues Fahrwerk ohne Laufachse. Offiziell wurde die vorhandene Lokomotive einer Zwischenuntersuchung mit Kesselhauptuntersuchung unterzogen. Wie dem nebenstehenden Auszug aus dem Betriebsbuch in der Ausbesserungsniederschrift ("...erneuert wurden...") zu entnehmen ist, handelt es sich ganz offensichtlich um einen Neubau.

Dieser Neubau wird an zahlreichen Details und deutlichen Unterschieden zum Vorgänger sichtbar. Deutlichster Unterschied ist die Veränderung der Achsfolge sowie die Verwendung von zahlreichen Teilen aus dem IVK-Rekonstruktionprogramm.

Die neue 99 4511 hat nun eine LüP von 6045 mm bei 18,1 t Dienstmasse. Mit ca. 80 PS konstruierter Leistung steht sie den ca. 200 PS starken IVK´s deutlich nach. Auch optisch unterscheidet sich die Lok deutlich von ihrem Nummern-Vorgänger, den sie im Raw Görlitz vor der Zerlegung noch "angetroffen" hat.

III. Lebenslauf

Nach dem Umbau wurde der nunmehrige C-Kuppler nochmals kurzzeitig auf Rügen eingesetzt, gelangte dann aber nach wenigen Einsatztagen Anfang ´67 auf das Prignitzer Schmalspurnetz, da man auf der Insel offensichtlich kein Bedarf an einer Neubaulok hatte. Dort war das Fahrzeug beim Bahnbetriebswerk Wittenberge der Rbd Schwerin stationiert und wurde von der Einsatzstelle Glöwen nach Havelberg eingesetzt. Rund zwei Jahre hatte die Lok nun einen geregelten Betriebseinsatz. Nach Ablauf der regulären Verlängerung der Kesselfrist im März ´70 wurde die Lok nochmals von der Ausbesserung zurückgestellt, da offensichtlich kein längerer Bedarf abzusehen war.

Jedoch stand die Lok auch beim Streckenrückbau so im Einsatz, daß man im Januar ´71 noch einmal eine komplette Hauptuntersuchung im Raw Görlitz vornehmen ließ. Nach der Rückkehr von der HU auf ihre Heimatstrecke konnte sie jedoch nur noch ganze 6 nachgewiesene Einsatztage fahren - dann gehörte sie zum "alten Eisen". (siehe Auszug aus Betriebsbogen ´66-´72 (Tabelle 2)) An diesen 6 Betriebstagen ist die Lok nachweislich mit der EDV-Nummer 99 4511-4 im Einsatz gewesen.

Tabelle 2

Nach der Einstellung des Verkehrs verblieb die Maschine zunächst einige Zeit auf dem Bahnhof Glöwen abgestellt, ehe sie Ende 1977 in die Bundesrepublik Deutschland an den Holiday-Park in Haßloch verkauft wurde. Ohne hier jemals in den Blickwinkel der Öffentlichkeit gerückt zu werden, entsprechende Pläne nach einer "Erlebnis-Bahn" zerschlugen sich offensichtlich, verblieb sie als Edelschrott im Hintergrund. Mit der Absicht, sich von der Lok zu trennen, ergab sich für die IG Preßnitztalbahn e.V. die Möglichkeit, sich mit einem Gebot um die Lok zu bewerben. In Jöhstadt wurde in einer ersten Kurzuntersuchung die Rollfähigkeit der Lok nach jahrzehntelanger Abstellzeit wieder hergestellt.

IV. Weitere Perspektive

Auch wenn es aufgrund des technischen Zustandes nicht ausgeschlossen ist, daß sie einmal wieder fahren kann, wird die Lok vorerst nur als rollfähiges, aber nicht selbst betriebsfähiges Exponat bei der Preßnitztalbahn zu besichtigen sein. Durch die Verwendung von gleichen Baugruppen wie bei der IV K bestehen auch gute Voraussetzungen der Instandhaltung des Fahrzeuges.

Während die drei IV K-Maschinen der Preßnitztalbahn abwechselnd im Betriebseinsatz zu erleben sind, wird die 99 4511-4 als technisches Schauobjekt sicher auch öfter außerhalb des Erzgebirge zu besichtigen sein. Als letzte komplett neu gebaute Schmalspurdampflok aus Sachsen verkörpert die Lok ein Stück Eisenbahngeschichte, das im Umfeld der Preßnitztalbahn Stück für Stück interessant aufgearbeitet und präsentiert werden kann. Der Verein ist natürlich sehr an entsprechenden Dokumenten und Belegen aus dem Betriebseinsatz der Lok interessiert.

Natürlich freut sich der Verein auch über zweckgebunden für den Erhalt und die Aufarbeitung der Lok zugedachte Spenden. Spenden können auf das Konto 3571 000 837 bei der Kreissparkasse Annaberg, BLZ 870 570 00, Kennwort "Lok 99 4511-4" eingezahlt werden.

Jörg Müller / André Marks


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