Der interessante Wagenkastenfund: Folge 14

Zugführerwagen K 2009 (975-105)

Zweiachsige sächsische Gepäckwagen, korrekterweise als Zugführerwagen bezeichnet, findet der Schmalspurfreund nicht gerade zahlreich. Nur sieben Exemplare sind bisher bei den Schmalspurbahnen bzw. Schauanlagen museal erhalten. Um so begrüßenswerter ist es, daß jetzt ein weiterer Wagenkasten diesen Typs geborgen wurde, der zudem auf Grund seiner Bauart und Geschichte einen Außenseiter darstellt.

I. Vorbemerkung

Die K.Sächs.Sts.E.B. setzten auf ihren Schmalspurlinien ab 1886 Gepäckwagen mit Zugführerabteilen ein. Zunächst versahen zwölf Wagen der Gattung 763 ihren Dienst, bei der privaten Zittau-Oybin-Jonsdorfer Eisenbahn (ZOJE) liefen zwei bauartgleiche Wagen. Sie unterschieden sich von dem im folgenden beschriebenen Typ vor allem durch ihre beiden Endbühnen.

1890 wurden acht gedeckte Güterwagen der Gattung 760 (Baujahre 1883-1885 und 1888) zu Zugführerwagen umgebaut. Analog diesen beschafften die Staatsbahnen ab 1890 von den Eigenen Werkstätten in Chemnitz und Leipzig weitere 44 „Packmeister“ – wie man sie in Sachsen oft nannte. Die letzten vier davon wurden 1908 in den Bestand eingereiht. 1906 kam mit der Übernahme der ZOJE ein weiterer Wagen hinzu. 1911 zeichnete man nach entsprechendem Umbau nochmals einen Güterwagen, diesmal der Gattung 761 mit nur 3000 mm Achsstand (!), in einen Gepäckwagen um, so daß es insgesamt 54 Fahrzeuge dieser Bauart gab.

Nicht unerwähnt soll die Ausrüstung 14 weiterer gedeckter Güterwagen mit durchgehenden Trittbrettern und Handläufen in den Jahren 1897 bis 1904 bleiben, die somit bedarfsweise Personenzügen beigestellt werden konnten. Eine Umzeichnung erfolgte nicht.

II. Technische Daten

Die Zugführerwagen hatten wie die Güterwagen eine Länge über Puffer von 6480 mm. Der Wagenkasten war 5850 mm lang, 1690 mm breit und besaß eine waagerecht verlaufende Holzverschalung. Ausgerüstet mit Heberleinbremse und Trichterkupplungen hatte der Wagen ein durchschnittliches Gewicht von 3 t sowie bei einer Gepäckraumbodenfläche von 8,9 m2 bzw. 9,6 m2 (umgebaute gedeckte Wagen) eine Lademasse von 5 t. Die Wagen der Gattung 760 erhielten eine entsprechende Inneneinrichtung, zwei schmale Fenster mit zweigeteiltem Holzrahmen und durchlaufende Trittbretter mit zugehörigen Handläufen auf jeder Längswand.

Die ab 1890 gebauten Gepäckwagen besaßen desweiteren zur Wärmedämmung eine innere Verschalung. Im Unterschied zu den umgebauten Güterwagen ließen sich die an den Längsseiten mittig befindlichen außenlaufenden Schiebetüren in Richtung Laderaum öffnen und gewährten so im Zugführerabteil ständigen Lichteinfall. Noch verbessert wurde dieser Aspekt ab 1896, als die meisten Wagen zusätzlich einen sich über den gesamten Wagenkasten ziehenden Oberlichtaufbau erhielten. In einige Gepäckwagen wurden nachträglich Hundeabteile eingebaut. Zwei Wagen erhielten zwischen den beiden Weltkriegen anstatt des Oberlichtaufbaus ein hochgewölbtes Tonnendach.

III. Betriebseinsatz

Der hier vorgestellte Wagen entstammt einer Serie von fünf 1899 gelieferten Exemplaren und wurde bei den K.Sächs.Sts.E.B. als 1495 K bezeichnet. Hersteller waren die Eigenen Werkstätten in Chemnitz. Er ist einer der wenigen Wagen, die zu diesem Zeitpunkt ohne Oberlichtaufsatz ausgeliefert wurden. Seine erste Einsatzstrecke ist nicht genau ermittelbar, könnte aber im ostsächsischen Raum gelegen haben. Im August 1927 wurde er, nun bereits einige Jahre zur Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft gehörig, in K 2009 umgezeichnet. Nachweislich spätestens 1944 zählte er zum Bestand der Strecke Taubenheim – Dürrhennersdorf in der Oberlausitz. Diese Strecke wurde nach der Kapitulation Deutschlands 1945 ebenso wie die Linie Herrnhut – Bernstadt als Reparation abgebaut. Allerdings wurden nicht alle Fahrzeuge 1946 in die Sowjetunion abgefahren, noch 1948 befanden sich sieben Reisezugwagen, davon zwei C4, vier C4tr, der beschriebene Pw sowie 20 Rollfahrzeuge im Taubenheimer Bestand.

Im Sommer selben Jahres vermietete die Rbd Dresden diese Fahrzeuge an die der Vereinigung Volkseigener Betriebe unterstellten Landesbahnen Brandenburg. So gelangte der Packwagen neben je einem C4 und C4tr auf die bislang nur im Güterverkehr betriebene Kleinbahn Klockow – Pasewalk, auf der am 1. Februar 1948 der Reiseverkehr eingeführt worden war. Am 1. April 1949 wurde diese Bahn, wie fast alle Klein- und Privatbahnen der Sowjetischen Besatzungszone, der Deutschen Reichsbahn unterstellt. Dieses Datum dürfte damit für die Umbeheimatung des Wagens in die Rbd Greifswald zählen. Bei der Umzeichnung der Schmalspurwagen im Jahre 1950 bekam der Wagen seine neue Nummer 7.1914, die schließlich nochmals 1957 endgültig in 975-105 geändert wurde.

Am 27. Mai 1961 wurde der Reiseverkehr auf der Strecke Klockow – Pasewalk Ost offiziell eingestellt, die Ursache lag vorrangig im stark vernachlässigtem Oberbau infolge der fehlenden Instandsetzungskapazitäten der DR, die zulässige Streckenhöchstgeschwindigkeit betrug zum Schluß 8 km/h. Ein Restgüterverkehr blieb bis 27. September 1963 bestehen. Seinen letzten „Auftritt“ hatte der Gepäckwagen im Zug von Pasewalk nach Züsedom und zurück verkehrenden Abschiedszug am 4. Oktober 1963. Während die restlichen Reisezugwagen nach Putbus auf der Insel Rügen umgesetzt wurden, verblieb der Packwagen in Pasewalk Ost. Erst am 15. Juni 1964 wurde er als vorletztes Fahrzeug ausgemustert. Nur der zuletzt als Schneepflugwagen genutzte OOw Nr. 66 gelangte im November 1964 noch nach Zittau, um dort als 97-10-00 weiter seinen Dienst zu leisten.

Der Packwagen wurde nicht zerlegt, sondern sein Wagenkasten per 15.06.64 (MfV, Hauptverwaltung Wagenwirtschaft) privat nach Fahrenwalde verkauft. Die Absetzung vom Bestand erfolgte gar erst am 12. Oktober 1964. Später kam es nochmals zu einem Besitzerwechsel. Am 30. April 2004 übernahmen die Schmalspurfreunde des Schwarzbachtalbahn e. V. den Wagenkasten, der sich nach fast 40 Jahren „Nicht-Bahn-Nutzung“ in einem noch relativ guten Zustand befindet. Die bisherige Funktion als Geräteschuppen in einem Garten in Fahrenwalde (südöstlich von Pasewalk) wurde von den freundlichen Besitzern zugunsten der musealen Erhaltung aufgegeben.

IV. Verbleib

In Sachsen sind zwar bereits sieben zweiachsige „Packmeister“ in Rittersgrün, Geyer, Radebeul, Jöhstadt, Wilsdruff (nur Kasten) und Oybin (nur Kasten) zu besichtigen – der im Eigentum der Traditionsbahn Radebeul e. V. befindliche 1439 K ist sogar betriebsfähig – trotzdem ist das Engagement des Schwarzbachbahnvereins zur Rettung des Kastens sehr zu begrüßen, da er längst ein Unikat darstellt. Er ist der einzige noch vorhandene zweiachsige Packwagen ohne Oberlicht. Bemerkenswert ist aber auch seine bewegte Geschichte – nur acht Zugführerwagen verließen Sachsen!

Seit 30. April befindet sich der Wagenkasten nun wieder in Sachsen. An diesem Tag wurde er im Bahnhof Lohsdorf abgeladen. Hier entsteht auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände eine Schauanlage, die an die 1951 eingestellte Linie Goßdorf-Kohlmühle – Hohnstein erinnern soll. Der Packwagenkasten kann dabei neben dem als Ausstellungsstück aufgestellten vierachsigen Güterwagen K 3028 (97-12-32) und weiteren als Lager genutzten Kästen (s. auch PK 75 Seite 17ff.) ständig besichtigt werden.

Die Tatsachen, daß der Neuzugang ursprünglich in der angrenzenden Oberlausitz lief und desweiteren die Hohnsteiner Strecke bis 1951 einen zweiachsigen Packwagen im Bestand hatte, untermauert die gute Wahl für seine neue, in Bezug auf Sachsen alte Heimat. Daß eine museale Herrichtung eines solchen Wagens Zeit, Geld und Geduld benötigt, ist natürlich selbstverständlich. Wichtig ist ja zunächst eine Sicherstellung eines solchen Reliktes! Weitere Infos zum Verein gibt es im Netz unter www.schwarzbachbahn.de.
Joachim Schulz

Quellen:
  • R. Fischer/S. Hoyer/J. Schulz: Die Wagen der sächsischen Sekundärbahnen, EK-Verlag Freiburg 1998.
  • K. Jünemann/W.-D. Machel/L. Nickel: „Marie Klockow kümmt“, in: Modelleisenbahner 1+2/1986.
  • W.-D. Machel (Hrsg.): „Klockow – Pasewalk“, in: Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland, GeraNova München.

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