Fahrzeuge der Preßnitztalbahn

Vierachsiger gedeckter Güterwagen (GGw)
der Einheitsbauart 97-12-10

I. Vorbemerkung

Seit Anfang Juni steht nun endlich auch ein GGw mit Bühne als betriebsfähiger Museumswagen auf der Preßnitztalbahn im Dienst. „Nanu - der ist ja höher als die anderen“, stellen einige Besucher seitdem fest, andere witzeln: „Der hat ja einen Balkon!“ Warum sich der Wagen 97-12-10 damit von den bisher vorhandenen GGw der Länderbahnbauweise abhebt, soll nun erklärt werden.

II. Vierachsige gedeckte Güterwagen

Seit 1901 beschafften die K. Sächs. Sts. E. B., später die Reichsbahn, für den Transport witterungsempfindlicher Güter auf Sachsens 750-mm-Linien vierachsige gedeckte Güterwagen (Gattung 764). Insgesamt wurden zwischen 1901 und 1929 dabei 564 Exemplare in Dienst gestellt. Wichen diese Fahrzeuge z. B. hinsichtlich ihres Sprengwerkes, ihrer Lüftungsklappen, der Aufhängung der Schiebetüren und der verwendeten Federausführung im Fachwerkdrehgestell zwar leicht voneinander ab, so wurden sie dennoch alle einer Gattung und einem Typ zugeordnet.

Da Ende der zwanziger Jahre noch immer ein Bedarf an gedeckten Güterwagen bestand, beschloß die Rbd Dresden, auch diese Wagengattung gemäß zeitgenössischer Baugrundsätze zu überarbeiten. Innerhalb des Einheitswagenprogramms entwickelten die Ingenieure von LHB in Bautzen 1929/30 in Anlehnung an die 1928/29 letztmalig nachgefertigten GGw der Länderbahnbauweise einen neuen Waggontyp, der nun aber nicht nur über eine überdachte Bremserbühne, sondern auch über die modernen Preßrahmendrehgestelle verfügte. Aufgrund der höheren Ausführung letzterer erreichten die Einheits-GGw - trotz gleichbleibender Laderaumhöhe - eine um zirka 10-15 cm gesteigerte Höhe über Schienenoberkante (je nach Beladung und Radsatzstärke).

Da man die Bremserbühne nicht auf Kosten der Ladefläche schaffen wollte, erhielten alle Einheits-GGw ein um 715 mm längeres Untergestell als die bisherigen GGw. Dadurch stieg die Länge über Puffer von 10,23/10,45 m (abhängig von der Kupplung) auf 10,95 m, der Drehzapfenabstand hingegen von 6,70 auf 7,0 m. Doch trotz des längeren Rahmens erreichte die Ladefläche der Einheitswagen nur noch 17,7 statt 18 m2. Diese minimale Reduzierung begründet sich vor allem in der geringeren Breite der neuen Wagen. Diese betrug lediglich noch 1,920 m - während bei den GGw der Baujahre bis 1926 noch 1,928 m und bei den Nachbauwagen von 1928/29 sogar 1,942 m üblich waren. Das Ladegewicht aller GGw betrug unverändert 10 t.
In den Jahren 1930-1932 und 1934 lieferte LHB Bautzen insgesamt 75 Einheits-GGw an die Rbd Dresden aus, die alle über Körtingbremsen und geteilte Zugstangen verfügten.

III. Bau und techn. Beschreibung von 97-12-10

Der heute als 97-12-10 geführte Einheits-GGw stammt aus einer Serie von 25 Exemplaren, die LHB Bautzen im Jahr 1932 an die Rbd Dresden auslieferte.
Gemäß Zeichnung h26202 beträgt die Länge des Fahrzeuges über Puffer (LüP) 10,95 m, die Breite des Wagenkastens die genannten 1,92 m. Bei einer Wagenkastenlänge von 9,55 m wird - nach Abzug der Brettstärke - die Ladefläche von 17,70 m2 möglich. Die Höhe des Laderaumes wird mit 2,04 m angegeben.

Wie alle Einheitswagen wurden auch die 25 GGw des Baujahres 1932 mit geteilten Zugstangen und Körtingbremse ausgeliefert. Ob der spätere 97-12-10 bei seiner Indienststellung mit Trichterkuppelköpfen (sogenannten Übergangsköpfen) oder Scharfenbergköpfen versehen war, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, ob er damals schon ab Werk zusätzlich mit Heberleinrollen versehen worden war, um in seilzuggebremste Züge eingestellt werden zu können. Eine Aufnahme von 1967 belegt auf jeden Fall Heberleinrollen auf dem Dach.

IV. Geschichte des Museumswagens

Die Rbd Dresden nahm den Einheits-GGw 1932 werksneu mit der Betriebsnummer „K 3498 Dresden“ in Dienst. Auf welcher Strecke er anfangs zum Einsatz kam, ist bisher nicht bekannt. Im Jahr 1944 wurde er im Bestand der WCd-Linie (Wilkau-Haßlau - Carlsfeld) geführt.
Ab 1950 lautete die Betriebsnummer des GGw für ein Jahr laut Statistik 7.3498. Im Jahr 1951 zeichnete die DR die schmalspurigen gedeckten Güterwagen erneut um. Dabei erhielt der heute in Jöhstadt stationierte Museumswagen seine Nummer 97-12-10.

Doch nach der Einstellung der Strecke Wilkau-Haßlau - Kirchberg im Juni 1973 sah es so aus, als ob es für den GGw keine Zukunft mehr geben würde. 1974 wurde er ausgemustert. Doch sein Kasten blieb erhalten. Dieser wurde von der Bahnmeisterei Zwickau in Plauen (Vogtland) oberer Bahnhof als Lagerschuppen genutzt. Im Oktober 1993 übernahm die IG Preßnitztalbahn e. V. den Kasten und brachte ihn nach Jöhstadt. Hier stand er viele Jahre weiterhin ohne Drehgestelle als Lagerschuppen auf dem Lokbahnhof hinter dem Parkplatz für Dienstfahrzeuge.

Ende der neunziger Jahre gelang es dem Verein, in Wernigerode-Westerntor zwei in den fünfziger Jahren auf Meterspur verbreiterte Preßrahmendrehgestelle zu kaufen und nach Sachsen zurückzuholen. Bereits ab dem Jahr 2000 standen diese wieder auf 750 mm umgespurt mit Achsen vor der Fahrzeughalle in Schmalzgrube für den GGw 97-12-10 bereit. Doch es sollte noch bis zum Jahr 2003 dauern, ehe die IGP der tschechischen Firma MOVO in Pilsen den Auftrag erteilte, den Wagenkasten aufzuarbeiten. Sandgestrahlt, grundiert, lackiert und mit neuem Holz beplankt sowie braun lackiert kehrte der Kasten am 14. November 2003 aus der Tschechischen Republik nach Jöhstadt zurück. Hier erfolgten der Anbau von Zurüstteilen, die Beschriftung und die Zulassung des Wagens für den Museumsdienst. Seit 2. Juni 2004 steht er damit für Fotosonderzüge zur Verfügung.

Einen seiner ersten großen Auftritte erlebte er am 4. September 2004, als der Einheits-GGw gemeinsam mit den vorhandenen Länderbahn-GGw und den vielen anderen Güterwagen der IGP durch das Preßnitz- und Schwarzwassertal gezogen wurde.
Wie für 97-12-10 in den sechziger und siebziger Jahren belegt, erhielt der Einheits-GGw auch wieder Heberleinrollen, um in solcherart gebremste Züge eingestellt werden zu können.

André Marks


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