Der Bahnpostwagen 2680 der Schauanlage Hp Wilsdruff

Am 8. Dezember 2004 erhielt der Vertreter des Vereins „IG Verkehrsgeschichte Wilsdruff e. V.“ – wie im Editorial des PK 81 berichtet – vom Verein zur Förderung Sächsischer Schmalspurbahnen e. V. (VSSB) den 1. Platz des Claus-Köpcke-Preises 2004 überreicht. Mit dem mit 5000 Euro dotierten Preis würdigte der VSSB den Neuaufbau des historischen Bahnpostwagens der Kaiserlichen Post 2680. Geehrt wurde dabei ausdrücklich die außergewöhnliche Leistung eines kleinen Vereines (zwölf Mitglieder) stellvertretend für das große Engagement einzelner Eisenbahnfreunde. Aufgrund der vielen Fragen nach dem jetzt rot lackierten Postwagen erklärte sich der Vorsitzende der IG Verkehrsgeschichte e. V., Peter Wunderwald, bereit, aus der Geschichte des Fahrzeuges und seiner Restaurierung zu berichten.

I. Die Bahnpost auf Sachsens Schmalspurbahnen

Auf fast allen sächsischen Schmalspurbahnen fand einst eine Bahnpostbeförderung statt. Die Bahnpostwagen dienten dabei praktisch als „rollendes Postamt“. In ihnen wurden Postsachen aller Art transportiert und gleichzeitig während der Zugfahrt bearbeitet. In den zwanziger Jahren endete zunächst die Bahnpostbeförderung auf fast allen Schmalspurstrecken, wurde aber auf vielen im oder nach dem Zweiten Weltkrieg mangels Lkw wieder aufgenommen. Doch 1958 wurde die Bahnpostbeförderung mit eigenen Wagen auf den 750-mm-Bahnen dann endgültig eingestellt.

II. Die 750-mm-Bahnpostfahrzeuge

Wurden anfangs mehrere der äußerst kurzen zweiachsigen Güterwagen der Gattung 762 (Länge über Puffer 4,78 m) mit einer Einrichtung zur Postbeförderung versehen, so wurden ab 1893 für die Reichspostverwaltung 22 eigene zweiachsige Postwagen gebaut (Gattung I b). Diese entstanden auf den üblichen Güterwagenuntergestellen mit 6,48 m Gesamtlänge, 3,80 m Achsstand und einachsigen Drehgestellen. Doch auch einige zweiachsige Zugführer- und Sitzwagen wurden von den K. Sächs. Sts. E. B. vor der Jahrhundertwende für die Postbeförderung umgebaut.

Im Jahr 1908 beschaffte die Kaiserliche Reichspost bei der Waggon- und Maschinenfabrik AG, vormals Busch Bautzen, zwei neue geräumige vierachsige Bahnpostwagen. Sie wurden der Postwagengattung II b zugeteilt. 1912 folgte ein weiteres Baulos von ebenfalls zwei Wagen, das sich vom ersten Baulos nur durch die oben abgerundeten Fenster und Türen unterschied. Die K. Sächs. Sts. E. B. teilten den vier Wagen intern die Gattungsnummer 708 zu. Die auf 10 m lange Untergestelle gesetzten Kästen waren komplett aus Holz gefertigt und mit einem Oberlichtaufbau versehen, der jeweils etwa 1,20 m vor den Stirnwänden endete. An jeder Wagenseite befanden sich zwei zweiflüglige Türen sowie zwei Fenster. Der Briefeinwurf befand sich zwischen dem äußeren Fenster und der Stirnwand. Nach dem Ende des Postverkehrs Anfang der fünfziger Jahre blieb keiner der drei Wagen, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hatten, komplett erhalten.

III. Der Bahnpostwagen 2680

Während der Kasten des Wagens 2960 von 1912 in zunehmend desolaterem Zustand auf dem Bahnhof Freital-Hainsberg als Aufenthaltsraum überdauerte (inzwischen ist er von der IG Weißeritztalbahn e. V. auf einem Rollwagen sichergestellt), wurde der Wagen 2680 von 1908 im Jahr 1956 zum Mannschaftswagen 7.16002 (ab 1958 Nummer 979-002) umgebaut. Dabei wurde die Fenster- und Türanordnung völlig verändert und außerdem ersetzte man den Oberlichtaufbau durch ein Tonnendach.

Stationiert war er danach als Hilfszugwagen in Freital-Potschappel, von wo er bis 1969 im Wilsdruffer Netz eingesetzt wurde. 1970 wurde der Wagen an den Zweckverband kommunales Straßenwesen Neukirchen verkauft. Im Bf. Oberdittmannsdorf trennte man den Wagenkasten von den Drehgestellen und dem Sprengwerk und transportierte den Aufbau per Straße ins nahe gelegene Neukirchen. Anfang der achtziger Jahre kam der Wagenkasten wieder nach Oberdittmannsdorf zurück, wo er unmittelbar hinter dem ehemaligen Bahnhofsgebäude aufgestellt wurde. Dort stand er zugestellt mit Maschinentechnik und Material, bis er von der neu gegründeten IG Verkehrsgeschichte Wilsdruff entdeckt wurde.

IV. Der Wagen 2680 als Museumsfahrzeug

Nach zweijährigen Bemühungen konnte der Wagenkasten am 8. November 1986 geborgen werden. An eine umfassende Aufarbeitung war damals freilich noch nicht zu denken. Vorerst diente er als Materiallager am Haltepunkt Wilsdruff, wo durch den Verein eine kleine Schmalspursammlung entstand. Als er 1990 um originale Fachwerkdrehgestelle ergänzt werden konnte, fand er seinen Platz auf dem neu geschaffenen Ausstellungsgleis. Auf Grund des desolaten Zustandes wurde 1992 die Außenbeplankung größtenteils mit Baumarktholz erneuert. Außerdem erhielt er 1993 sein Sprengwerk zur Stabilisierung der Längsträger und die durchgehenden Trittbretter im Rahmen einer Neuanfertigung zurück. 1996 erfolgte der Nachbau von vier Flügeltüren nach originalem Vorbild. Im Rahmen zweier AB-Maßnahmen des Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerkes Dresden e. V. entstand der Wagen anschließend in den Jahren 2003/04 nach historischer Vorlage neu. Das bedeutete, daß neben der Aufarbeitung der Drehgestelle und des Rahmens ein kompletter Neubau des Wagenkastens nach historischem Vorbild notwendig war.

V. Die Farbgebung des Wagens

Die ursprüngliche Farbgebung des Wagens ist schriftlich nicht überliefert. Offenbar war die Lackierung im Außenbereich für jedermann eine Selbstverständlichkeit, die man nicht des Aufschreibens für würdig befand. Doch Farbfotografien gab es zur Zeit der Kaiserlichen Post noch nicht, und die Aussagen von Zeitzeugen waren nicht eindeutig. Handkolorierte Postkarten deuteten zwar auf eine rote bis rotbraune Farbgebung hin, aber diese konnte nicht als sicher gelten, da die „künstlerische Freiheit“ der Kartengestalter vielleicht auch eine Rolle gespielt haben mochte. So gab es für die Mitglieder der IG Verkehrsgeschichte e. V. nur die Möglichkeit der Analyse von Altsubstanz. Diese erfolgte im Dresdner Labor für naturwissenschaftliche Kunstgutuntersuchungen durch Professor Schramm und seine Frau. Dabei wurde von noch vorhandenen Altbrettern aus dem Jahre 1908 ein Querschliff angefertigt. In 120-facher Vergrößerung konnte so die Farbabfolge eindeutig identifiziert werden: graue Vorstreichfarbe als Egalisierung des Untergrundes, rote Erstfarbgebung, darauffolgende mehrere Schichten grün.

Da laut der Farbuntersuchung die erste Farbgebung exakt dem Farbton von Consolan Wetterschutz Rot 211 entsprach, fiel die Entscheidung zugunsten dieser Farbe. Da die „Eisenbahnhistorische Schauanlage Hp Wilsdruff“ als Besonderheit weitestgehend die Epoche I der Eisenbahngeschichte dokumentiert, hat sich der Verein dazu entschlossen, dem Postwagen seine ursprüngliche erste Farbgebung zurückzugeben. Zum Stationsfest am 2./3. Oktober 2004 konnten sich über 500 Besucher von der Attraktivität der neuen „alten“ Farbgebung überzeugen. Doch der Aufbau des Postwagens ist noch nicht beendet. So soll das Preisgeld vom Claus-Köpcke-Preis dazu verwendet werden, um einen Teil der historischen Inneneinrichtung nachzubauen, damit der Bahnpostwagen auch im Innenbereich bald dem historischen Vorbild weitestgehend wieder entspricht, und damit die Arbeit in einem „Postamt auf Rädern“ auch zukünftigen Generationen demonstriert werden kann.

Peter Wunderwald


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