Mit 65 noch nicht in Rente
die Dampflokomotive 50 3616

I. Einführung

Die Baureihe 50 zählte mit weit über 3000 gebauten Exemplaren zu den bedeutenden deutschen Lokomotiventwicklungen. Im April 1937 hatte die Reichsbahnhauptverwaltung das zuständige Reichsbahn-Zentralamt mit der Entwicklung einer leistungsfähigen Güterzuglokomotive für Nebenstrecken beauftragt. Die Lok sollte eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h besitzen und einen mittelschweren Zug auf einer Steigung von 1:80 noch mit 25 km/h befördern können. Ferner mußte sie in der Lage sein, Gleisbögen mit 140 m Halbmesser ohne Zwängen zu durchfahren.

Nach langen Diskussionen wurde schließlich die Ausführung als 1'E-Maschine beschlossen und am 31. Januar 1938 durch das Reichsverkehrsministerium gebilligt. Im Anschluß wurde das Vereinheitlichungsbüro der Deutschen Lokomotivindustrie mit der Konstruktion der 1'E-Variante beauftragt. Den Liefervertrag für die ersten zwölf Maschinen schloß das Reichsbahn-Zentralamt am 11. November 1938 mit der Firma Henschel ab, bereits am 17. März 1939 konnte die erste Maschine von der DRB übernommen werden. Immerhin wurden im Verlaufe des Jahres 1939 noch weitere 213 Maschinen der neuen Baureihe 50 an die DRB abgeliefert, nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verließen 1940 dann 636 Lokomotiven der Baureihe 50 die Werkhallen. Durch die Konzentration der Lokfertigung auf nur drei Baureihen konnten 1941 weitere 851 Maschinen gefertigt werden.

Ab 1942 begann die "Entfeinerung" der Konstruktion, um die Produktionszahlen zu steigern. Alle nicht zwingend benötigten Bauteile wurden dabei weggelassen oder stark vereinfacht. Diese Entfeinerungen betrafen z. B. den Wegfall von Oberflächenvorwärmer und Speisedom, den Verzicht auf Windleitbleche, eine Vereinfachung des Führerhauses durch Entfall eines Seitenfensters und die Zusammenfassung der Sandstreuanlage in einem Sandkasten. Durch die fortlaufenden Vereinfachungen war es immerhin möglich, im Jahre 1942 über 1000 Lokomotiven der Baureihe 50 abzuliefern.

Allmählich wurden die abzuliefernden 50er der neuen Baureihe 52 angeglichen. Dies führte sogar soweit, daß als 50er bestellte Maschinen bei ihrer Ablieferung schon in die Baureihe 52 eingeordnet wurden. Insgesamt waren von deutschen und ausländischen Lokfabriken bis August 1944 damit 3141 Lokomotiven der Baureihe 50 geliefert worden. Vor der zurückweichenden Ostfront versuchte die DRB ab 1944, so viele wie möglich der fast neuen Lokomotiven in Sicherheit zu bringen. Mehrere Loks verblieben jedoch in der Sowjetunion, Polen und anderen Ländern. Im Bereich der Sowjetischen Besatzungszone verblieben bei Kriegsende gerade einmal 350 Maschinen der Baureihe 50.

II. Umbauten nach Kriegsende

Bis zu 92 Loks mußte die Deutsche Reichsbahn nach 1945 für die neu gebildeten Lokkolonnen abstellen, etwa 240 Maschinen standen der Reichsbahn selbst für den "normalen" Verkehr zur Verfügung. Im Rahmen einer Gattungsbereinigung der DR wurden 1947 die Maschinen der Baureihe 50 konzentriert der Rbd Magdeburg zugewiesen, geringere Stückzahlen erhielten die Rbd Dresden, Greifswald und Schwerin.

Bereits 1941 hatte die Deutsche Reichsbahn feststellen müssen, daß der teilweise aus Gewichtsgründen eingesetzte Kesselstahl St47K stark zur Rißbildung neigte. Dieses Problem verschärfte sich noch nach Kriegsende, da sich der St47K nicht nur als sprödbruchanfällig, sondern auch als nicht alterungsbeständig erwies. Deshalb entschloß sich die DR Mitte der fünfziger Jahre zu einer Neubekesselung. Die Kessel wurden in geschweißter Ausführung gebaut. Zur Verbesserung der Verdampfung erhielten sie eine Verbrennungskammer. Der Naßdampfregler Bauart Schmidt-Wagner wurde als Seitenzugregler ausgeführt. Anstelle des Oberflächenvorwärmers wurde eine einstufige Mischvorwärmeranlage Bauart IfS/DR zur Vorwärmung des Kesselspeisewassers eingebaut.

Die ersten 23 Kessel für die Rekonstruktion lieferte der VEB Lokomotivbau Karl Marx Babelsberg, weitere 152 Kessel kamen vom VEB Schwermaschinenbau Karl Liebknecht Magdeburg und 33 vom Raw Halberstadt. Als erste umgebaute Lok verließ die ehemalige 50 380 am 12. November 1957 das Raw Stendal, versehen mit der neuen Betriebs-nummer 50 3501. Als letzte rekonstruierte Maschine wurde 50 3708, die ehemalige 50 1309, am 18. September 1962 abgeliefert.

Ab 1966 erhielten 72 Lokomotiven der Baureihe 50.35 eine Ölhauptfeuerung. Als erste verließ 50 3567, nun bezeichnet als 50 5001, am 31. Januar 1966 das Raw Stendal. Weitere 41 Loks folgten 1966/67, eine zweite Serie von 30 Maschinen wurde 1970/71 auf Ölhauptfeuerung umgebaut. Zur Brennstoffeinsparung wurden 75 Reko-Lokomotiven mit einer neu entwickelten Saugzuganlage des österreichischen Prof. Giesl-Gieslingen ausgerüstet. Ende der siebziger Jahre entschloß sich die DR wegen der geplanten nur noch geringen Restnutzungsdauer der Fahrzeuge, die patentgebührenpflichtigen Giesl-Ejektoren wieder auszubauen und die Loks auf einen Regelschornstein umzurüsten.

Anfang der achtziger Jahre sollten die kohlegefeuerten Lokomotiven der Baureihe 50 eigentlich ausgemustert werden, doch die Erdölkrise verhalf ihnen zu einer weiteren Existenz. Bis zu 15 Maschinen waren so ab 1983 täglich auf den sächsischen Strecken im Einsatz. Zum Fahrplanwechsel am 28. Mai 1988 endete offiziell der Einsatz der Glauchauer 50er, die Abschiedsfahrt absolvierte 50 3670 am 12. Juni 1988 vor dem Sandzug von Colditz nach Glauchau. 50 3559 des Bw Halberstadt beendete mit ihrer Abschiedsfahrt am 29. Oktober 1988 den planmäßigen Einsatz von normalspurigen Dampflokomotiven bei der Deutschen Reichsbahn.

III. 50 453 bei der Deutschen Reichsbahn

Im September 1940 verließ mit Fabriknummer 3415 die Lokomotive 50 453, die spätere 50 3616, die Fabrikhallen der Firma Schichau in Elbing. 176 000 Reichsmark zahlte die Deutsche Reichsbahn für die Maschine. Die Erstzuteilung brachte 50 453 in die RBD Stettin, ihre erste Heimat wurde ab September 1940 das Bw Stralsund. Am 31. Dezember 1942 wurde sie im Bw Angermünde geführt, wo sie auch im Februar 1944 noch beheimatet war. Danach verliert sich ihre Spur bis zum September 1945. Das Betriebsbuch weist ab 21. September 1945 einen Einsatz innerhalb der Lokkolonne 18 aus. Diese war zu jenem Zeitpunkt im Bw Wittenberg beheimatet und wurde als Binnenkolonne betrieben, d. h. sie brachte die Züge mit Reparationsgütern nur bis zum Grenzbahnhof an der polnischen Grenze. Nach rund neun Monaten Einsatz in der Lokkolonne wurde 50 453 in den Schadpark des Bw Stendal umgesetzt. Nach einer Aufarbeitung im Raw Stendal konnte sie am 14. April 1948 wieder in Betrieb gehen. Bis 1960 war nun das Bw Aschersleben ihre neue Heimatdienststelle, wobei Ausbesserungen weiterhin im Raw Stendal erfolgten.

Anfang Juli 1960 begann das zweite "Leben" von 50 453. Im Raw Stendal wurde sie mit einem Rekokessel mit Verbrennungskammer und Mischvorwärmer ausgerüstet. Ganze vier Wochen dauerte diese Rekonstruktion, am 2. August konnte die Lok, nun mit der neuen Nummer 50 3616 versehen, wieder in Dienst gehen. Für zwei Jahre wurde das Bw Stendal ihre Heimat, bevor sie 1970 über Halberstadt und Roßlau wieder im Bw Stendal landete. Auch die folgenden Jahre war 50 3616 immer auf Wanderschaft, über Haldensleben und Roßlau gelangte sie 1977 nach Pasewalk, wo sie aber kaum eingesetzt wurde, denn hier standen genug Öl-50er zur Verfügung. Im Oktober 1978 wurde die Lok schließlich in die Rbd Dresden zum Bw Karl-Marx-Stadt umgesetzt, wo allerdings 1981 der Dampflokeinsatz vorläufig beendet wurde.

Deshalb wurde 50 3616 im Frühjahr 1981 an das Bw Dresden abgegeben, wo Heizlokomotiven benötigt wurden. Meist stand 50 3616 jedoch auf den Abstellgleisen des Bw Dresden-Altstadt herum. Dies sollte sich Mitte der achtziger Jahre schlagartig ändern. Zur Einsparung von flüssigen Brennstoffen (Heizöl und Diesel) reaktivierte die Deutsche Reichsbahn zahlreiche kohlegefeuerte Dampflokomotiven für den Streckendienst. 50 3616 wurde deshalb ab 15. Februar 1984 im Raw Meiningen einer Ausbesserung unterzogen und anschließend dem Bw Karl-Marx-Stadt zugeteilt. Nach zwei Jahren Streckendienst und einem weiteren Intermezzo in Glauchau und Dresden gelangte die Lok im April 1987 wieder nach Karl-Marx-Stadt. Häufig war sie nun in Diensten der Einsatzstelle Aue im Einsatz, am 23. Dezember 1987 stand sie dort letztmalig im Plandienst, nachdem das Bw Karl-Marx-Stadt seine Einsätze bereits im Mai 1987 wieder beendet hatte. Anschließend kam sie noch bei Sonderfahrten zum Einsatz. 1990 erhielt sie im Raw Meiningen eine letzte Aufarbeitung als "selbst fahrbare Heizlok".

IV. Mit Volldampf über Sachsens Schienen

Der erste Kontakt des VSE zur 50 3616 erfolgte am 19. April 1990 im Chemnitztal. Im Rahmen einer Sonderfahrt mit 86 1501 bespannte sie einen planmäßigen Reisezug zwischen Chemnitz und Rochlitz. Am 24. Februar 1991 zog sie einen Foto-Sonderzug von Aue nach Blauenthal. Am 6. Dezember 1991 konnte in Berlin ein Kaufvertrag über 50 3616 abgeschlossen werden, ihre weitere Zukunft in Sachsen war damit gesichert. Nach vollständiger Begleichung des Kaufpreises traf 50 3616 am 17. Mai 1993 endlich in Schwarzenberg ein, wo sie anläßlich der 1. Schwarzenberger Eisenbahntage der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Einen Monat später erhielt die Lok ihre Zulassung.

Im September 1993 bespannte sie Sonderzüge zum 110jährigen Bestehen der Eisenbahnstrecke Johanngeorgenstadt - Schwarzenberg. Im Oktober 1993 und im März 1994 war die Lok an Plandampfveranstaltungen in Thüringen und der heute eisenbahnfreien Stadt Rochlitz beteiligt. Am Osterwochenende 1994 konnte sie erstmals einen aus VSE-Wagen bestehenden Sonderzug bespannen. Zu den Höhepunkten des Jahres 1994 zählen zweifellos auch die Pendelfahrten zum Tag der Sachsen in Annaberg-Buchholz gemeinsam mit einer Lok der Baureihe 312 der DB. Das Jahr 1995 brachte neben den normalen Sonderfahrten, u. a. nach Crottendorf, auch nochmals Einsätze vor planmäßigen Güterzügen zwischen Rochlitz und Glauchau sowie vor Fotogüterzügen im Westerzgebirge. Nach dem harten Winter 1995/96 waren einige Heizrohre zu ersetzen. In den Jahren 1996 und 1997 hieß es deshalb, etwas kürzer treten.

Am 20. September 1997 bespannte 50 3616 die vorläufig letzten Züge zwischen Schwarzenberg und Annaberg-Buchholz. Zehn Wochen später trat 50 3616 ihre Fahrt ins Dampflokwerk Meiningen an, die Hauptuntersuchung war fällig. Dank der Unterstützung durch den Freistaat Sachsen und zahlreicher Spender konnte die Lok von September 1998 bis März 1999 einer umfassenden Instandsetzung unterzogen werden. Am 13. März 1999 kehrte die Lok im Rahmen einer Sonderfahrt aus der "Dampflok-Klinik" zurück. Seither stand sie ohne größere Reparaturen wieder sechs Jahre vor dem VSE-Museumszug im Einsatz.

Die Fahrten führten sie nach Franzensbad in Böhmen, Leipzig, Delitzsch, Dresden, ins Striegistal nach Hainichen, ins Vogtland sowie nach Neuenmarkt-Wirsberg und seit 2003 auch wieder nach Schlettau. Bleibt nur zu wüschen, daß die Lok nach Ablauf der Untersuchungsfristen im März 2007 weiter unter Dampf stehen wird. Viele fleißige Helfer werden dafür benötigt.

Falk Thomas

Weitere Informationen über 50 3616 können Sie der Broschüre "Mit Volldampf über Sachsens Schienen - aus dem Leben der Dampflokomotive 50 3616-5" entnehmen, die zum Preis von 4,- Euro (zuzüglich 1,- Euro für Porto) beim VSE erhältlich ist.


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