Fahrzeuge der Preßnitztalbahn

Personenwagen 970-628

I. Vorbemerkung

Neben Dampflok 99 1542-2, deren Erstausführung vor 100 Jahren ausgeliefert wurde, begehen auch einige Wagen der Preßnitztalbahn in diesem Jahr runde "Geburtstage".

Einer davon ist Personenwagen 970-628. Anfang 1929 von Linke-Hofmann-Busch in Bautzen geliefert, hat er inzwischen exakt 70 Jahre überdauert. Obwohl erst 1996 bei der Museumsbahn in Dienst gestellt, war er trotzdem der erste Personenwagen des Vereins. 1990 stimmte die Deutsche Reichsbahn der Übernahme des vom Abrißzug in Großrückerswalde zurückgebliebenen Wagens zu. Übrigens war 970-628 einer von nur 22 sogenannten Traglastern, die schon von Werk an außen mit Blechen verkleidet waren. Grund, etwas ausführlicher über die "628" zu schreiben.

II. Technische Daten

Zwischen 1913 und 1914 beschafften die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen 95 vierachsige Personenwagen mit halbrundem Flachdach, schmalen Fenstern und einem Abteil für Traglasten. Der lediglich mit Sitzbänken aus Holzbrettern ausgestattete Wagentyp sollte den Park der großfenstrigen 3. Klasse-Wagen um die 4. Klasse ergänzen.

Nach dem Ersten Weltkrieg bestellte die neugegründete Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft von 1922 bis 1926 nochmals 144 Fahrzeuge dieser Bauart. 1928/1929 baute Linke-Hofmann-Busch letztmalig eine Serie von 22 Traglastern. Diese waren jetzt 2,44 statt 2,40 Meter breit und 10 Meter lang. Von Werk an erhielten sie eine Blechverkleidung, geteilte Zugstangen mit Scharfenberg-Kupplungen und eine Körting-Saugluftbremse. Der Drehzapfenabstand betrug 7,50 Meter, die Gesamtlänge 12,80 Meter, die Anzahl der Sitzplätze 50. Da 1928 die 4. Klasse abgeschafft wurde, lieferte LHB die Serie vermutlich bereits mit Bestuhlung der 3. Klasse.

Mit Fertigstellung der letzten drei Wagen 1929, zu denen der spätere 970-628 gehört, wurde die Herstellung von Fahrzeugen der Länderbahnbauart beendet. Im selben Jahr verließen die ersten Einheitswagen der zweiten Klasse die LHB-Werkhallen in Werdau.

III. Betriebseinsatz bei der Deutschen Reichsbahn

Als vorletztes Fahrzeug der Nachbauserie übernahm die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft 1929 den Wagen mit der Nummer K 1342. Für 1944 ist seine Stationierung in Oberwiesenthal nachgewiesen. Seit 1947 ist er in Kirchberg registriert gewesen. Dort wurde er 1950 in 7.1342 und 1958 in 970-628 umgezeichnet. Nach Einstellung des Personenverkehrs in Schönheide setzte die Deutsche Reichsbahn 1975 den Wagen ins Preßnitztal um.

Mit seinen zwei Kohleöfen war er besonders für die Personenzüge mit Güterbeförderung geeignet. Während einer Revision wurden jetzt die hölzernen Fensterrahmen gegen neue aus Aluminium getauscht. Die Gasbeleuchtung überstand hingegen alle Modernisierungen im Inneren des Wagens.

Nach Einstellung des Personenverkehrs auf der Preßnitztalbahn 1984 blieb der Traglaster weiterhin in Wolkenstein. Er diente fortan als Aufenthaltsraum der Bahnmeisterei. Seit 1985 war 970-628 im Abbauzug eingesetzt. Meter für Meter war er Zeuge der Zerstörung. Da der Rückbau der Gleise jedoch völlig unkoordiniert verlief, konnte der Abbauzug nicht mehr nach Wolkenstein. Im Bahnhof Großrückerswalde war Endstation. Während die zuletzt eingesetzte Diesellok, die spätere 199 008-4, und die Rungenwagen per Tieflader aus dem Tal abtransportiert wurden, blieben die Reisezugwagen 970-628 und 974-331 zurück.

Ab 1988 nahmen sich Eisenbahnfreunde innerhalb der IG Preßnitztalbahn im Kulturbund der DDR des Personen- und Packwagens an. Notdürftig und nach ihren Möglichkeiten tupften sie Farbe auf hervortretende Rostflecken und ölten regelmäßig die Achslager. Die beiden Fahrzeuge sollten Grundstock eines Ausstellungszuges à la Geyer werden. Jedoch lehnte die Deutsche Reichsbahn zunächst Anträge auf Übernahme der Wagen ab.

Während 974-331 angeblich für die Rekonstruktion und anschließenden Einsatz in Mügeln vorgesehen war, hätte 970-628 nach Oberrittersgrün umgesetzt werden sollen. Doch 1990 informierte die DR, daß beide Wagen kostenlos übernommen werden können. Per Übernahmeprotokoll wurde die IG Preßnitztalbahn Großrückerswalde am 13. Februar 1990 offizieller Eigentümer der beiden Wagen.

IV. Einsatz bei der neuen Preßnitztalbahn

Mit Beginn des Wiederaufbaus in Jöhstadt entschlossen sich die Großrückerswalder, beide Wagen in die Bergstadt zu geben. Im Juni 1991 fand die Überführung statt. Während an Packwagen 974-331 sofort Sandstrahlarbeiten begannen, erschien der Reparaturaufwand an 970-628 zu hoch.

1993 startete schließlich dann auch dessen Aufarbeitung. Nach dem Entfernen der Außenbleche stellte sich heraus, daß der hölzerne Wagenkasten äußerst marode geworden war. Die IG Preßnitztalbahn entschloß sich, den Kasten bis auf das Dach komplett abzuwracken. Im Stand 3 des Jöhstädter Lokschuppens begann die Zerlegung. Während das Dach auf einem Stahlrohrgerüst an Ort und Stelle blieb, wurde der Rahmen nach Abriß der "Zwischenbauten" aus dem Schuppen herausgefahren. Drehgestelle und Rahmen erhielten einzeln gründliche Aufarbeitungen. Sandgestrahlt, grundiert, lackiert und wieder auf Achsen unter das Dach im Schuppen geschoben, begann 1995 der originalgetreue Neubau des Kastens. Innerhalb eines Jahres bekam er wieder spanplattenverkleidete Innenwände, Aluminiumfenster, Gaslampen, moderne Duroplastlampen ("Bonbonlampen") und grüne Flachpolstersitze.

Zum Lackieren wurde der Wagen in das ehemalige Raw Chemnitz überführt. Anläßlich des Pfingstfestes 1996 stellte ihn die Preßnitztalbahn zur Eröffnung des Haltepunktes Forellenhof in Dienst. Noch in der Nacht zuvor waren Vereinsmitglieder mit dem Teeren des Daches beschäftigt...
Inzwischen steht 970-628 drei Jahre bei der Museumsbahn im Einsatz. Mit seinem mintfarbenen Innenraum, den Alufenstern, den Plastlampen und gemäß Beschriftung repräsentiert er den Zustand von 1984. Er stellt die modernste Ausstattung von Altbau-Schmalspurwagen bei der Deutschen Reichsbahn dar.

Als Originalfahrzeug der Preßnitztalbahn ist sein Heimatbahnhof mit Wolkenstein angegeben.

André Marks

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