Sitzwagen mit Traglastenabteil 970-214

Durch die erfreulichen Ereignisse um die I K Nr. 54 ging die Inbetriebnahme des vierachsigen Sitzwagens 970-214 durch die IG Preßnitztalbahn e.V. im Mai des vergangenen Jahres etwas unter. Das soll nun nachgeholt werden - hier ein Porträt zu diesem Fahrzeug.

Geschichtliches

Der von der Deutschen Reichsbahn zuletzt als 970-214 geführte vierachsige Traglastenwagen entstand im Jahr 1913 innerhalb der ersten, 95 Fahrzeuge umfassenden Lieferserie von Wagen dieses Typs (Gattung 729, Baujahre 1913/14). Die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen (K.Sächs.Sts.E.B.) stellten den in Bautzen mit 4.-Klasse-Holzbestuhlung und hölzerner Außenbeplankung gebauten Vierachser mit der Nummer 509K in Dienst. 1927 teilte ihm die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) die neue Betriebsnummer Dresden K1213 zu. Ein Jahr später wurde die 4. Klasse offiziell abgeschafft, im Inneren des Wagens änderte sich indes nichts. Anfang der vierziger Jahre zählte der als 3.-Klasse-Wagen geführte Waggon zum Bestand der Schmalspurbahn Grünstädtel - Oberrittersgrün.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab die Reichsbahndirektion (RBD) Dresden den Vierachser 1947/48 von Grünstädtel an den Kreis Westhavelland ab. Dieser setzte ihn gemeinsam mit anderen sächsischen Reisezugwagen auf dem nach Kriegsende noch befahrbaren Abschnitt Nauen - Senzke - Kriele der ehemaligen Kreisbahn Rathenow - Senzke - Nauen (RSN) ein. 1949 übernahm die Deutsche Reichsbahn die Betriebsführung dieser 750-mm-Bahn und änderte die Betriebsnummer des Traglastenwagens 1950 von K1213 in 7.1213. Während die Deutsche Reichsbahn bei einem Großteil der sächsischen Traglastenwagen ab Mitte der fünfziger Jahre die witterungsempfindliche und damit wartungsintensive äußere Holzbeplankung durch eine Blechverkleidung ersetzte, blieb dieser Umbau an 7.1213 aus.

Gemäß Umzeichnungsplan der Reisezugwagen der Rbd Berlin erhielt der Traglastenwagen 1958 die Betriebsnummer 970-214. Drei Jahre später endete der Verkehr auf der ehemaligen RSN. Die vier aus Sachsen stammenden Sitzwagen des „Netzes Nauen“ setzte die DR daraufhin im Juli 1961 auf die Insel Rügen um. Eine Änderung der Betriebsnummern der Fahrzeuge durch die Rbd Greifswald fand nicht statt.

Nach Einstellung der Süd- und Nordstrecke auf Rügen sah die DR für den noch immer mit äußerer Holzbeplankung versehenen 970-214 keine Einsatzmöglichkeiten mehr. Der lediglich mit Kohlenöfen beheizbare, aber immerhin inzwischen mit 2.-Klasse-Bänken ausgerüstete KB4tr (tr = Wagen mit Traglastenabteil) beschriftete „Sachse“ wurde 1967 ausgemustert.

Die Ferienlagerzeit

Die völlige Zerlegung blieb 970-214 nach seiner Ausmusterung auf der Insel Rügen erspart. Ohne seine Drehgestelle und Bestuhlung nutzte die Betriebsberufsschule (BBS) Schirgiswalde des Reichsbahnamtes (Rba) Bautzen den Kasten des Vierachsers gemeinsam mit mehreren anderen Aufbauten sächsischer Reisezugwagen als Ferienlager (siehe PK 107 und 108). Dazu wurden die Wagenkästen unter einem großen Schleppdach aufgestellt und mit Doppelstockbetten ausgerüstet. Bis Ende der achtziger Jahre nutzten so hunderte angehende Eisenbahner und Kinder von Eisenbahnern auch 970-214 als Schlafraum. Nach der Vereinigung und den damit einhergehenden neuen Reisemöglichkeiten für die Kinder der Reichsbahner blieb das Gelände ab 1990 ungenutzt, die Wagenkästen fielen in einer Art „Dornröschenschlaf“.

Übernahme durch die Preßnitztalbahn

Nachdem die IG Preßnitztalbahn e.V. bereits im Frühjahr 2001 einen ersten Wagenkasten aus dem ehemaligen Ferienlager entnommen hatte (den Oberlichtwagen 970-751, seit 2003 wieder im Einsatz), fand im Februar 2006 die Auflösung der Sammlung statt. Der Verein aus Jöhstadt übernahm dabei zwei weitere Wagenkästen: den des einst vierachsigen Oberlichtwagens 970-764 (ohne Oberlicht) - und den des einstigen Traglastenwagens 970-214. Beide trugen noch ihre ursprüngliche Holzbeplankung und wurden zunächst auf einem Gelände der PRESS GmbH eingelagert. Im September 2007 fiel dann der Startschuß für die betriebsfähige Aufarbeitung von 970-214. Während sein stählerner Rahmen erstmals nach Jöhstadt gelangte, begann die Tischlerei Hübner im erzgebirgischen Zwönitz mit der fast kompletten Erneuerung des hölzernen Wagenkastens.

Wiederauferstehung

Am 8. April 2008 brachte der Tieflader den im Rohbau fertiggestellten Wagenkasten ebenfalls nach Jöhstadt. Hier wurde er auf den in den Monaten zuvor wieder mit Bühnen und einem Sprengwerk versehenen Rahmen gesetzt. Die zwei für 970-214 bereitgestellten originalen Drehgestelle stammen von in den vergangenen Jahrzehnten auf der Insel Rügen eingesetzten Wagen sächsischen Ursprungs. Durch den Neubau von Drehgestellen für die modernisierten Sitzwagen der RüKB waren mehrere sächsische Altbau-Drehgestelle frei geworden, die die IG Preßnitztalbahn e.V. erworben hatte.

Im Verlaufe des Sommers 2008 fand in der Ausstellungs- und Fahrzeughalle im Jöhstädter Ortsteil Schlössel die Komplettierung des Wagens statt. Es galt, den 970-214 mit Fenstern, der Heizung, 2.-Klasse-Hartposter-Sitze (mit grünem Kunstleder), einem Abort, Lampen und Dachlüftern zu versehen. Letztere wurden als Bauart Grove ausgeführt, wie sie in den nördlichen Direktionen der Reichsbahn üblich waren. Diese Form war auf den Schmalspurwagen in der Rbd Dresden nur in Ausnahmefällen anzutreffen. Ende September brachte Vereinsmitglied Matthias Rothe die historische Fahrzeugbeschriftung als Wagen 970-214 der Rbd Greifwald auf, so wie er bis Mitte der sechziger Jahre auf der Insel Rügen im Einsatz gestanden hatte.

Als „kniffelig“ erwies sich der erstmalige Einbau einer Niederdruckumlaufheizung. Da der Wagen einst lediglich über Kohleöfen verfügt hatte, mußten alle dafür benötigten Baugruppen dem „Ersatzteilfundus“ des Vereins entnommen oder neu angefertigt werden. Anfang der neunziger Jahre waren z. B. bei der Zerlegung des Kastens von 970-580 in einem Gartengrundstück am Bahnhof Steinbach derartige Teile gewonnen worden, welche nun eine wertvolle Hilfe bei der Puzzlearbeit darstellten.

Als nicht ganz so einfach stellte sich der Nachbau der typischen Verkleidungsbleche für die beiden neu beschafften Kohleöfen heraus. Deren Einbau war nicht nur aus musealer Sicht wünschenswert, sondern auch, um den Wagen im Winter bei Rollwagenbetrieb oder bei Einsatz mit der I K Nr. 54 flexibel nutzen zu können. Eine absolute technische Neuheit stellt die Bremsanlage von 970-214 als Museumswagen dar: Er kann wahlweise per Saugluft oder aber auch per Druckluft gebremst werden - beide Bremssysteme wurden beim Neuaufbau unter dem Fahrzeugrahmen integriert. Dadurch ist er universell in den Zügen der Preßnitztalbahn verwendbar - sowohl mit den IV K, VI K und 99 4511, als auch mit den Dieselloks des Vereins oder anderen mit Druckluftzugbremsen versehenen Triebfahrzeugen. Damit ist er für Gasteinsätze auf anderen 750-mm-Bahnen in Deutschland prädestiniert, wo es keine Lokomotiven mit Saugluftbremse mehr gibt.

Wieder im Einsatz

Anfang Oktober 2008 fanden die ersten Probefahrten mit dem neuen Museumswagen auf der Preßnitztalbahn statt. Anschließend wurden im Inneren des Vierachsers verschiedene Restarbeiten ausgeführt. Unter anderem erhielt er dabei in der DDR typische Gepäckablagen aus Aluminium. Auf dem Wagendach wurden hingegen Heberleinrollen einschließlich einer originalgetreuen Umlenkvorrichtung montiert, um für Fotozwecke über den Wagen ein Seil spannen zu können. Auch dazu mußten zahlreiche Kleinteile nach altem Vorbild exakt neu angefertigt werden. Über eine funktionsfähige Heberleinbremse verfügt 970-214 hingegen nicht.

Am 13. Mai 2009 erteilte die Landesbahnaufsicht dem neuen Prachtexemplar der IG Preßnitztalbahn e.V. die Betriebserlaubnis. Seitdem kam er bereits viele Tage und Wochenenden auf der Preßnitztalbahn hinter verschiedenen Triebfahrzeugen anstandslos zum Einsatz, so zum Beispiel bei der ersten öffentlichen Fahrt von I K Nr. 54 am 29. August. In ihm reiste an diesem Tag übrigens unter anderem auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich.

Gemeinsam mit den ebenfalls holzbeplankten Sitzwagen 970-402 und 970-583 sowie den Gepäckwagen 97-30-06 und 974-316 erinnert 970-214 nun an die Zeit, in der einst fast alle Reisezugwagen auf den sächsischen Schmalspurbahnen mit Holzbeplankung unterwegs waren, aber auch daran, daß sächsische Wagen einst auch außerhalb der Rbd Dresden ausgeholfen haben.
AM/GS/ JM


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