Reisezugwagen 970-408

I. Vorbemerkung

Seit dem Pfingstfest 1999 ist der neunte und damit vorerst letzte Personenwagen der Preßnitztalbahn zugelassen. Es handelt sich um den großfenstrigen Sitzwagen 970-408.

Wie so oft dauerte seine Aufarbeitung bis wenige Stunden zuvor. Mit seiner außergewöhnlichen Geschichte 1969 ausgemustert, 1993 abgebrannt und 1996 bis 1999 wieder zusammengesetzt mit Teilen von mehreren anderen Wagen fügt sich seine Indienststellung in die lange Reihe ähnlich kurioser Wagenschicksale der Museumsbahn ein.

II. Technische Daten

Wagen 970-408 stammt aus einer 1922 von LHB in Bautzen gefertigten Nachbauserie von 52 Waggons der dritten Klasse, die sich an die sächsische Gattung 720 anlehnt (54 Wagen von 1912 bis 1913). Wie fast alle Reisezugwagen der sogenannten Länderbahnbauart war er ursprünglich holzbeplankt. Erst seit den fünfziger Jahren ließ die Deutsche Reichsbahn einen Großteil der Wagen mit Blechen verkleiden, so auch 970-408.

Die Länge des Fahrzeuges über Puffer beträgt 13,36 Meter, seine Breite 2,22 Meter. Der Wagenkasten mißt 10,80 Meter. Die Drehzapfen sind 8,10 Meter voneinander entfernt. Bei seiner Auslieferung wog der Wagen mit Holzbeplankung etwa 9,84 Tonnen und war mit Trichterkupplungen, Ofenheizung und Gasbeleuchtung versehen. In den sechziger Jahren ersetzte man das Holzgestühl gegen flache Hartpolstersitze der zweiten Klasse.

III. Betriebseinsatz bei den Staatsbahnen

Im Jahre 1922 wurde der Wagen noch mit der Nummer 643 K als Fahrzeug der Sächs. Sts. E. B. eingenummert. (Vgl. Abbildung S. 76 unten in: Fischer/Hoyer/Schulz: Die Wagen der sächsischen Sekundärbahnen, EK-Verlag, Freiburg 1998.) Bei der Deutschen Reichsbahn lief er seit 1927 zunächst als K 334. 1950 erhielt er die Nummer 7.0334. 1958 wurde er in 970-408 umgezeichnet.

Bis 1969 war der Reisezugwagen auf der Strecke Freital-Hainsberg Kurort Kipsdorf eingesetzt. In diesem Jahr erfolgte die Ausmusterung. Fünf Jahre war er darauf in Freital abgestellt, 1974 kam der Wagenkastens nach Wülknitz. Im dortigen Oberbauwerk diente er neben 970-003 als Aufenthaltsraum. Nachdem 970-408 im Sommer 1993 völlig abbrannte, schien sein Schicksal besiegelt zu sein. Am 1. Juli 1993 wurden die Reste des Kasten abgerissen, wenig später sollte der Rahmen folgen.

IV. Übernahme durch die Preßnitztalbahn

Auf der Suche nach einem neuen Untergestell für den Wagenkasten von 970-362 entschloß sich die Preßnitztalbahn, den übriggebliebenen Rahmen aus Wülknitz zu bergen. Am 9. Juli 1993 holte ihn der Verein gemeinsam mit 970-003 nach Jöhstadt.

Der Wagen 970-362 war bis zu seiner Ausmusterung 1966 auf der Schmalspurbahn Mulda Sayda im Einsatz. Die BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft) Mulda nutzte später den Wagenkasten in Nähe des Bahnhofes als Lagerraum. Ende 1991 übernahm die Preßnitztalbahn den Schuppen. Am 30. Dezember 1991 rollte er gemeinsam mit dem Kasten von 97-14-23 als vermutlich letzter "GmP" aus der Kleinstadt ab allerdings auf Transportwagen, gezogen von einer V100. Nach einem zwischenzeitlichen Aufenthalt in Freital-Hainsberg erfolgte am 15. August 1992 die Überführung des Kastens nach Jöhstadt.

V. Wagen 970-408 entsteht neu

Für eine betriebsfähig Aufarbeitung erwies sich der Rahmen des 1913 in Bautzen gebauten 970-362 als zu schlecht. Die Stahlkonstruktion wurde Ende 1995 in Schlössel zerlegt. Der Wagenkasten sollte an den Rahmen von 970-408 angepaßt werden. Doch auch der Holzaufbau der "362" hatte im Laufe der Jahre stark gelitten. Am 27. Februar 1996 ließ ihn die Preßnitztalbahn nach Zwönitz transportieren. In der dortigen Stellmacherei Michel wurde der Kasten (wie zuvor 1994/95 Wagen 970-402) bis 1998 fast komplett neu aufgebaut. Lediglich Teile des Daches und der Zwischenwände konnten von 970-362 genutzt werden.

Schon Mitte der neunziger Jahre wurde in Jöhstadt der noch mit seinem Sprengwerk versehene Rahmen von 970-408 sandgestrahlt und grundiert. Nach Zerlegung des Rahmens von 970-362 übernahm die "408" dessen behelfsmäßig montierte Drehgestelle. Diese stammten von dem im Sommer 1992 von der Preßnitztalbahn in Buchholz zerlegten sächsischen Untergestell von 970-279, welches der Verein zuvor am 22. Juni 1992 in Putbus (Rügen) gemeinsam mit denen von 970-465 und 970-621 (ebenfalls ehemals aus Sachsen) erworben hatte (Siehe PK 7).

Innerhalb der letzten Tätigkeiten des AW Görlitz Schlauroth setzten die dortigen Mitarbeiter im Dezember 1998 die Drehgestelle instand. Zuvor war schon am 21. Oktober 1998 der neue Wagenkasten von Zwönitz nach Schmalzgrube geholt worden. Noch unverkleidet und ohne Inneneinrichtung wurde er zunächst auf dem Untergestell von 974-316 zwischengelagert.

Die Komplettierung des Wagens begann im Januar 1999 in Jöhstadt. Bis März schlossen die Lehrmeister und Lehrlinge der Berliner S-Bahn GmbH, die bereits 1995-1997 an 970-458 ihr Können für die Preßnitztalbahn unter Beweis gestellt hatten, in der Bergstadt den Neubau der Bühnenenden ab. Zu späten Ehren kam auch nochmals 970-362. Innerhalb einer kurzfristigen Aktion erhielt 970-408 die 1995 nicht zerlegten Querträger des Muldaers (Baujahr 1913). Seine eigenen 1922 gefertigten waren vergleichsweise schlechter erhaltenen.

Am 31. März 1999 erfolgte in Jöhstadt die "Hochzeit" das Aufsetzen des Wagenkastens auf den Rahmen. Im April 1999 begann die Arbeit an der Blechverkleidung. Die Bühnenbleche wurden im Lokbahnhof vollständig neu angefertigt. Zur Lackierung wurde 970-408 in das AW nach Chemnitz überführt. Die Beschriftung fand am 16. Mai wieder in Jöhstadt statt. Für den Innenausbau kamen mehrere in den Jahren zuvor aus verschiedenen privaten Wagenkästen geborgene Teile zum Einbau, so viele Fensterführungen, Heizungsteile und die Öfen.

VI. Wiederindienststellung in Jöhstadt

Wie gewohnt dauerten die Arbeiten vor Inbetriebnahme des Wagens bis zur letzten Minute. So kamen erst in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag vor Pfingsten 1999 die Lampen zum Einbau, über den Tag am Freitag waren noch Einstellungen an der Bremse notwendig. In der Freitagnacht wurden dann die letzten Handgriffe im Wageninneren ausgeführt.

Am Freitag erteilte der Landesbevollmächtigte für Bahnaufsicht (LfB) schließlich die Betriebserlaubnis für den neunten Personenwagen der Preßnitztalbahn. Am Pfingstsonnabend, 22. Mai 1999, nahmen die Fahrgäste 970-408 in Besitz noch ohne Gepäcknetze und mit klemmenden Fenstern. Nach Komplettierung des Wagens und Einstellung der Fenster im Sommer 1999 steht 970-408 seit dem als Reisezugwagen zweiter Klasse mit grünen, flachen Hartpolstersitzen, Gas- sowie elektrischen Messinglampen, Dampf- und Ofenheizung sowie äußerer Blechverkleidung für den regulären Betrieb zur Verfügung.

Für Besucher der Museumsbahn ist die Gegenüberstellung der 1922 einer Serie entspringenden Wagen 970-402 und 970-408 besonders interessant. Während "402" holzbeplankt mit 3.-Klasse-Holz-Gestühl und Notsitzen in etwa dem Auslieferungszustand entspricht, zeigt sich "408" ganz im Stil der sechziger und siebziger Jahre, als die "Großfenstrigen" mit Blechen und grünen Flachpolstersitzen noch zum Bild vieler sächsischer Schmalspurstrecken gehörten.

Beschriftet mit Heimatbahnhof Wolkenstein soll der Wagen an diese Epoche aus der Geschichte der Preßnitztalbahn erinnern.

André Marks


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